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Interview / Archiv | Beitrag vom 13.08.2011

"Wir hatten nichts geahnt"

Berliner Ex-Bürgermeister Klaus Schütz befürchtet verblassende Erinnerung an den Mauerbau

Klaus Schütz (AP)
Klaus Schütz (AP)

Man sei in der West-Berliner Politik vollkommen überrascht gewesen, so der Sozialdemokrat und spätere Regierende Bürgermeister Klaus Schütz über den Beginn des Mauerbaus am 13. August 1961.

Hanns Ostermann: Es war ein Tag, der sicher nicht die ganze Welt verändert hat, aber ein tiefer Einschnitt war dieser 13. August vor 50 Jahren ganz gewiss, der Tag des Mauerbaus. Als einen Tag der Schande bezeichnete ihn Berlins regierender Bürgermeister Klaus Wowereit. Mehr als 130 Menschen verloren ihr Leben bei dem Versuch, die Mauer zu überwinden.
Katharina Hamberger erinnert an die damaligen Ereignisse und an die Reaktionen zweier maßgeblicher Politiker.
Über diesen Tag habe ich mit Klaus Schütz gesprochen. Er war zehn Jahre lang, bis 1977, regierender Bürgermeister von Berlin. Meine erste Frage an ihn: Wie haben Sie diesen Tag beziehungsweise die Nacht zuvor erlebt?

Klaus Schütz: Dieser 13. August fiel in die Zeit des Wahlkampf-Vorkampfes für die Bundestagswahl, und die Sozialdemokraten, deren Spitzenkandidat Willy Brandt war, hatten in Nürnberg am 12. August ein großes Treffen organisiert, um diesen Bundestagswahlkampf, für die Sozialdemokraten darf ich sagen, öffentlich zu beginnen, sodass wir also … den Tag davor waren wir in Nürnberg, in der Nacht waren wir auf der Straße, und wir wurden am 13. August sehr früh, es war schon hell, geweckt in Hannover durch den Bahnhofsvorstand, der den Regierenden Bürgermeister Willy Brandt aufforderte, zum Telefon zu kommen, um mit dem Chef der Senatskanzlei in Berlin über eine besondere Situation zu sprechen.

Ostermann: Gab es eigentlich Hinweise auf die Mauer oder wurde damals der Westen kalt erwischt?

Schütz: Ich lese ja auch, dass Nachrichtendienste und so weiter sich ein bisschen damit schmücken wollen, dass sie darüber schon vorher gewusst haben. Wir haben die ganze Zeit darüber diskutiert, was treibt wohl die DDR, um dieses außergewöhnliche Problem, dieser Flüchtlingsweglauf, den zu stoppen. Und da hatten wir natürlich auch bei uns sagen wir mal Vorstellungen, etwa dass man die Züge kontrollieren würde, die von und nach Berlin fahren würden, etwa dass man bestimmte Ausweise ausgeben wollte für Reisen in und um Berlin, also etwa solche Vorstellungen. Aber wir hatten nichts geahnt von dem, was dann vorgekommen ist. Und übrigens, ganz genau gesagt, kein Nachrichtendienst – und es gab eine ganze Menge – in Berlin damals hat uns auch nur einmal gesagt, was passieren würde und wann.

Ostermann: Willy Brandt, der damalige Regierende Bürgermeister, war fuchsteufelswild, er fühlte sich von den Alliierten, vor allem von John F. Kennedy im Stich gelassen. Wie konkret reagierte er?

Schütz: Nun, das hatte etwas damit zu tun, dass wir eigentlich davon ausgingen – und immer noch ausgegangen sind danach –, dass das eine Vier-Mächte-Stadt ist und dass eigentlich die drei Westmächte nicht akzeptieren dürften, dass die vierte zulässt, dass die DDR auf ihrem Territorium, nämlich im sowjetischen Sektor, uns den Westsektor nehmen, eine eigene Politik verfolgt. Darüber war er so sehr empört. Und wir sind ja von Hannover nach Berlin geflogen und er ist gleich auf eine große Veranstaltung gegangen, wo er sehr empört war, dass die Westmächte, ohne irgendeinen Hinweis zu geben, sich sagen wir mal da reingegeben hatten, dass die Sowjetunion mit ihrem Satelliten DDR machen konnte, was sie wollte.

Ostermann: Welche unmittelbaren Konsequenzen hatte die Mauer dann später für Westberlin, Herr Schütz?

Schütz: Man muss nüchtern sehen, wir mussten uns damit erst mal vertraut machen, was es gab, und wir haben darüber nachdenken müssen, wie können wir die direkten Auswirkungen für einzelne Bürger irgendwie kanalisieren. Da wurden bei uns die Fragen erörtert, wie man – schon sehr früh übrigens – wie man so etwas wie eine Regelung treffen kann, dass jemand in Westberlin, der in Westberlin wohnt, in Ostberlin arbeitet oder umgekehrt in Ostberlin wohnte, in Westberlin arbeitet, dass der trotzdem zu seinem Platz gehen konnte, wie konnten wir bestimmte familiäre Probleme leichter lösen. Da gab es dann mehrere Ansätze, und wir haben keinen gefunden, der funktionierte.

Ostermann: Sie waren zwischen 1967 und 77 Regierender Bürgermeister, haben Sie damals irgendwann damit gerechnet oder darauf gehofft, die Mauer könnte fallen?

Schütz: Eigentlich sind wir davon ausgegangen, dass das, solange der Kommunismus existiert in der Sowjetunion, wird er dafür sorgen, dass die Grenze, die dann geschaffen wird, lange dauern wird. Ich muss privat gestehen, obwohl das nicht intellektuell sagen wir mal befriedigend war, ich glaubte von Anfang an, dass man Berlin immer schneller zusammenführen würde, als es geteilt worden ist. Aber das war mehr Traum und mehr Illusion als Wirklichkeit.

Ostermann: Vor 22 Jahren fiel dann die Mauer, inwiefern ist sie heute noch in den Köpfen oder Herzen der Menschen? Oder anders herum, wie steht es heute um die deutsche Einheit?

Schütz: Ich glaube, man muss davon ausgehen, es ist auch eine Generationsfrage. Jeder, der das irgendwie mitgemacht hat, der wird sie nicht vergessen. Ob sie die dann nachfolgenden Generationen so leicht verschieben oder so was, das wage ich zu behaupten, ich befürchte sogar, dass selbst in Berlin und auch in Deutschland generell so eine Vergessenheit aufgekommen ist über das, was damals eigentlich in der Spaltung Deutschlands und der Spaltung Berlins andererseits auch mit der Mauer da ist. Deshalb bin ich eigentlich sehr zufrieden, dass man im Grunde genommen jetzt wieder mal daran erinnert hat, was für Außergewöhnliches, Absurdes und Brutales diese Mauer gewesen ist.

Ostermann: Der frühere Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Schütz, zum 13. August 1961. Herr Schütz, ich danke Ihnen für das Gespräch und wünsche ein schönes Wochenende!

Schütz: Danke sehr!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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