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Wir brauchen Leute, "die sich engagieren und einsetzen"

Wegen friedlichen Protests vor Gericht

Lothar König im Gespräch mit Philipp Gessler

Der Jenaer Pfarrer Lothar König.
Der Jenaer Pfarrer Lothar König. (picture alliance / dpa Foto: Martin Schutt)

Weil er sich vor zwei Jahren gegen den jährlichen Neonazi-Aufmarsch in Dresden wandte, muss sich der Jenaer Pfarrer Lothar König Mitte März vor Gericht verantworten. Der Vorwurf: Landfriedensbruch. Auch wenn eine mögliche Haft droht - der Pfarrer kämpft weiter gegen Rechts.

Philipp Gessler: In der kommenden Woche, am 13. Februar, ist es mal wieder so weit. Leider. Wie schon in den vergangenen Jahren wollen Hunderte von Neonazis durch Dresden marschieren. Pro Forma wollen sie lediglich an Tausende Tote erinnern. An die Menschen, die einem Angriff auf die Barockstadt durch alliierte Bomber am Ende des Krieges zum Opfer fielen. Aber natürlich geht es den Neonazis in Wirklichkeit um Anderes: Sie wollen die Trauer um die Toten für die Verklärung der NS-Vergangenheit nutzen.

Dagegen hat sich der Jenaer Stadtjugendpfarrer Lothar König vor zwei Jahren gewandt. Und voraussichtlich am 19. März wird er deshalb vor Gericht stehen: wegen Landfriedensbruchs. König wurde in der DDR-Zeit überwacht von der Stasi. Nach der friedlichen Revolution hat er früher als andere gewarnt: Es könnte ein Neonazi-Terror in Deutschland entstehen. Seit der nun bekannt gewordenen Mordserie der Nazi-Killer-Bande NSU wissen wir alle, wie recht er hatte. Im August 2011 durchsuchte die Polizei die Büro- und Wohnräume Königs, auf der Suche nach belastendem Material über ihn. Vor der Sendung habe ich ihn gefragt, ob ihn die Anklage wegen "aufwieglerischen Landfriedensbruchs" verbittere.

Lothar König: Nein, verbittern tut sie mich nicht. Also, sie belastet mich, weil ziemlich viel Zeit und Kraft darauf geht. Es ist auch eine Verunsicherung. Das muss ich und will ich bis 19. März zurückstellen. Ich will mich diesem Gerichtsverfahren stellen, ich will selber dieses Gerichtsverfahren, weil dem vorausgegangen eine Wohnungsdurchsuchung hier in Jena stattgefunden hat, die war schon sehr martialisch, auch sehr unüblich für Verhältnisse hier in der Bundesrepublik, hat sehr viel Aufsehen erregt und natürlich immer auch die Verunsicherung bei vielen Leuten, ob ich denn wirklich da so ein Straftäter wäre.

Deshalb will ich dieses vor Gericht geklärt wissen. Und, was noch viel, viel wichtiger ist, diese Auslegung des Paragrafen 125, speziell 125a, Schwerer Landfriedensbruch, das muss geklärt werden. Es kann – meines Erachtens darf das nicht zur Normalität werden, dass ein Demonstrant, weil er sich für eine Demonstration, Kundgebung engagiert hat, eingesetzt hat, verantwortlich gemacht wird für alle Straftaten, die im Umfeld dieses Aufmarsches stattgefunden haben.

Gessler: Mit welchem Ausgang des Verfahrens rechnen Sie denn?

König: Ich rechne mit allen Möglichkeiten und hoffe auf einen Freispruch. Nach der ersten Verhandlung gegen einen Tim H. aus Berlin mit ähnlichem Vorwurf muss ich allerdings auch mit einem negativen Ausgang rechnen. Das heißt, es müsste dann auf Berufung gegangen werden. Es ist jetzt 19. März und die folgenden mindestens sechs Verhandlungstage ist ein Gerichtsverfahren in erster Instanz. Ich rechne damit, dass es in die zweite Instanz noch gehen wird, also Berufung oder auch Revision, und dann wird ein Urteil gefällt werden, dass dann Gültigkeit besitzt.

Gessler: Wären Sie bereit, bei einer möglichen Verurteilung auch ins Gefängnis zu gehen?

König: Ja, wenn ich muss, habe ich nicht viel Entscheidungsmöglichkeit, dann muss ich halt ins Gefängnis gehen, ja. Auch der Dietrich Bonhoeffer war in einem Gefängnis.

Gessler: Es gibt fromme Menschen, die sagen, die Kirche sollte sich nicht so sehr in die Tagespolitik einmischen. Das ist nicht Ihre Position, oder?

König: Ich bin als Pfarrer, und das mach ich gern und auch aus Überzeugung, ist das nicht meine erste Aufgabe, mich in die Tagespolitik einzumischen. Ich habe einen Auftrag, aber dieser Auftrag, also hier von diesem Jesus, von dieser freundlichen Welt, von dieser Hoffnung, von der Lebensfreude zu erzählen, das ist das Entscheidende. Aber dazu gehören eben auch die schlechten Tage, die Trauer und die Angst und die Hoffnungslosigkeit, das gehört alles zusammen. Und wenn es sich dann von diesem Auftrag her nötig macht, in die Tagespolitik hineinzugehen, da, wo die Menschen sind, wo deren Probleme sind, da wo sie ganz konkret werden. Wenn dann Unrecht geschieht, dann müssen wir uns einmischen. Dann mische ich mich spätestens ein.

Gessler: Sie haben sehr viel früher als andere, schon in den 90er-Jahren davor gewarnt, dass es einen rechtsextremistischen Terror gebe. Viele wollten das damals nicht hören. Waren sie trotzdem überrascht, als die Neonazi-Terrorgruppe NSU aufflog?

König: Ich bin überrascht gewesen, denn mit solch einer Brutalität und Menschenverachtung, das habe ich zwar immer wieder gesagt und davor gewarnt, Vorsicht, Neonazis, die sind gefährlich, da müssen wir widerstehen, dem müssen wir einen Halt entgegensetzen, ein Stopp-Zeichen setzen. Dass sie, diese drei und die Hintermänner, das sind ja nicht nur die drei gewesen, so weit gegangen sind, das hat mich böse überrascht, ja.

Gessler: Finden Sie, die Mordserie des NSU ist gesellschaftlich schon genug aufgearbeitet worden?

König: Nein, die ist gesellschaftlich nicht aufgearbeitet worden. Wir stehen da ganz am Anfang. Ob wir da weiterkommen – hoffe ich, wünsche ich. Die Untersuchungsausschüsse arbeiten ja auch noch. Insbesondere der Untersuchungsausschuss des Bundestages, von dem müssten, sollten wichtige Impulse ausgehen, dass wir uns hier in diesem Land mehr damit auseinandersetzen. Es – hoffe ich, dass dieses geschieht. Die Gefahr ist natürlich groß. Wir haben ja viele Probleme, viele Fragen. Es geht den Menschen dann, na ja, es sind dann andere Dinge oft wichtiger, und diese Grundlagen unserer Demokratie, dafür brauchen wir Leute, die sich engagieren und einsetzen. Wenn das nicht mehr genügend erfolgt, das ist die eigentliche Gefahr. Es sind nicht diese paar Neonazis. Die eigentliche Gefahr, dass die Mehrheit der Bevölkerung so ein Grundtrauen in die Demokratie verliert, das ist meine eigentliche Angst.

Gessler: Die Kirchen wenden sich öffentlich immer wieder gegen Rechtsextremismus. Finden Sie diese Bekundungen für glaubwürdig?

König: Die Kirchen wenden sich seit einigen Jahren eindeutig gegen Rechtsextremismus. In den 90er-Jahren war das weniger und viel zurückhaltender. Da wäre es wichtig gewesen, früher schon diese eindeutige Position zu beziehen. Da haben sie einfach geschlafen, sage ich mal. Also die Kirchen, das sind wir ja, die Pfarrer, die Kirchenmitglieder sind wir ja selber. Vielleicht habe ich da auch viel zu viel geschlafen. Frühere eindeutige Positionen wären sehr, sehr wichtig gewesen. Am Anfang der 90er-Jahre. Dann hätten wir uns Manches und Vieles ersparen können, denke ich jedenfalls.

Gessler: Die Stasi hat Sie überwacht, von Neonazis wurden Sie angefeindet, die Polizei hat Sie drangsaliert und Ihre Wohnung durchsucht. Hilft Ihnen Ihr Glaube, diesen Druck auszuhalten?

König: Ja. Da sage ich ganz eindeutig ja. Wenn ich diesen Glauben nicht hätte – dazu gehört allerdings auch der Zweifel, ja, ich bin manchmal ja auch ganz schön fertig. Auch dieser Prozess und die Androhung, Gefängnis, eingesperrt zu werden, aus dem Pfarrdienst rauszufliegen, die ganzen Pensionsansprüche zu verlieren, das geht auch bei mir nicht ganz vorbei. Ich brauche noch diese vier Wochen bis fünf Wochen bis zum 19. März, um in diese – dieser Anforderung, dieser Herausforderung gewachsen zu sein.

Also, was ich mitbekomme, ich wachse auch ein Stück in mir selber und hoffe, stark genug zu sein, diesem Prozess standhalten zu können. Und standhalten heißt dann, weder überzogene Forderungen, weder ein Politikum sondergleichen daraus zu machen, und umgekehrt auch nicht irgendwie da auf die Knie zu fallen und zu flennen. Das ist, Herrgott, in unserer Welt – wie viele Menschen bleiben auf der Strecke. Und da kümmert sich niemand darum. Ich werde nicht einfach auf der Strecke bleiben, mich wird man nicht hinrichten, erschießen, verhungern lassen, ich werde hier weiter leben – und mal schauen, wie es nach dem, wenn ein rechtskräftiges Urteil besteht, wie es da aussieht. Da bin ich selber gespannt.

Gessler: Und die Solidarität der Kirche, die empfinden Sie?

König: Die Kirchenleitung sendet und sagt eindeutige Signale, steht zu mir, und das heißt ja nicht, dass alle Kirchenmitglieder dies auch tun. Es gibt auch Leute, die das kritisch sehen. Ja, das ist so. Wir denken oft, dass dieses Leben alles so schön dahinplätschert und am Ende alles in Freundlichkeit sich auflösen tut. Das ist oft nicht so. Ich als Christ sehe mich dann immer hineingestellt in diese brenzligen Situationen, die unaufgeklärten Situationen, wo es nicht ein-eindeutig ist, was ist richtig und was ist falsch. Dort Leute zu begleiten, da wo es, ja, wo es brenzlig wird. Und Leuten beizustehen. Wo ich manchmal selber nicht richtig weiß, was ist denn – was muss jetzt getan werden, was muss nicht getan werden. Wo ich suche. Aber nur, wer sucht, der kann auch finden.

Gessler: Am 13. Februar gibt es eine Neonazi-Demonstration in Dresden, und es gibt eine Kundgebung von Antifaschisten, dagegen. Sind Sie bei dieser Gegendemonstration?

König: Ich bin dafür, ja, aber nicht für den Neonazi-Aufmarsch, sondern dafür, dass wir hier in diesem Land hier so etwas nicht wieder zulassen. Dieses Unheil, was sie angerichtet haben, brauch ich ja nicht zu erzählen, ist eigentlich schlimm genug. Dass viele Menschen aufstehen und auftreten und sagen, nein, Leute, liebe Neonazis, das lasst mal hier sein. Kommt mal runter da. Ich werde in Dresden sein und dies versuchen, dort mit zum Ausdruck zu bringen.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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