Dienstag, 2. September 2014MESZ11:18 Uhr

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Interview / Archiv | Beitrag vom 17.04.2012

"Wir haben ein bisschen was aufzuholen"

Studie zu Führungskräften zeigt größeren Bedarf nach Zusammenarbeit von Politik und Wirtschaft

Tobias Leipprand im Gespräch mit Christopher Ricke

Mehr Zusammenarbeit zwischen Politik und Wirtschaft, das wünschen sich Manager und Führungskräfte.
Mehr Zusammenarbeit zwischen Politik und Wirtschaft, das wünschen sich Manager und Führungskräfte. (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)

In Deutschland gebe es keine Geschichte einer guten Zusammenarbeit von Politik und Wirtschaft, sagt Tobias Leipprand vom Think Tank Neue Verantwortung. Er fordert ein "grundsätzliches Umdenken". Führung betreffe nicht nur die Top-Ebene, sondern alle verantwortungsvollen Personen einer Gesellschaft.

Christopher Ricke: Wenn jeder an sich selbst denkt, ist an alle gedacht - funktioniert bloß nicht, das ist Unsinn, wirtschafts- wie gesellschafts-, umweltpolitisch, es ist nachzuweisen. Es gibt dazu eine aktuelle Studie, die heute vorgestellt wird und die ziemlich klar macht: Die Welt der Zukunft gestaltet man nur dann gut, wenn man gut vernetzt denkt und handelt, nicht nur an sich denkt, Führung neu definiert. Die Studie heißt "Jeder für sich und keiner fürs Ganze", wurde von der Stiftung Neue Verantwortung, einer Personalberatungsfirma und dem Wissenschaftszentrum Berlin erstellt. Die gemeinnützige Stiftung Neue Verantwortung versteht sich als Think Tank, Tobias Leipprand ist Vorstandsmitglied, guten Morgen, Herr Leipprand!

Tobias Leipprand: Ja, schönen guten Morgen, Herr Ricke!

Ricke: Wie weit sind wir denn heute, im April 2012, von einer wirklich vertieften Zusammenarbeit von Wirtschaft, Politik, Zivilgesellschaft und Wissenschaft noch entfernt?

Leipprand: Nun, ich glaube, dass die Führungskräfte heute, auch die, mit denen wir gesprochen haben, sehr deutlich sehen, dass diese Zusammenarbeit jetzt nötig wird. Wir sehen das an den aktuellen Herausforderungen, vor denen wir stehen, also Klimawandel, demografischer Wandel, soziale Integration et cetera - die können wir einfach nur lösen, wenn die verschiedenen Bereiche zusammenarbeiten, und das ist eigentlich auch verstanden, würde ich mal so sagen, das ist bewusst in Deutschland. Das Problem ist, dass wir einfach keine Geschichte haben einer guten Zusammenarbeit dieser verschiedenen Bereiche, wie wir es vielleicht in Amerika oder England haben, wo das einfach schon seit Jahrzehnten gang und gäbe ist. Insofern haben wir da in der Tat ein bisschen was aufzuholen, und das ist ja auch die Kernerkenntnis unserer Studie.

Ricke: Um gut zusammenzuarbeiten, muss man sich erst einmal kennenlernen, anfreunden vielleicht, laienhaft ausgedrückt. Was halten denn die Spieler voneinander? Was denkt zum Beispiel die Wirtschaft von der Politik, oder was hält die Wissenschaft von den Bänkern?

Leipprand: Nun, zum Ersten sagen sie natürlich wirklich alle, dass es mehr Kooperation und mehr Zusammenarbeit braucht, das ist schon mal eine gute Nachricht, würde ich sagen. Das Interessante ist, dass wir schon beobachtet haben, dass es durchaus eine Reihe an Vorurteilen gibt. Also die Politik wünscht sich natürlich - das ist jetzt vielleicht noch kein Vorurteil -, die wünscht sich natürlich einfach mehr Engagement seitens der Wirtschaft, sagt aber ganz klar, dass sie da zurzeit zu wenig sieht. Das ist vielleicht auch nach den 90er- und 00er-Jahren ein bisschen nachvollziehbar. Sie hatten das vorhin erwähnt, da denkt eben jeder erst mal nur an sich und meint, damit ist es fürs Ganze auch getan. Das reicht eben nicht mehr.

Umgekehrt gibt es schon auch sehr klare Aussagen, die wir gehört haben vonseiten der Wirtschaft, die eben sagen: Die Politik, na ja, die verhandeln ja nur um Konsens und denken immer nur an die nächste Wahl und die denken auch nicht so richtig ans große Ganze. Und man kann jetzt natürlich immer in diesen vielleicht etwas zynischen Aussagen ein Körnchen Wahrheit finden. Wir glauben aber, wichtiger wäre, dass man sich jetzt eben ein bisschen zusammenrüttelt und zusammenrückt und auch eben die Möglichkeiten der Zusammenarbeit verbessert.

Ricke: Aber es stimmt doch: Politiker wollen wiedergewählt werden, Unternehmer müssen Quartals- und Jahreszahlen vorlegen, Wissenschaftler sich auf den nächsten Kongress vorbereiten. Wie kriegt man denn nun alle dazu, ein gemeinsames Ziel zu definieren und das auch wirklich nachhaltig zu verfolgen?

Leipprand: Na ja, man muss erst mal hier glaube ich auch ein bisschen Sympathie mit unseren Führungskräften haben: Es ist natürlich einfach schwerer geworden. Also Sie sagen es, es gibt natürlich Anreize sich erst mal mit den kurzfristigen Dingen zu beschäftigen, genau, der Politiker denkt an seine Wiederwahl, der Unternehmenschef an die Aktienkurse und den Quartalsbericht. Das ist gar nicht so leicht, als Führungskraft hier die langfristigen und die übergeordneten Ziele im Blick zu haben, zumal die Welt einfach noch mal schnelllebiger geworden ist in den letzten Jahrzehnten, komplexer geworden ist und einfach immer mehr Anforderungen und Aufgaben auf die Führungskräfte auch einprasseln. Und deswegen braucht es da schon noch mal eine Kraftanstrengung, sich auch mit den langfristigen Dingen zu beschäftigen.

Und wir glauben eben auch, und das zeigt auch unsere Studie, dass wir die Rahmenbedingungen auch ein bisschen ändern müssen, also wir müssen diese Anreize, die eben schon sehr kurzfristorientiert sind, auch noch mal überdenken. Das heißt natürlich in der Wirtschaft, dass man vielleicht über andere Boni-Strukturen nachdenkt, die eben auch das langfristigere Handeln und auch das Handeln für das Gemeinwohl mit einbeziehen. In der Politik könnten wir darüber nachdenken, wie lang wir unsere Wahl- und Legislaturperioden haben möchten, ob man eben immer diese Taktung jetzt auf Bundesebene von vier Jahren behalten möchte oder ob man auch überlegt - in Amerika gibt es da zum Beispiel auch andere Modelle -, eher in längeren Fristen zu denken.

Ricke: Nehmen wir doch mal ein Beispiel, das Sie auch gerade angesprochen haben, das ist die Gier, das schnelle Geld. In der Finanzkrise haben wir gelernt, dass Zocker mit Blick eben auf das schnelle Geld die Welt in die Krise führen können, und dann gibt es viele Bekenntnisse, wie man sie ja auch guten Gewissens vortragen kann, sehr wohlfeil: mehr Nachhaltigkeit, mehr Verantwortung. Das Reden ist das eine, wie schaut es aus mit dem Machen?

Leipprand: Ja, das ist natürlich schon eine Kraftanstrengung, die es jetzt hier braucht, und es ist ein grundsätzliches Umdenken. Das ist natürlich richtig. Das löst sich nicht von alleine. Wir glauben erst mal, dass es an dieser Stelle eine grundsätzliche Debatte über unsere Führungskultur in Deutschland braucht. Also die 90er- und 00er-Jahre, wo eben jeder nur an sich gedacht hat, die müssen jetzt vorbei sein, und wir brauchen wieder eine stärkere Orientierung von allem Führungshandeln am Gemeinwohl, und an der Stelle übrigens: Wir sehen Führung ja nicht nur auf der Top-Ebene, sondern das trifft eigentlich alle Personen, die in der Gesellschaft auch bereit sind, Führung zu übernehmen. In Amerika zum Beispiel und in England haben Sie den Begriff Leadership für Führung, der ist viel hierarchiefreier als unser deutscher Führungsbegriff, der auch historisch ein bisschen besetzt und belastet ist. Und wir glauben eigentlich, dass jeder, der sich entscheidet, Führung zu übernehmen - und das kann auch nur eine kleine Bürgerinitiative sein oder was auch immer -, eben den Gesamtblick ... die gesamte Gesellschaft im Blick haben muss. Und wenn das passiert, dann haben wir auch eine Chance, uns hier zu verbessern.

Ricke: Heißt Führung übernehmen in Zukunft also noch mehr Verantwortung übernehmen?

Leipprand: Ja, Verantwortung ist sicher eine Möglichkeit, das zu umschreiben, oder Initiative, ja, das ist sicher beides möglich.

Ricke: Die Studie "Jeder für sich und keiner fürs Ganze" - Tobias Leipprand, er ist Vorstandsmitglied der Stiftung Neue Verantwortung. Vielen Dank, Herr Leipprand!

Leipprand: Danke schön, Herr Ricke!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.