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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 09.07.2008

"Wir haben alle nichts abgekriegt"

Bäuerliche Familienbetriebe und ihre Chancen in Mecklenburg-Vorpommern

Von Jantje Hannover

Arbeit in der Landwirtschaft (AP)
Arbeit in der Landwirtschaft (AP)

"Diese Fläche hier gehört dem Land Mecklenburg. 500 Hektar. Das ist alles nur an einen Betrieb verpachtet worden!" Bauer Helmut Precht ist empört. Er hat - wie viele Familienbetriebe aus der Region - Mühe, genügend Land zur Existenzsicherung zusammenzubekommen. Denn die meisten Äcker werden von wenigen Großagrariern bewirtschaftet, darunter ehemalige LPG-Vorsitzende und Industrielle, die den Zuschlag für vormals volkseigene Flächen erhielten und jetzt viel Geld aus Brüssel kassieren.

"Diese Fläche ist Landesfläche, 300 Hektar, gehört also dem Land Mecklenburg, und ist nur an einen Betrieb verpachtet worden. Alle privaten Bauern drum herum haben nicht einen Hektar von dieser Fläche bekommen, warum? das frag ich Sie, haben wir alle nix von abbekommen!"

Helmut Precht hat sich eine Portion Galgenhumor zugelegt, um in seiner neuen Heimat zurechtzukommen. Der 53-Jährige lebt seit der Wende im Landkreis Güstrow. Damals übernahm er wieder das Land, das sein Großvater vor dem Zweiten Weltkrieg in Breesen gekauft hatte. Precht verliebte sich in eine Ortsansässige, heiratete sie.
50 Hektar Land mit Haus und Scheune nennt er heute sein eigen. Zusätzlich pachtete er knapp 70 Hektar von privaten Landbesitzern.

Versuche von Precht, mehr Land von der öffentlichen Hand zu bekommen, liefen ins Leere. Die Fläche in der Nähe von Breesen ging an den Nachfolgebetrieb der ehemaligen LPG im Ort.

Früher war Helmut Precht Mitglied der CDU, doch die hat er auch wegen ihrer Agrarpolitik im Zorn verlassen. Wenn er durch den Landkreis Güstrow fährt, platzt ihm immer wieder mal der Kragen.

"Nur dass sie das mal wissen, das mal sehen, das ist diese Landflucht."

Precht zeigt auf einen Plattenbau am Straßenrand. Die blinden Fenster sagen alles.

"Weil hier nichts mehr läuft, wo sollen die arbeiten? Die leben doch nur noch von Hartz IV. Hier das steht leer, das steht leer, das Haus da in der Mitte steht leer."

Das Flächenland Mecklenburg verliert Menschen. In der Landwirtschaft bietet es nur noch rund 20.000 Arbeitsplätze. Zu DDR-Zeiten waren es weit über 100.000.
Nur die wenigsten Mitglieder aus den früheren Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften wagten nach der Wende den Sprung in die Selbstständigkeit und gründeten einen bäuerlichen Familienbetrieb. Insgesamt gibt es jetzt 3850 kleinere Bauernhöfe. Sie bewirtschaften zusammen etwa ein Drittel der Mecklenburger Äcker. Die Mehrheit dieser Familien hat so wenig Land, dass sie nur im Nebenerwerb als Bauern arbeiten.

Siebzig Prozent der Felder in Mecklenburg werden von Genossenschaften, Kommanditgesellschaften oder GmbHs beackert, insgesamt sind es 1430. Die Betriebe gehören zumeist den früheren Vorsitzenden der LPG.


"Die AbL ist der Meinung, dass ein bäuerlicher Familienbetrieb anders mit seinem Land umgeht, dass da noch in Generationen gedacht wird und nicht auf kurzfristigen Gewinn."

Franz-Joachim Bienstein ist der Landesvorsitzende der AbL, der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft für Mecklenburg-Vorpommern, der auch Helmut Precht beigetreten ist. Der AbL sind die industriell agierenden Großbetriebe im Land ein Dorn im Auge:

"Deswegen sind wir der Meinung, dass das Konzept des bäuerlichen Familienbetriebs eigentlich optimal ist. Im Gegensatz zu einem Großbetrieb mit Angestellten. Weil dieser Betrieb agiert wie ein Industrieunternehmen. Dort muss ein Gewinn erwirtschaftet werden, die Arbeitskräfte müssen möglichst billig sein, und unter Umständen wir auch das Land mehr ausgebeutet, als in einem Familienbetrieb, der dies Land auch noch die nächsten 100, 200 oder 300 Jahre bearbeiten will."

Während sich in Westdeutschland der Boden seit Generationen im Privatbesitz einzelner Familien befindet, wurde er im Osten Deutschlands nach der Wende über die Treuhand und deren Nachfolgegesellschaft, die Bodenverwertungs- und –Verwaltungsgesellschaft, kurz BVVG, neu verteilt. Die großagrarischen Strukturen von heute sind letztendlich eine Spätfolge der Bodenreform nach dem zweiten Weltkrieg.

In den Jahren 1945 bis 49 wurden in der Sowjetisch Besetzten Zone alle Flächen über 100 Hektar entschädigungslos enteignet und in den staatlichen Bodenfonds überführt. Die als Maßnahme gegen Kriegsverbrecher und NSDAP-Aktivisten gedachte Reform traf vor allem die Gutsbesitzer, deren Höfe im Schnitt 400 Hektar groß waren. Durchführendes Organ im Auftrag der KPD, später SED, war neben den Bodenreformkommissionen die Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe, kurz VdgB.

Das Bodenreformland wurde in sehr kleine Betriebsflächen von fünf bis elf Hektar parzelliert und an landlose Bauern und Vertriebene aus den Ostgebieten verteilt – auch Neubauern genannt. Eine existenzsichernde Landwirtschaft konnte bei dieser Parzellengröße zumeist nicht betrieben werden.

1952 startete die SED mit Hilfe der VdgB ihre Kampagne zur Gründung von Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften. Vorbild waren die Kolchosen in der Sowjetunion. Die neuen LPGs waren keine Zusammenschlüsse selbstständiger Bauern mehr, sondern wurden staatlich gelenkt. Die Bauern wandelten sich zu Lohnarbeitern. Oft waren sie auf ein Fachgebiet spezialisiert.


In den siebziger Jahren wurde die DDR-Landwirtschaft zunehmend industrialisiert, die Betriebsleiter oder LPG-Vorsitzenden entwickelten sich zu einer ländlichen Elite mit erheblicher Machtfülle. Der Historiker Jens Schöne, heute stellvertretender Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen:

"Der LPG- Chef war zu DDR-Zeiten schlicht die Nummer eins im Dorf, weil er im Gegensatz zum Bürgermeister über gewisse Ressourcen verfügte, er hatte gewisse Spielräume, andererseits musste er auch mit den führenden Parteimitgliedern in der Region kungeln, gleichzeitig waren gerade die LPG-Vorsitzenden Meister im pragmatischen Umgang mit den Dingen. Es wurden immer die sozialistischen Ideale hochgehalten, aber auch quasi kapitalistische Handelsbeziehungen untereinander aufgebaut. Es ist bekannt, dass in der Viehzucht in vielen Betrieben immer zehn Prozent Überbestand war beispielsweise an Schweinen, damit man a) immer ein Schwein im Stall hatte, wenn die SED-Kreisleitung feierte, dass man das sponsern konnte, anderseits wenn der Traktor eine Kurbelwelle brauchte, die es wieder mal nicht gab im Handel, dann hatte man ein paar Schweine im Stall, wo man dann schlichtweg tauschen konnte mit einem Industriebetrieb, wo das hergestellt wurde."

Nach oben meldete man Planerfüllung, nach innen machte man, was man für richtig und notwendig hielt. So entwickelten nicht wenige LPG-Chefs eine Form von Bauernschläue, mit der sie ihren Betrieb durch widrige Zeiten zu lenken wussten. Nach der Wende erwies sich diese Gerissenheit als äußerst hilfreich.

Das 1990 noch von der Modrow-Regierung beschlossene Landwirtschaftsanpassungsgesetz sollte die DDR-Strukturen an die soziale Marktwirtschaft anpassen. Im Prinzip zielte es auf die Wiedereinrichtung bäuerlicher Strukturen ab.

Das Gesetz wurde mehrfach novelliert, aber der Strukturwandel blieb aus und wurde von nachfolgenden Regierungen auch nicht mehr verfolgt.


Dass man in Ostdeutschland eine großagrarische Struktur beibehalten hat, gehe wesentlich auf die Initiative der LPG-Betriebsleiter zurück, erklärt Jens Schöne:

"Es gibt unzählige Beispiele von LPG-Vorsitzenden, die sich schon früh im Jahr 1990 in ihr Auto setzten und in den Westen fuhren, um dort Kontakte zu knüpfen, um die dortigen Strukturen sich anzuschauen und zu überlegen: wie kann man unter diesen Bedingungen den Betrieb in die neue Zeit retten, und da war natürlich ein großer betriebswirtschaftlicher Vorteil die Flächen, die die Betriebe hatten."

Einer, der seinen Betrieb gerettet hat, ist Hans Rotermann. Der 72-jährige Diplomlandwirt war früher Vorsitzender der LPG am Ort sowie Kreisvorsitzender der VdgB, heute leitet er die Agrargenossenschaft Lübstorf. Von den einst 180 Mitgliedern der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft sind noch 27 dabei.

"Links und rechts von der Straße liegen unsere Flächen, wir kommen jetzt gleich nach Wickendorf, da können sie das Stadtbild von Schwerin sehen."

Wenn Hans Rotermann seinen Betrieb vorführen will, muss er sich ins Auto setzen. 4000 Hektar brauchen ihre Zeit.

"Oh, na ja, das ist ja nicht alles landwirtschaftliche Nutzfläche, das ist ziemlich lang gestreckt, das hängt auch damit zusammen, dass auf der einen Seite der See ist, auf der anderen Seite geht das so ins Land rein 22 in Lübstorf geht das los, zieht sich bis Schwerin hin, so ist das richtig."

Ein Hektar sind 100 mal 100 Meter, das entspricht der Größe von zwei Fußballfeldern. Hans Rotermann und seine Genossen haben dieses Jahr fast 4000 Fußballfelder mit Weizen bestellt, 2000 Fußballfelder mit Raps, 1200 Fußballfelder mit Wintergerste. Der Rest ist "Kleinkram", wie Hans Rotermann sagt, ein bisschen Rüben, Sommergetreide und Kartoffeln.

Die Kantine der Agrargenossenschaft Lübstorf. Stühle, Tische und Vorhänge stammen noch aus dem LPG-Bestand. Auf den meisten Tischen sind die Stühle hochgestellt. Platz ist hier für 50 Menschen, heute sitzen gerade einmal vier hier. Ein paar Kollegen essen an anderen Orten des weit verstreuten Gehöfts. Die Agrargenossenschaft Lübstorf zählt zu den 15 Prozent aller Großbetriebe, bei denen einige Genossenschaftler weiterhin von den Einnahmen des Betriebs profitieren. Zum Beispiel Dieter Kowalski, er ist gleichzeitig Mitglied und Angestellter:

"Wir haben Anteile gekauft für den Betrieb gleich nach der Wende, dass das eingebracht wurde in die Firma, da kriegen wir unsere Dividende drauf, und, das ist sehr wichtig: Bei einer außerordentlichen Versammlung sind wir stimmberechtigt."

Die Agrargenossenschaft Lübstorf bietet 45 Arbeitsplätze. Ganzjährig angestellt sind allerdings nur etwa 20 Menschen. Sie versorgen die über 500 Milchkühe, 600 Rinder und 1600 Schafe der Genossenschaft. Der Rest, darunter auch Genossenschafter, meldet sich im Winter arbeitslos.

Gerade in Mecklenburg hat die Landwirtschaft nach der Wende in einem rasanten Tempo Arbeitsplätze verloren. In keinem anderen Bundesland arbeiten heute – gerechnet auf den Hektar – so wenige Menschen auf dem Acker. Jahr für Jahr werden es weniger. In den alten Bundesländern zählt man zwei bis dreimal so viele.

Um die DDR-Landwirtschaft an die Marktwirtschaft anzupassen, mussten die LPGen umgewandelt werden. Dabei sollten die ausscheidenden Genossenschafter für Jahrzehnte geleisteter Arbeit aus dem Betriebsvermögen entlohnt und für die seinerzeit in das Kollektiv eingebrachten Flächen, das Vieh, Maschinen und Saatgut entschädigt werden. Die LPG-Chefs wollten dagegen dem Betrieb möglichst viel Kapital erhalten. Zu ihren Tricks gehörte es, das Betriebsvermögen herunterzurechnen und Traktoren, Ställe und Maschinen für wertlos zu erklären.
Für die aussteigenden Bauern war es schwierig, zu einem gemeinsamen Handeln zu finden. Die meisten setzten ihre Unterschrift unter die bescheidenen Summen, die ihnen zugedacht wurden. Kaum einer wagte, den Klageweg zu beschreiten.


Bernd und Silvia Harlof waren junge Leute, als sie nach der Umwandlung der LPG den Sprung in die Selbstständigkeit schafften. Gemeinsam mit Vater Harlof bewirtschaften sie einen 180-Hektarhof. Um sich selbst und ihre vier Kinder zu ernähren, müssen sie hart arbeiten und scharf kalkulieren. Auf den Äckern bauen sie Getreide an, 90 Hektar sind Dauergrünland. Außerdem mästen sie Fleischrinder, die Herde besteht aus 80 Mutterkühen.

"Natürlich würde sich das viel besser rechnen für uns, wenn wir 50 bis 100 Hektar mehr hätten. nun müssen wir auskommen mit dem, was wir haben. Die BVVG-Flächen sind alle langfristig verpachtet, es bestehen diese Vorkaufsrechte, man kommt auch gar nicht mit rein, es besteht eigentlich keine Chance, und wenn was verkauft wird, wird es nur zu überhöhten Preisen verkauft. Irgendwie finde ich das nicht gerecht, mein Vater hat ja damals auch jahrelang seinen Acker in der LPG gehabt, er hat sein Geld da genauso drin gehabt, wie alle anderen auch, und als wir dann raus sind und die große Verteilung losging, gehörten wir plötzlich nicht mehr dazu – die anderen haben eben den Rest behalten."

Eine Studie der Universität Jena kam zu dem Ergebnis, dass fast alle 1719 Umwandlungen von LPG-Betrieben in Ostdeutschland so fehlerhaft gewesen seien, dass sie von den zuständigen Registergerichten nicht hätten akzeptiert und eingetragen werden dürfen – was dennoch geschah.

Franz-Joachim Bienstein von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft prangert die staatliche Bevorzugung der Großbetriebe an. Denn die Subventionen aus Brüssel, in Fachkreisen Ausgleichszahlungen genannt, begünstigen die Großen zusätzlich:

"Hier ist ein 100 Betrieb und neben ihm ist ein 5000 Hektar hof, und beide Betriebe konkurrieren letztlich miteinander. Erstens bekommt dieser Großbetrieb erheblich mehr Ausgleichzahlungen auch pro Arbeitskraft. Zweitens hat dieser Großbetrieb den Wettbewerbsvorteil, die meisten haben erhebliche Treuhandflächen, die sie vom Staat zu sehr billigen Pachten und Kaufpreisen zur Verfügung gestellt bekommen, während der Kleinbetrieb sie nicht bekommt. Das heißt: Der Großbetrieb hat in mehrfacher Hinsicht Wettbewerbsvorteile, und zwar nicht etwa weil er gut wirtschaftet, sondern weil der Staat ihm diese vorteile gibt, und das kann nicht Sinn und Zweck der Sache sein."

Die vergünstigte Vergabe von Flächen an Großbetriebe geht auf das EALG zurück, das Entschädigungs- und Ausgleichsleistungsgesetz, das 1994 in Kraft trat. Es sollte eigentlich den Betroffenen der Bodenreform zugute kommen, also den enteigneten Gutsbesitzer, sowie den neuen Eigentümern des damals parzellierten Gutsbesitzes. Land sollte nicht zurückgegeben werden, stattdessen hatten die Betroffenen Anspruch auf verbilligte Ausgleichsflächen. Aber mit diesem Modell wären in Ostdeutschland keine Wahlen zu gewinnen gewesen. So traten die LPG-Nachfolgeunternehmen als Nutznießer des EALG an die Stelle der eigentlich Berechtigten. Die Preise lagen bei einem Drittel des Verkehrswerts.

"Wir haben in Ostdeutschland nach der Wende die öffentliche Hand als Hauptverkäufer und –Verpächter von Flächen gehabt, und diese Flächen sind alle kartellmäßig verteilt worden, an eine kleine Gruppe, vor allen Dingen der ehemaligen DDR-Agrarkader."

Sagt der Agrarwissenschaftler Jörg Gerke, dessen Buch über das "ostdeutsche Agrarkartell" in diesen Tagen erscheint. Gerke ist ebenfalls Mitglied der AbL und bewirtschaftet einen Biohof in Mecklenburg mit 350 Hektar:

"Das System hält bis heute. Meine persönliche Situation ist die, dass wir Alternativen gehabt haben, und damit viel Glück, aber wenn ich darauf angewiesen wäre, dass die öffentliche Hand bei der Flächenverteilung sauber arbeitet, hätte ich keinen Betrieb gründen können."

Ähnliches erlebte Franz-Joachim Bienstein, ein Bauernsohn aus Westfalen. Als das Land seines Vaters einer neuen Autobahn weichen musste, versuchte er, mit der Entschädigungssumme Land in Mecklenburg zu erwerben. Und machte Bekanntschaft mit dem Agrarkartell.

"Dann haben wir festgestellt, dass wir an diese öffentlichen Flächen nicht rankommen, d.h. der Staat mit der vom Staat gesteuerten Behörde hat gesagt: Nee, du kriegst keine Flächen, die Flächen sind an die Großbetriebe verpachtet, und das wird auch nicht geändert und ist bis heute nicht geändert. Das wäre nicht weiter tragisch, aber dadurch, dass die Großbetrieb diese Staatsflächen verbilligt bekommen haben und zwar erheblich verbilligt, haben sie mir gegenüber einen Riesenwettbewerbsvorteil."

Deshalb führt Franz-Joachim Bienstein seit ein paar Jahren einen Prozess. Zurzeit läuft das Verfahren in zweiter Instanz vor dem Berliner Kammergericht.

Die DDR-Agrarkader landeten in den Verwaltungen, weil nach der Wende dringend Fachleute gesucht wurden, sagt Jens Schöne:

"Es ist sicher zu beobachten, dass es über 89 hinaus eine hohe Elitenkontinuität in diesem Bereich gegeben hat. Wenn man in der DDR Karriere gemacht hat und nur das LPG-Modell kennt, dann hat man eine gewisse Präferenz dafür, mit Sicherheit findet man es dann merkwürdig, warum denn jetzt gerade irgendein Bauer wieder loslegen will mit 25 Hektar: was soll das? Gerade die ersten Jahre waren ja sehr verworrene Jahre, man wusste nicht genau, was kommt, musste ja auch zwei völlig unterschiedliche Systeme in relativ kurzer Zeit miteinander vereinigen, und ich denke nicht, dass das immer böser Wille oder Lobbyarbeit zwischen bundesdeutschen Eliten und ostdeutschen Eliten war, man war schlicht angewiesen auf die Fachleute."

Nach der Wende ging die Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe, die VdgB, nahtlos im deutschen Bauernverband auf. Die großen Flächen bedeuteten für die westdeutschen Kollegen einen erheblichen Zuwachs an Macht und Einfluss. Sie waren damit deutlich interessanter als die kleinen Familienbetriebe. Im Hintergrund mag auch die Furcht eine Rolle gespielt haben, die Ostdeutschen könnten einen Konkurrenzverband gründen. Inzwischen unterstützt sogar das deutsche Agrarministerium die Großen im Osten. Jörg Gerke:

"Politisch entscheidend sind die VdgB-Nachfolger, die Landesbauernverbände, die auch im Bundesbauernverband dominieren, zumindest bei Fragen der EU-Agrarbeihilfen, und die dafür sorgen, dass auch Sonnleitner oder andere Spitzen oder sein Vorgänger Heeremann gezwungenermaßen oder willentlich das Spiel der großen LPG-Nachfolger spielen."

Die Subventionen oder Agrarbeihilfen der EU sind an die Fläche gekoppelt. Für einen Hektar werden zwischen 300 und 350 Euro gezahlt. Die größten Bezieher dieser Gelder in der gesamten EU sitzen in Mecklenburg-Vorpommern. Zahlreiche Initiativen der Kommission, die Beträge für Großbetriebe zu kappen, wurden vor allem von Deutschland verhindert.

Weil sich mit Böden gutes Geld verdienen lässt, interessierten sich nach der Wende auch westdeutsche Konzerne für das Land im Osten.

Nach den Recherchen der Umweltorganisation BUND gibt es zwei mit Abstand größte Empfänger von Agrarsubventionen in Mecklenburg: erstens die Osterhuber Agrar GmbH, ein Futtermittelproduzent aus Bayern, der in Mecklenburg den größten Rindermastbetrieb Europas führt und 7000 Hektar Land bewirtschaftet. Außerdem die Mecklenburgische Güterverwaltung von Martin Rethmann mit ebenfalls 7000 Hektar. Er ist der jüngste Sohn aus der Milliardärsfamilie Rethmann, die ihr Geld vor allem mit dem Müll- und Transportgewerbe verdient. Nach den derzeit gültigen Regeln für Beihilfezahlungen stehen beiden Betrieben jährlich über drei Millionen Euro zu. Wir hätten gerne ein Interview mit Martin Rethmann geführt, aber er war dazu nicht bereit.

Es ist was faul im Lande Mecklenburg, findet Helmut Precht von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft. Denn die Großagrarier haben durch die gegenwärtige Subventionspraxis so viel Geld, dass sie in Maschinen investieren und Menschen entlassen:

"Mähdrescher waren meinetwegen vier bis fünf Meter, jetzt sind sie zehn Meter, kann ich Ihnen zeigen diese Dinger, also brauch ich einen Mähdrescherfahrer weniger. Das ist kaufmännisch alles in Ordnung. Ich mach den Menschen, diesen Geschäftsführern keinen Vorwurf, bloß das System ist irre, wenn ich öffentliches Geld benutze, um Arbeitsplätze abzubauen, ist das ein Wahnsinn."

"Schluss mit Millionen für Millionäre, Schluss mit Millionen für Millionäre."

Vor dem Agrarministerium in Berlin protestierte die Transparenzinitiative gegen die hohen Subventionen für Großbetriebe. Ihre jahrelange Basisarbeit trägt inzwischen Früchte: ab 2009 müssen sämtliche Empfänger von Agrargeldern ihre Bezüge offen legen. Die EU-Kommission hat außerdem eine Gesetzesinitiative vorgelegt, nachdem die Agrarmillionäre bis zu 22 Prozent ihrer Bezüge für Umweltschutzmaßnahmen abgeben müssen. Die Chancen stehen gut, dass sich die EU dieses Mal durchsetzt.


Quellen:
"Sozialökonomische Transformationen im ländlichen Raum der Neuen Bundesländer"
Dissertation von Uwe Bastian, FU Berlin, 2003
"In Brandenburg ist es leichter, einen Betrieb zu klauen, als ein Auto", Artikel von Christian Booß aus: "Horch und Guck,"
2003
"Das ostdeutsche Agrarkartell" , Jörg Gerke, 2008

Länderreport

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