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Interview / Archiv | Beitrag vom 18.02.2011

"Wir haben hier kein ethnisches Problem"

Teilnehmerin des Projektes "Junge Islam Konferenz" über Integration aus Sicht der Jugendlichen

Aylin Selcuk im Gespräch mit Marcus Pindur

Ein Ergebnis der "echten" Islam Konferenz: Islamunterricht in Schulen. (AP)
Ein Ergebnis der "echten" Islam Konferenz: Islamunterricht in Schulen. (AP)

Heute und morgen simulieren 40 Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund in Berlin die Deutsche Islam Konferenz. Teilnehmerin Aylin Selcuk sagt, dass in Deutschland vor allem die soziale Situation für Jugendliche problematisch sei.

Marcus Pindur: 40 Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund simulieren heute und morgen in Berlin die Deutsche Islam Konferenz. Die Jugendlichen wollen dabei eigene Empfehlungen für das Zusammenleben in Deutschland entwerfen. Die 17- bis 23-jährigen Teilnehmer versetzen sich in die reale Verhandlungssituation der Islam Konferenz und übernehmen die Rollen der beteiligten Institutionen und Personen.

Aylin Selcuk studiert Zahnmedizin, sie ist 22 Jahre alt und übernimmt auf der Jungen Islam Konferenz die Rolle der Ausländerbeauftragten Maria Böhmer. Ich habe vor der Sendung mit Aylin Selcuk gesprochen. Sie ist bekannt geworden als die Gründerin des Vereins "Die DeuKische Generation". Und als Erstes habe ich sie gefragt, wozu braucht man denn die simulierte Junge Islam Konferenz?

Aylin Selcuk: Na ja, das ist, um Politik einfach verständlich zu machen für die Jugend, damit man sich in Politiker hineinversetzen kann und damit man sich auch ein Bild darüber machen kann, wie so eine Konferenz abläuft, und dass man Kompromisse finden muss und manchmal auch seinen Standpunkt ein bisschen ändern muss, um einfach einen Weg zu finden, und es ist total wichtig, dass Jugendliche auch da herangeführt werden.

Pindur: Sie bezeichnen sich selber als eine gläubige, aber liberal erzogene Muslima und müssen jetzt in diesem Planspiel Maria Böhmer, die Ausländerbeauftragte, darstellen. Haben Sie viel Zeit darauf verwendet, sich in die einzufühlen?

Selcuk: Das praktische an der Sache ist, dass ich die Frau Professor Böhmer ja auch persönlich kenne, und daher weiß ich auch, wie sie denkt, wie ihre Haltung ist zu gewissen Themen. Und deswegen habe ich jetzt nicht eine große Vorbereitung dafür gebraucht. Aber wir haben von den Veranstaltern vorher auch einen Reader bekommen über 150 Seiten mit Informationen zur Religion, dem Islam allgemein, und dann zum Ablauf, und dann zu den verschiedenen Charakteren und Teilnehmern der Islam Konferenz, und deswegen müsste eigentlich auch jeder sehr gut sich darauf vorbereiten können.

Pindur: Da nehmen nicht nur junge Leute mit dem sogenannten Migrationshintergrund teil, sondern auch Deutsche, an dieser jungen Islam Konferenz. Sie wollen dann auch Vorschläge erarbeiten, die an die Islam Konferenz gerichtet werden sollen. Was haben Sie denn da so im Kopf, was da an Vorschlägen kommen könnte von Ihnen?

Selcuk: Also es geht darum, dass auch praktische Sachen umgesetzt worden sind, zum Beispiel wie der Islam-Unterricht. Und nach der ersten Phase der Islam Konferenz gibt es Personen, die sich darum bemühen, dass es Islam-Unterricht gibt an Schulen, wo es eine bestimmte Prozentzahl von gläubigen muslimischen Schülerinnen und Schülern gibt. Oder es geht darum, dass Imame auch in Deutschland ausgebildet werden, und so weiter. Also es gibt auch ganz viele praktische Aspekte, die einfach auch an den 0815-Bürger durchdringen müssen.

Pindur: Frau Selcuk, Sie haben vor mehreren Jahren den Verein "Die DeuKische Generation" gegründet. Da steckt drin natürlich die deutsche und die türkische Generation. Sie setzen sich dort besonders für Belange von deutsch-türkischen Jugendlichen ein der dritten Generation. Haben Sie das Gefühl, dass sich in den Jahren, in denen das jetzt ja mittlerweile schon diskutiert wird, dieses ganze Thema Integration und miteinander leben und auskömmlich miteinander leben, dass sich da was getan hat?

Selcuk: Ja, auf jeden Fall. In den letzten Jahren hat sich eine Menge getan. Wir haben auch an einigen Sachen auch Rückschritte gemacht, das zeigt uns die Sarrazin-Debatte, aber in vielen Bereichen haben wir auch Fortschritte gemacht. Und ich glaube, viele haben akzeptiert, dass Deutschland sich ändert, dass Deutschland sich wandelt, dass die Welt sich ändert und wandelt - wir leben in einer globalen Welt – und dass man offener sein muss, aber dass es natürlich auch Herausforderungen gibt, und da müssen wir einfach gemeinsam anpacken und ansetzen, um diese zu bewältigen.

Pindur: Haben Sie denn das Gefühl, dass die Debatte offener geführt wird, und haben Sie vor allen Dingen das Gefühl, dass auch die konkreten Probleme konkret angepackt werden?

Selcuk: Na ja, also zurzeit habe ich so ein bisschen das Problem, dass teilweise es nicht zu konkret angepackt wird, weil in den Medien wurde wirklich in den letzten Monaten mehr auf Feindbilder abgezielt, und das ist eigentlich nicht etwas Konkretes, was die Problematik voranbringen kann. Wir müssen schauen: Wir haben hier kein ethnisches Problem, wir haben hier kein Problem mit den Türken allgemein, was auf die Ethnie begrenzt ist, sondern wir haben hier ein soziales Problem. Wir haben Probleme mit unserem Bildungssystem. Unser Bildungssystem ist noch nicht mal auf mittlerem europäischen Niveau. Und das sind alles Sachen, die haben weniger mit Ethnie zu tun, und darauf müssen wir uns fokussieren. Und erst wenn wir die Probleme beim Namen benennen, können wir erst Problemlösungsansätze finden. Aber …

Pindur: Haben Sie denn das Gefühl, dass sich die Immigrantenkultur auch ändert in Deutschland?

Selcuk: Natürlich! Das ist ein ganz anderes Gefühl. Ich meine, ich habe ein ganz anderes Verhältnis zu Deutschland als meine Eltern. Ich bin hier geboren, ich bin primär deutsch und ich fühle mich auch als Deutsche und möchte auch so gesehen werden. Und ich reagiere ziemlich empört, wenn mich Leute fragen, na ja, woher kommst du ursprünglich, und da kommt es manchmal auch zu Antworten, die dann ein bisschen unhöflich erscheinen, aber die muss dann mein Gegenüber einfach verstehen in dem Moment, dass ich dann sage, ich komm von Mama.

Pindur: Sie schreiben jetzt ein Buch derzeit. Da stellen Sie sich Deutschland im Jahr 2030 vor. Wie sieht das Deutschland des Jahres 2030 dann anders aus als das heutige?

Selcuk: Ich denke, dass das Deutschland im Jahre 2030 auf jeden Fall offener sein wird, denn ich sehe es in meiner Generation. In meiner Generation gibt es weniger Vorurteile, meine Generation ist besser vernetzt, wir sind im Zeitalter des Internets, jeder weiß, was in einem anderen Land abgeht praktisch, wir kriegen jetzt live aus dem Internet sofort mit, wie es in Ägypten ist, und unser Menschenbild verändert sich, wir sehen, dass es nicht nur irgendwie Deutsche gibt und Franzosen und Engländer und Türken, sondern dass wir erst mal alle Menschen sind und dass vieles uns verbindet einfach. Und ich glaube, dass das meine Generation ziemlich gut nachfühlen kann, und ich bin auch in der Generation der Lebensläufe. Viele von uns machen im Ausland Praktika oder ein normales soziales Austauschjahr und so weiter. Wir lernen viele verschiedene Kulturen kennen und wissen auch, dass verschiedene Kulturen eine Bereicherung sind.

Pindur: Frau Selcuk, vielen Dank für das Gespräch!

Zum Thema:
Homepage des Vereins "DeuKische Generation"

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