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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 18.01.2016

Wildtiere im ZirkusHochemotionaler Streit um Elefanten und Co. in der Manege

Von Jenni Roth

(picture alliance / dpa / Friso Gentsch)
Tierschützer wollen Wildtiere im Zirkus seit Jahren verbieten, da sie ihrer Meinung nach nicht artgerecht gehalten werden können. (picture alliance / dpa / Friso Gentsch)

In mehreren EU-Ländern sind Wildtiere aus dem Zirkus verbannt. Einige deutsche Städte haben Verbote erlassen: Heidelberg, Worms oder Potsdam vergeben keine Flächen an Betriebe, die mit bestimmten Wildtierarten anreisen. Dennoch: Viele Vorstellungen sind an Weihnachten ausverkauft.

Manege frei für eine hochemotionale Show: Im Scheinwerferlicht stehen Zirkusbetreiber, Tierschützer, Politiker und Behörden. Seit Jahren streiten sie um Affen, Pferde, Tiger und Elefanten.

"Ja, wir sind der Meinung, dass es keine stichhaltigen belastbaren biologischen Argumente gegen die Tierhaltung im Zirkus gibt, auch nicht gegen die Haltung von Wildtieren. Man kann Verbote nur ideologisch weltanschaulich begründen und eine solche Begründung ist nicht ausreichend für ein Verbot",

Dirk Candidus, Gründer der Initiative "Tiere gehören zum Circus".

"Wir sprechen uns für ein klares Verbot aus, nicht nur für exotische Tiere",

Peter Höffken, Fachreferent "Tiere in der Unterhaltungsbranche" bei "PETA".

"Weil stundenlang auf Transportern zu stehen, und die Dressur mit Peitsche, das ist auch für Kamele oder Pferde nicht schön. Tiere sind nicht zu unserer Unterhaltung da und gehören deswegen nicht in den Zirkus. Die Käfige sind nicht groß, die Tiere verbringen nächtelang in Transportern, auch am Gastspielort sind die Gehege klein. Und Elefanten werden jede Nacht angekettet an zwei Beinen, das ist Tierquälerei."

Aussage gegen Aussage. Tatsächlich erlauben 18 europäische Länder keine oder nur bestimmte Tierarten im Zirkus, einige deutsche Städte haben kommunale Verbote erlassen: Heidelberg, Worms oder Potsdam vergeben keine öffentlichen Flächen an Zirkusbetriebe, die mit bestimmten Wildtierarten anreisen. Dafür sieht das Aktionsbündnis keinen Grund:

"Die Tierärztliche Vereinigung hat uns zugestanden, dass ein generelles Tierverbot nicht mehr nötig sei, weil die Tierhaltung im Zirkus in den letzten Jahren sehr gute Fortschritte gemacht hat. Die Tiere sitzen eben nicht in Käfigen, sondern in Freigehegen, und die großen Zirkusse gestalten diese auch, schleppen Baumstämme mit, legen den Gehege-Untergrund aus mit Sand und Rindenmulch, da wird unglaublich viel getan."

Alles Glitzerfassade, sagen Tierschützer. Peta hat bei einigen Zirkussen eine schlechte Haltung in nächtlichen Videoaufnahmen dokumentiert. Dirk Candidus hält dagegen: Viele Videos seien bearbeitet oder aufgenommen, wenn die Tiere etwa während der Gehegesäuberung kurz in einen Käfig müssen. Tatsächlich gibt es das Tierschutzgesetz. Jeder Zirkus bekommt in jeder Gaststadt Besuch vom Amtstierarzt. Im Internet gibt es ein Verzeichnis, in dem die Amtsveterinäre Protokolle von Kolleginnen und Kollegen nachlesen können.

"Deutschland ist Schlusslicht beim Tierschutz von Tieren im Zirkus"

Es gebe Richtlinien, keine Gesetze, sagt Peter Höffken:

"Die Tiere im Zirkus leben leider doch in einem rechtsfreien Raum, Deutschland ist mittlerweile Schlusslicht beim Tierschutz von Tieren im Zirkus. Nur in Deutschland ist es erlaubt, Nashörner, Giraffen, Flusspferde mit der Peitsche durch Manege zu scheuchen. Die Dressur ist wie vor 100 Jahren von Gewalt geprägt."

Candidus: "Tiger können auf den Hinterbeinen laufen ein paar Meter, das kommt im Kampfverhalten vor, das Balancieren der Seelöwen mit Bällen ist Teil des Spielverhaltens, sie zeigen ähnliches Verhalten in Natur. Das größte Problem bei der Haltung ist die Langeweile. Weil die Tiere nicht im Überlebenskampf sind, nicht auf die Jagd gehen. Die Ausbildung in der Manege ist eine geeignete Methode, da das Training die geistige und körperliche Fitness fördert."

Zudem könnten Kinder davon viel lernen. Candidus sieht den Zirkus als Begegnungsstätte von Tier und Mensch, als Grundlage dafür, dass Kinder sich für Tieren einsetzen.

"Umfragen sagen, grade dass grundsätzlicher Wertewandel stattgefunden hat: Ein Tiger, der durch Reifen springt und dann knallt die Peitsche, das will heute keiner mehr sehen."

Dennoch: Viele Zirkusvorstellungen sind gerade an Weihnachten ausverkauft. Und da sind die Politiker. Gregor Gysi hat eine Patenschaft für einen weißen Löwen übernommen. Der CDU-CSU-Fraktionsvorsitzende Volker Kauder wollte laut seiner Internetseite früher Zirkusdirektor werden und ist "Ehrenfan" des Circus Krone. Hier steht immerhin ein Nilpferd in der Manege. Auch der tierschutzpolitische Sprecher der Union, Dieter Stier, ist gegen ein Wildtierverbot – genau wie Landwirtschaftsminister Christian Schmidt, CSU.

Aber es gibt durchaus Befürworter eines Verbots. Gerade erst hat das schwarz-grün geführte Hessen einen neuen Vorstoß in den Bundesrat eingebracht.

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