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Thema / Archiv | Beitrag vom 29.09.2009

"Wir haben ja unser Leben noch verändern können"

Klaus Kordon über den Neubeginn nach seiner Flucht aus der DDR

Klaus Kordon im Gespräch mit Ulrike Timm

 Klaus Kordon und seine Frau wurden 1973 von der Bundesrepublik freigekauft.
Klaus Kordon und seine Frau wurden 1973 von der Bundesrepublik freigekauft. (AP)

In seinen beiden Büchern "Krokodil im Nacken" und "Auf der Sonnenseite" erzählt Klaus Kordon nicht nur die Geschichte seiner Familie, sondern auch ein Stück deutsche Zeitgeschichte. Er habe mit seiner Flucht aus der DDR einen hohen Preis für die Freiheit bezahlt, "aber er war nicht zu hoch".

Ulrike Timm: Der Schriftsteller Klaus Kordon hat jetzt die Fortsetzung seines Buches "Krokodil im Nacken" vorgelegt, "Auf der Sonnenseite", erzählt vom Leben der Familie Lenz und damit in fast allem vom Leben der Familie Kordon in der Bundesrepublik 1973 bis 1989. Klaus Kordon ist jetzt unser Gast, schönen guten Tag!

Klaus Kordon: Schönen guten Tag!

Timm: Herr Kordon, Sie und Ihre Frau sind 1973 von der Bundesrepublik freigekauft worden, sind dann noch mal zurückgekehrt in Ihre Haftzelle 102 im Stasi-Knast, aber unter ganz anderen Umständen: Das Fernsehen drehte eine Dokumentation über Ihr Leben, nicht still und beklemmend, sondern laut und grell, vor allem die Augen müssen gut kommen, sagte der Regisseur. Was sagte Ihnen dieser nochmalige Besuch?

Kordon: Na, das war natürlich nicht der erste Besuch nach der Wende, ich war vorher schon mal da gewesen, das war bedrückender gewesen. Das erste Mal, nachdem die Mauer gefallen war und das Gefängnis dann zu einer Art Gedenkstätte umgewandelt worden war, da war das schon sehr bedrückend, wieder in dieser alten Zelle zu stehen oder auch in dem Raum des Vernehmers zu sein. Als ich dann mit dem Fernsehen da war, da war das natürlich nicht mehr so neu für mich und trotzdem konnte ich mich noch genau erinnern, bei welchem Sonnenstand es halb zwei ist. Also, ich habe noch alles genau in mir drin gehabt, auch das Gefühl, den Geruch der Zelle. Das war sehr interessant, wenn man nach so langer Zeit, nach einem Vierteljahrhundert, das alles immer noch in sich hat.

Timm: Sie haben dann monatelang auf Ihre Kinder warten müssen und die Kinder auf ihre Eltern, die waren in einem Heim in Ostberlin.

Kordon: Ja, ein ganzes Jahr sogar.

Timm: Haben die Kinder Ihnen eigentlich je Vorwürfe gemacht?

Kordon: Nein, Vorwürfe nicht. Sie haben es nicht verstanden, das war das Problem gewesen. Sie haben an ihre Kindheit in Ostberlin damals eigentlich eine schöne Erinnerung gehabt. Uns ging es gut, wir waren eine heile Familie. Die Sorgen der Eltern, die Probleme, die meine Frau und ich im Beruf hatten, meine Schreiberei, mit der ich nichts anfangen konnte, weil ich eben so schreiben wollte, wie ich denke, und nicht so, wie der Staat es sich wünscht – damit konnte man sie nicht belästigen, sage ich mal. Darum haben sie nur schöne Erinnerungen gehabt. Und plötzlich war alles kaputt, die Eltern im Gefängnis, die Kinder im Kinderheim. Das war eine unheimlich schwere Zeit für sie gewesen und sie haben da auch sehr gelitten. Aber als wir wieder zusammen waren, waren sie nicht irgendwie fremd geworden, sondern sie haben sich darum gestritten, wer bei uns im Bett schlafen darf, meine Tochter hat eine Strichliste geführt. Es war also nicht so, dass wir sagen würden: Da war nun was kaputt gemacht worden. Nur, sie haben es nicht verstanden, und ihnen das zu erklären – dazu waren sie zu jung.

Timm: Sie haben das jetzt relativ gelassen erzählt, ich habe im Buch aber gelesen, Ihre kleine Tochter hat zu Ihnen gesagt: Wenn es uns hier nicht gefällt, geht ihr dann wieder weg?

Kordon: Ja, genau.

Timm: Das muss im Herzen eigentlich ziemlich geknallt haben.

Kordon: Ja, natürlich, das ist klar. Ich meine, das war natürlich die Frage von der Tochter gewesen, weil sie immer gedacht hat, wir gehen irgendwo weg, wo es uns nicht gefällt. Und das war das, was ich mit Nicht-Verständnis bezeichne. Wir haben dann versucht, ja alles zu erklären, also auch die Familiengeschichte mit dem Bruder meiner Frau, der im Westen lebte und gestorben ist, meine Frau durfte nicht zur Beerdigung reisen. Wir haben versucht, ihnen alles klar zu machen, auch die Probleme, die wir hatten. Aber sie waren einfach zu jung. Nur: Später, als sie älter waren, da war mein Sohn mal im Osten zu Besuch, und als er wiederkam, hat er zu mir und meiner Frau gesagt: Wenn ihr da nicht gesessen hättet, hätte ich da sitzen müssen. Und da ist uns ein Stein vom Herzen gefallen, da haben wir gewusst, jetzt haben die Kinder gemerkt, dass wir es ja auch für sie getan haben, nicht bloß für uns.

Timm: Ich frage auch, weil eine Erfahrung sich durch dieses zweite Buch zu ziehen scheint, nämlich die, dass die Erfahrungen als politischer Häftling der DDR in der Bundesrepublik eigentlich so richtig niemand wissen wollte. Sie schreiben unter anderem von einer Fete, die lief frei nach dem Motto: Ach, nett, Sie waren im Stasi-Knast. Das muss Sie eigentlich ziemlich verwundert haben.

Kordon: Ja, das war so gewesen, dass meine Frau und ich furchtbare Angst hatten. Wir sind eigentlich zu dieser Party nur gegangen, weil man gesagt hat, ihr könnt doch nicht immer nur rumsitzen und traurig sein, und haben befürchtet, dass nun alle fragen: Wie ist es euch denn ergangen, wie war es denn gewesen, war es furchtbar, war es schlimm und so weiter – und zum Entsetzen mussten wir dann feststellen: Keiner wollte was wissen. Wie gesagt, wir wollten es gar nicht, wir wollten gar nicht so viel darüber reden, aber dass nun gar keiner was wissen wollte, das hat uns dann auch wieder zugesetzt.

Timm: Und es hat auch die Arbeitssuche erschwert. Sie haben "politischer Häftling" später tunlichst in Bewerbungen weggelassen.

Kordon: Ja, ich habe das gemerkt: Solange ich das nicht erwähnt hatte mit dem Gefängnis, da ging das immer ganz gut, da hat man gesagt, ist ein netter, junger Berliner, den können wir – das war ja alles in Hessen gewesen –, der wäre was für uns und so. Aber dann kam die Frage: Wie kamen sie denn eigentlich in die Bundesrepublik? Und wenn man dann gesagt hat, durch das Gefängnis, dann hat man gemerkt, da ist so ein bisschen die Klappe gefallen so nach dem Motto: Wenn er sich dort nicht an die Gesetze hält, hält er sich hier vielleicht auch nicht an die Gesetze. Also, man hat das so ein bisschen nivelliert, würde ich mal sagen, man hat diesen großen Unterschied nicht gesehen.

Timm: In dem Buch sagt der Lenz, der ja fast alles mit Ihnen gemeinsam hat: "Ein unbequemer Stuhl, der zwischen den Stühlen: Auf den Oststuhl gehörte Lenz nicht mehr, auf dem Weststuhl saß er nur auf einer Backe." Ist das bis heute das Lebensgefühl von Klaus Kordon?

Kordon: Nein, nein, das ist überhaupt nicht das Gefühl, sondern das war die Zeit, die ersten Jahre. Man muss sich natürlich erst mal an dieses neue Leben gewöhnen und ich war ja nun Exportkaufmann, musste viel reisen und eben auch gerade in den Ostblock. Ich war eine Zeit lang auch so der Spezialist dann für die Ostblockländer. Und da hat man oft das Gefühl gehabt, man kann beide Seiten ganz gut verstehen und man hat irgendwo dazwischengehangen, aber das hat sich geändert natürlich im laufe der Zeit und auch mit meinem Schreiben, ich habe ja dann relativ früh geschrieben und auch Erfolg gehabt. Nein, nein, ich habe dann schon auf dem richtigen Stuhl gesessen.

Timm: Klaus Kordon sitzt heute ganz sicher mit dem ganzen Hintern auf dem ganzen Stuhl, oder spürt er immer noch in sich diesen Ostweg, den er hinter sich hat?

Kordon: Na, den spürt man immer noch in sich, das ist ganz klar. Man hat vielleicht auch viel mehr Verständnis für manche Situationen im Osten, weil man sie eben gut kennengelernt hat. Es ist vielleicht was anderes, ob einer im Schwarzwald lebt und dann kein richtiges Verständnis für die Leute in Mecklenburg-Vorpommern hat. Wenn man aber in der DDR aufgewachsen ist und, wie gesagt, ich war 30, als ich da weggegangen bin, dann hat man immer so ein bisschen das Gefühl, man weiß ja, was die Leute für Probleme hatten und wie schwer sie es hatten und dass manch einer sich dann angepasst hat. Wenn man selber es auch nicht getan hat, hat man trotzdem ein gewisses Verständnis dafür, weil man lebt ja nur einmal.

Timm: Ihr Buch ist dann letztlich ein Gang in Siebenmeilenstiefeln durch die Geschichte der Bundesrepublik, Klaus Kordon, und die kritisieren Sie immer ein wenig von links. Ich habe mir vorgestellt – wie oft haben Sie denn den Satz gehört: "Dann gehen Sie doch nach drüben", ausgerechnet Klaus Kordon?

Kordon: Ja, den habe ich öfter gehört. Das war natürlich lustig, weil ich dann gesagt habe: Von da komme ich ja gerade. Also, das mit dem Kritisieren muss ich mal so darstellen: Ich fühle mich als Patriot und ein Patriot, der sein Land liebt, der muss versuchen, daran mitzuarbeiten, dass es besser wird in diesem Land. Und wenn man kritisiert, ist immer Hoffnung da, denn wenn ich keine Hoffnung hätte, ich könnte was verändern, würde ich gar nicht erst kritisieren.

Timm: Ist diese Hoffnung das Krokodil, das Ihnen heute im Nacken sitzt?

Kordon: Das Krokodil ist das schlechte Gewissen, das man eigentlich immer im Nacken haben sollte, immer, wenn etwas passiert, wo man meint, das kann man nicht abnicken, da musst du Widerspruch leisten. Das habe ich in der DDR gelernt. Da habe ich gelernt, dass man nicht alles abnicken darf. Und als ich dann in den Westen kam, habe ich dort einige Erfahrungen gemacht, gerade auch im Berufsleben damals, in meinem alten Beruf, wo ich gesagt habe: Das kannst du nicht abnicken, das ist nicht in Ordnung, was da passiert. Und dann war das Krokodil wieder da mit seinen Krokodilzähnen.

Timm: Die Erfahrungen waren Erfahrungen mit dem real existierenden Kapitalismus ...

Kordon: Genau.

Timm: ... im Berufsleben, und in dem Buch findet sich auch der Satz: "Lenz hätte sich gerne einen Sozialisten genannt". Das klingt mächtig nach Stoßseufzer. Ist das auch ein Stoßseufzer von Klaus Kordon?

Kordon: Nein, das ist kein Stoßseufzer, das ist einfach so, dass ich einfach das Wort sozial und Sozialist gerade stellen möchte. Das hat ja manchmal, bei manchen Leuten schon fast so einen bisschen negativen Beiklang, wenn man sagt, man möchte eigentlich ein Sozialist sein. Sozial ist für mich etwas, dass Menschen für Menschen da sind, dass Menschen einander helfen, dass die Starken den Schwachen helfen, und das halte ich einfach für ganz normal. Nur, ich schreibe dann auch, dass es diesen Sozialismus nicht gibt, ich schreibe dann auch, dass es den im Osten nicht gab – und das wird ja im Zusammenhang mit der Terrorszene im Westen dann geschildert – und dass auch diese Sozialisten im Westen ja diese Art Sozialismus mit Gewalt durchsetzen wollten, dass die keine wirklichen Sozialisten waren. Denn sie haben ja Menschen vernichtet, und das ist nicht sehr sozial.

Timm: Das Buch ist ja auch ein Balancieren, Sie mit Ihrer ostdeutschen Erfahrung, die Sie ins Gefängnis gebracht haben, kritisieren auf der einen Seite Auswüchse des Kapitalismus in Westdeutschland, dass Sie eben sagen, Moment, hier geht es nur noch ums Geld, und auf der anderen Seite sagen Sie, okay, die Linke in Westdeutschland hat letztlich von vielen Erfahrungen, die Sie gemacht haben, so was von keine Ahnung, dass es Papier ist, was die ...

Kordon: Ja, das ist ja das Interessante, wenn einer aus dem Osten in den Westen kommt, dass der natürlich immer vergleicht. Das geht ja allen so, die einen ähnlichen Lebensweg hinter sich haben. Man hört zum Beispiel dann, dass die Terroristen damals, Baader, Meinhof und so weiter, dass die einer Isolationsfolter unterlegen waren, und hört dann, wie gemütlich die in ihren Zellen gelebt haben. Man selber hat aber eine solche Folter hinter sich, nämlich bei der Stasi, und da stellt man Vergleiche an. Und dann sagt man sich manchmal: Wie großzügig ist dieser Weststaat zu seinen Gegnern?

Timm: ... und reagiert ganz empfindlich auf den Satz "Dann geh doch nach drüben"?

Kordon: Na, das auf jeden Fall!

Timm: 1989 fiel ein Staat in sich zusammen, die DDR ist implodiert, ein Staat, den Sie 16 Jahre früher verlassen haben. Waren das 16 gewonnene Jahre für Ihre Familie?

Kordon: Ja, auf jeden Fall. Wir überlegen manchmal so, auch mit den Kindern, was gewesen wäre, wenn wir es nicht gemacht hätten. Das wäre tragisch geworden. Meine Frau wäre wahrscheinlich an Depressionen zugrunde gegangen; ich wäre vielleicht Alkoholiker geworden, denn ich kam in meinem Brotberuf nicht vorwärts, weil ich nicht in einer Partei war, ich konnte nicht so schreiben, wie ich denke; die Kinder hätten unter diesen Eltern gelitten. Also, wenn wir das nicht gemacht hätten, dann wäre wahrscheinlich die ganze Sache sehr tragisch geendet. Ich sage immer: Wir haben damals einen hohen Preis für unsere Freiheit bezahlt, aber er war nicht zu hoch. Wenn man alles zusammennimmt, sagt man: Nein, er war nicht zu hoch, wir haben dadurch wirklich nicht nur 16 Jahre gewonnen, wir haben ja unser Leben noch verändern können. Denn wenn wir gewartet hätten bis 1989, ja, da wäre ich zu alt gewesen wahrscheinlich, um noch mal irgendwie neu anzufangen. Damals war ich 30, das war ein gutes Alter, noch mal neu durchzustarten.

Timm: Der Schriftsteller Klaus Kordon. In seinen beiden Büchern "Krokodil im Nacken" und "Auf der Sonnenseite" erzählt er nicht nur die Geschichte seiner Familie, sondern auch ein Stück DDR-Geschichte und ein Stück Geschichte der Bundesrepublik. Vielen Dank für Ihren Besuch hier im Studio, Klaus Kordon, und viel Erfolg mit dem Buch!