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Thema / Archiv | Beitrag vom 03.01.2011

"Wir haben eine indische Mikrofinanzkrise"

Finanzwissenschaftler über Problemfälle bei Mikrokrediten

Reinhard Schmidt im Gespräch mit Joachim Scholl

Arbeiterinnen in einer Ziegelfabrik in Indien - besonders im Süden des Landes sind viele Menschen überschuldet (AP)
Arbeiterinnen in einer Ziegelfabrik in Indien - besonders im Süden des Landes sind viele Menschen überschuldet (AP)

Das Mikrofinanzsystem in Südindien ist bedroht, sagt Reinhard Schmidt, Professor für internationales Bank- und Finanzwesen. Die kommerzielle Orientierung der Mikrokredite habe zwar in einigen Fällen zu einer modernen Form der Ausbeutung geführt. Eine weltweite Krise gebe es aber nicht.

Joachim Scholl: 2006 hat er dafür den Friedensnobelpreis erhalten, der Ökonom Mohammad Yunus aus Bangladesch für seine Erfindung des Mikrokredits. Ein Kleinkredit an arme Menschen, die sonst nie und nimmer einen Kredit bekommen hätten – Geld etwa für ein kleines Unternehmen, eine Wäscherei oder Garküche. Und dieses Modell hat tatsächlich viele Menschen, Millionen sogar, aus der Armut befreit. Doch jetzt liest man Schlagzeilen, Schlagzeilen wie diese: Das Erfolgsmodell kippt, stand etwa in der "Wirtschaftswoche". In Indien hat es eine Welle von Selbstmorden verzweifelter Mikrokreditschuldner gegeben. Ich bin jetzt mit Reinhard Schmidt verbunden, Professor für internationales Bank- und Finanzwesen in Frankfurt am Main. Guten Tag, Herr Schmidt!

Reinhard Schmidt: Guten Tag!

Scholl: Um zu verstehen, was da jetzt anscheinend so bös schiefzugehen droht, sollten wir uns nochmals verdeutlichen, wie genau dieses Instrument des Mikrokredits nach Mohammad Yunus funktioniert. Erklären Sie es uns kurz?

Schmidt: Ja, ich kann Ihnen das gut erklären. Die Variante von Mikrofinanzierung, die in der Grameen Bank, der Bank, die Mohammad Yunus aufgebaut hat, ausgeübt wird, läuft so, dass Gruppen gebildet werden von etwa zehn Frauen, und die schließen sich zusammen und stellen gemeinsam einen Antrag auf einen Kredit. Der Kredit wird dann allerdings den einzelnen Frauen gewährt. Und in dem Maße, in dem eine Frau aus der Gruppe zurückzahlt, werden andere in die Lage versetzt, aus demselben Programm auch noch einen Kredit zu bekommen. Wenn schließlich alle zurückbezahlt haben, dann kann die ganze Sache neu anfangen, meistens auf einem höheren Niveau, sodass größere Vorhaben finanziert werden können.

Scholl: Was ist jetzt passiert, Herr Schmidt, dass dieses Erfolgsmodell so in der Kritik ist?

Schmidt: Es sind zwei Dinge im Wesentlichen passiert. Das eine ist, die von mir im Prinzip für sehr sinnvoll gehaltene kommerzielle Orientierung – das heißt die Ausrichtung darauf, dass Mikrofinanzinstitutionen Gewinne machen müssen und ihr Kapital, was sie sich beschaffen, auch wirklich verzinsen können –, diese kommerzielle Orientierung ist in einigen Fällen entschieden zu weit gegangen. Und das hat dazu geführt, dass die Mikrofinanzinstitutionen, die jetzt in letzter Zeit an die Börse gegangen sind – das ist eine in Mexiko und eine in Indien –, ihre Geschäfte in einer Weise betreiben, die äußert großen Anlass zur Besorgnis, zum Befremden geben. Also das wird einfach eine moderne Form der Ausbeutung. Das Zweite, was passiert ist, bezieht sich speziell auf Indien. Da ist die Mikrokreditvergabe so enorm gewachsen, sie hat sich in fünf Jahren verzehnfacht – das muss man sich vorstellen, was das für ein Wachstum bedeutet –, dass viele Leute einfach überschuldet sind, ihre Schulden nicht mehr zurückbezahlen können. Und dann haben etwa 40 Personen, soweit man weiß, angeblich deshalb Selbstmord begangen. Das hatte zur Folge, dass die Regierung des Bundesstaates Andhra Pradesh die Kunden der Mikrofinanzinstitutionen aufgefordert haben, ihre Kredite nicht mehr zurückzuzahlen, und das tun sie auch. Und deswegen ist die Mikrofinanz in dem südlichen Bundesstaat Andhra Pradesh in Indien bedroht, einfach zusammenzubrechen.

Scholl: Das heißt, wir haben eine Mikrofinanzkrise?

Schmidt: Wir haben eine indische Mikrofinanzkrise. Die Vorstellung, dass sich das weltweit ausbreitet, ist nicht angemessen, die Situation in anderen Ländern ist ganz anders.

Scholl: Aber Sie sagten, Herr Schmidt, vorhin, das erste Argument dafür, dass dieses Erfolgsmodell jetzt anscheinend zu kippen droht, dass die Kreditgeber, die Banken hier Missbrauch treiben. Wie sieht dieser genau aus? Also sind dann die Zinsen zu hoch, dass die Leute die Kredite nicht mehr zurückzahlen können? Was läuft da schief?

Schmidt: Also ich habe zwei Fälle genannt, der eine Fall ist die Mikrofinanzinstitution Compartamos aus Mexiko, die hat im Jahre 2007 einen Börsengang unternommen und ist wahnsinnig hoch bewertet worden. 60 Prozent der Aktien gehören Hedgefonds, und da kann man sich nicht wundern, dass die Zinsen, die diese Institution verlangt, völlig abwegig hoch sind, auch gemessen daran, dass die Kosten der Mikrofinanzierung hoch sind. Völlig abwegig hoch heißt also in der Größenordnung von 80 Prozent pro Jahr, wo gute Mikrofinanzinstitutionen mit 20, 15, 25 Prozent auskommen. Und das ist der Missstand in dem einen Fall. Und in dem anderen Fall ist es einfach ein so enormes Wachstum der Kreditvergabe, dass man einfach nicht auf die Kreditfähigkeit der Kreditnehmer geachtet hat und die in eine Schuldenfalle getrieben hat.

Scholl: Die Mikrokredite in Misskredit. Deutschlandradio Kultur im Gespräch mit dem Finanzwissenschaftler Reinhard Schmidt. Sie haben, Herr Schmidt, 2006, als Mohammad Yunus weltweit gefeiert wurde durch die Verleihung des Friedensnobelpreises, warnend den Finger gehoben und in einem Essay für die "Zeit" geschrieben: Moment Freunde der Nächstenliebe, ganz so toll wird das nicht funktionieren. Was war damals Ihre Kritik, Herr Schmidt?

Der Friedensnobelpreisträger 2006 Mohammed Yunus präsentiert seine Medaille und Urkunde in Oslo. (AP)Für Schmidt Repräsentant einer Richtung der Mikrofinanzierung: Friedensnobelpreisträger Mohammed Yunus (AP)Schmidt: Meine Kritik damals war eine ganz andere als die, die ich eben formuliert habe. Yunus ist nicht der Repräsentant der Mikrofinanzierung, sondern er ist der Repräsentant einer Richtung der Mikrofinanzierung, die nach einem ganz eigenartigen Geschäftsmodell funktioniert hat, jedenfalls bis vor einigen Jahren, nämlich als ein charismatischer Redner, der eine unglaublich eindrucksvolle Person ist, Mohammad Yunus, durch die Welt gereist und hat wohlmeinende Leute, wohlmeinende Institutionen dazu gebracht, seine Grameen Bank durch Subventionen zu unterstützen. Die Grameen Bank ist eine völlig subventionsabhängige Institution gewesen, und das ist kein Vorbild für die inzwischen vielleicht 2000 existierenden, sehr ernsthaften Mikrofinanzinstitutionen, denn nicht jeder kann zu Hillary Clinton fahren und um Subventionen betteln.

Scholl: Man könnte ja nun resigniert sagen, nun ja, Mikrokredit ist so eine Art Marxismus, von der Idee als Philosophie toll, in der Praxis aber nicht durchsetzbar, wenn sozusagen mit dem menschlichen Faktor auch noch so die Reißzähne der Hochfinanz dann ins Spiel kommen und das ganze Modell zerfleischen. Ist der Mikrokredit jetzt auch durch diesen Missbrauch, durch diese Missbrauchsfälle oder durch die Möglichkeit des Missbrauchs am Ende?

Schmidt: Also ich glaube, da ist viel mehr die Presse am Ende. Es gibt sehr, sehr viele Mikrofinanzinstitutionen, die ein sehr ordentliches und sozial höchst relevantes Geschäft betreiben, das sind 99 Prozent der entsprechenden Institutionen auf der Welt. Und die sind keineswegs am Ende, die werden nach wie vor gebraucht, und die tun etwas, was ausgesprochen vorteilhaft ist unter sozialen und Wirtschaftsentwicklungsgesichtspunkten, und sozusagen diese Ausreißer sind wirklich Ausreißer, das sind Ausnahmen. Man muss sich das vorstellen, und ich habe da ein gewisses Vorurteil: Wenn man Mikrofinanzierung betreibt und da Hedgefonds in ganz starkem Maße involviert, dann geht das eben daneben. Mikrofinanzierung ist etwas, was eine kommerzielle Orientierung, also finanzielle Tragfähigkeit der Institutionen und soziales Engagement in einen Ausgleich bringen muss – das scheint mir bei den beiden genannten Fällen gerade nicht gegeben zu sein. Und es ist nicht einmal notwendigerweise so, dass wenn eine Mikrofinanzinstitution an die Börse geht, dass deswegen dieser Ausgleich nicht mehr stattfinden könnte.

Scholl: Wir haben gerade ... Wir sind gerade in den Nachwehen der Finanzkrise, und dort wurde immer nach der Ordnungsmacht gerufen, nach den Regularien. Ist das Mikrofinanzwesen zu wenig reguliert?

Schmidt: Nein, das ist sehr unterschiedlich von Land zu Land. Es hat sich in vielen Ländern eine ganz vernünftige Mikrofinanzregulierung eingespielt in den letzten zehn und 15 Jahren – manchmal gibt es auch zu viel Regulierung. Gerade der besondere, der aktuelle Fall von Andhra Pradesh, dem südlichen Bundesstaat in Indien und der Mikrofinanzinstitution SKS lässt einen sehr vorsichtig sein gegenüber der staatlichen Rolle als Regulierer. In Andhra Pradesh ist es so, es gibt sozusagen einen ganz heftigen Wettbewerb zwischen einem staatlich gelenkten und staatlich gesteuerten Mikrofinanzsystem und dem privaten. Und die Institutionen, die jetzt die großen Probleme haben, sind die privaten, und die sind natürlich ganz massiv gesteigert worden durch die staatlichen Interventionen. Böse Zungen behaupten, die staatlichen Stellen wollen die private Konkurrenz totmachen.

Scholl: Nun könnte man jetzt immer sagen, was wir auch gehört haben in unserer Finanzkrise: Der Kunde muss klug sein und sich beraten lassen. Jetzt sind sehr arme Menschen vielleicht von einem Kredit abhängig und jetzt auch nicht unbedingt in der Lage zu entscheiden, zu wem sie gehen. Gibt es denn da hier Möglichkeiten, die Spreu vom Weizen zu trennen für die Kreditnehmer?

Schmidt: Also ich bin da radikal der Meinung, das gehört zu den Verantwortlichkeiten der Kredit vergebenden Institutionen, dass die darauf achten, dass sich die Kreditnehmer nicht zu sehr verschulden. Die haben die Verpflichtung, die ethische, moralische, aber in manchen Ländern zum Glück auch rechtliche Verpflichtung, auf die Kreditfähigkeit wirklich zu achten.

Scholl: Das Modell der Mikrokredite ist noch nicht am Ende, sagt Reinhard Schmidt von der Universität Frankfurt am Main. Herr Schmidt, ich danke Ihnen für das Gespräch!

Schmidt: Danke auch, auf Wiederhören!

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