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Interview / Archiv | Beitrag vom 11.06.2012

"Wir brauchen mehr Wettbewerb im Strommarkt"

Professor Erik Gawel vom Helmholtz-Zentrum in Leipzig weist Kritik am EEG zurück

Erik Gawel im Gespräch mit Christopher Ricke

Eine langfristig verantwortungsvolle Politik sei, die Energiewende voranzutreiben, so Pawel.
Eine langfristig verantwortungsvolle Politik sei, die Energiewende voranzutreiben, so Pawel. (Deutschlandradio)

Professor Erik Gawel vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung hat das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) gegen Kritik aus der Politik verteidigt und den Vorwurf zurückgewiesen, es sei an den hohen Strompreisen Schuld. Die Energiewende müsse mit Verantwortung vorangetrieben werden.

Christopher Ricke: Ja, was stimmt nun? Jürgen Trittin sagt hü und Rainer Brüderle sagt hott, gleichzeitig links- und rechtsrum geht aber nicht. Vielleicht hat einer der beiden recht, vielleicht liegt die Wahrheit aber auch ganz woanders.

Ich habe mit Professor Erik Gawel gesprochen, er ist Volkswirtschaftler an der Uni Leipzig, er arbeitet am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. Herr Gawel, wer von den beiden hat denn jetzt recht?

Erik Gawel: Na, zunächst einmal muss klar sein, dass wir die Frage nach der Vorteilhaftigkeit der Energiewende nicht allein auf der Basis unserer Stromrechnung beantworten können. Insofern hat der Umbau des Energiesystems in Richtung Erneuerbarer auch einen gesellschaftlichen Mehrwert, den man sehen muss, und dazu dient auch das EEG, das sicherlich in seiner konkreten Form kritikwürdig sein kann, aber in die richtige Richtung weist.

Ricke: Mit der Kritik muss man sich aber auseinandersetzen, und Rainer Brüderle tut das, der sagt: Es gibt Überförderung, das ist Kostentreiberei, es gibt Innovation, die gelähmt wird - und das sehen wir ja tatsächlich an der deutschen Solarindustrie. Kaum nimmt man der die großen Subventionen weg, zeigt sich gleich: Die ist in weiten Teilen überhaupt nicht lebensfähig. Müssen wir denn solche Fehler in Zukunft nicht verhindern?

Gawel: Wir brauchen hier glaube ich den langfristigen Blick. Die Investitionen jetzt in den Umbau des Systems sind ja eine langfristige Vorsorge gegen steigende Preise. Eines ist doch klar: Der Kostentrend bei den Erneuerbaren weist steil nach unten, und zwar umso mehr, je günstiger die Rahmenbedingungen gestaltet werden.

Der Kostentrend der konventionellen Energieträger weist nach oben, Öl und Gas werden in Zukunft definitiv nicht günstiger werden. Wir brauchen also den langen Atem, und Erneuerbare sind hier in langfristiger Perspektive gerade die Garanten stabiler Preise, in der Zukunft sicher auf etwas höherem Niveau als heute, aber wir sollten nicht der Illusion anhängen, als würden die Strompreise ohne EEG und ohne Energiewende stabil bleiben können. Hier wird den Verbrauchern gegenwärtig durchaus Sand in die Augen gestreut.

Ricke: Das ist ja schwer zu verstehen. Ich lese auf der einen Seite, dass der Strom an den Börsen immer billiger gehandelt wird, auf meiner Stromrechnung sehe ich das Gegenteil. Irgendjemand muss doch da still und leise mitverdienen.

Gawel: Ja, wenn man durchaus zu Recht auf die aktuellen Strompreise schaut, dann sehen wir dort das, was seit über 15 Jahren geschieht, nämlich, dass die Strompreise jährlich um rund vier Prozent steigen, und zwar mit ohne Energiewende. Und hier müssen wir ansetzen. Wir brauchen mehr Wettbewerb im Strommarkt, und gerade die Energiewende mit vielen dezentralen Akteuren und starken Stadtwerken kann langfristig dazu wirksam beitragen. Aber auch die Verbraucher sind keineswegs machtlos gegen die Strompreise. Nach wie vor wird viel zu wenig die Marktmacht der Verbraucher genutzt. Der Wechsel der Stromanbieter muss hier zum Volkssport werden. Wir allen machen es hier den Versorgern viel zu leicht.

Ricke: Aber brauchen wir wirklich mehr Wettbewerb? Bräuchten wir zumindest für diese Übergangszeit nicht eher Planwirtschaft mit ganz klar geregelten Preisen, damit alle, die an der Stromerzeugung und am Stromverbrauch beteiligt sind, wissen, wo es langgeht?

Gawel: Also die richtigen Rahmenbedingungen zu setzen und auch richtige Preiskorrekturen vorzunehmen, ist noch keine Planwirtschaft. Richtig ist, dass das EEG deshalb erfolgreich war, weil es mit festen, planbaren Vergütungen Investitionssicherheit gegeben hat. Das ist aber nur ein Programm für die Markteinführung. Die war zunächst einmal erfolgreich und ist auch noch nicht abgeschlossen.

Langfristig müssen natürlich auch die Erneuerbaren in einen integrierten Marktwettbewerb eintreten. Der Zeitpunkt ist aber noch nicht gekommen. Aber in der langen Frist brauchen wir hier Wettbewerbsbedingungen, und dazugehört eben auch eine dezentrale Versorgerlandschaft und der mündige Verbraucher, der gelegentlich auch mal den Versorger wechselt.

Ricke: Die Energiewende verteuert den Strom, sagen die einen, und die anderen sagen, ich zahle eigentlich ganz gerne fünf Euro mehr im Monat, wenn ich dafür die Atomkraftwerke los bin. Haben wir vielleicht auch ein Kommunikationsproblem?

Gawel: Das ist durchaus möglich, weil die Gefechtslage hier vielschichtig ist. Bei durchschnittlich 23 Cent pro Kilowattstunde für den Verbraucher zahlen wir derzeit etwa drei, 3,5 Cent für die EEG-Umlage, befinden uns aber in dem Umbau des gesamten Energiesystems Richtung Nachhaltigkeit, ohne auf die Kosten künftiger Generationen zu leben.

Ich halte es deshalb nicht für sinnvoll, diesen überschaubaren und auch eher kurzfristigen Preiseffekt des EEG anzuprangern, denn was wäre die Alternative? Die Preise steigen ohnehin in einem wettbewerbsarmen Markt, und dann würden diese Preiserhöhungsspielräume anschließend ohne großes öffentliches Aufsehen für die Stromkonzerne genutzt, oder wir müssten sie für steigende Öl- und Gaspreise ausgeben. Da denke ich sind drei bis fünf Cent gut investiert, um uns dauerhaft fit zu machen für die Zukunft.

Ricke: Aber macht uns das auch fit für den Wettbewerb, der ja momentan von einer Handvoll großer Energieanbieter bestimmt wird? Und die kleinen, die dezentralen, die Stadtwerke, die Sie auch schon angesprochen haben, die kommen ja nicht wirklich aus den Schuhen.

Gawel: Vollkommen richtig, aber jetzt kommt eins zum anderen: Das EEG fördert nicht nur erneuerbare Energien, sondern eben auch eine dezentralisiertere Versorgungslandschaft. Die Stadtwerke werden in einem solchen System eine größere Rolle spielen, und die großen vier, die im Moment die Stromerzeugung beherrschen, werden, wenn sie sich nicht umstellen, hier auch Boden verlieren. Das heißt, das EEG, das im Moment als wenig marktwirtschaftlich geschmäht wird, bereitet den Boden im Grunde für eine neue dezentralisiertere Landschaft, in der auch größere Chancen künftig für mehr Wettbewerb gegeben sind.

Ricke: Alle tagespolitische Erfahrung sagt: Die Diskussion über den Strompreis könnte im kommenden Jahr, im Bundestagswahljahr ein Wahlkampfschlager werden. Taugt das Thema zum Wahlkämpfen?

Gawel: Nun, das müssen die politischen Parteien entscheiden. Ich denke, wichtig ist, dass man nicht der Illusion anhängt, wir könnten auf dem gegenwärtigen Energiepreisniveau weitermachen, wir hätten also die Wahl zwischen höheren Preisen mit Energiewende und günstigen Preisen ohne Energiewende.

Gerade die lange Frist wird zeigen, dass, wer jetzt auf fossile Energieträger setzt und die Wende verschläft, schon in wenigen Jahren und Jahrzehnten das Nachsehen hat. Insofern: Kurzfristig gedacht kann man sich da vielleicht Vorteile verschaffen, eine verantwortungsvolle langfristige Politik sollte aber jetzt die Energiewende mit der nötigen Verantwortung vorantreiben.

Ricke: Professor Erik Gawel, er ist Volkswirtschaftler an der Uni Leipzig und arbeitet am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. Vielen Dank, Herr Gawel!

Gawel: Gerne!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


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