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Fazit / Archiv | Beitrag vom 29.05.2015

Wiener FestwochenFrank Castorf inszeniert "Die Brüder Karamasow"

Von Christoph Leibold

Marc Hosemann und Kathrin Angerer (Wiener Festwochen / Foto: Thomas Aurin)
Marc Hosemann als "Dmitrij Karamasow" und Kathrin Angerer als "Gruschenka" in "Die Brüder Karamasow" bei den Wiener Festwochen. (Wiener Festwochen / Foto: Thomas Aurin)

Nach mehr als sechs Stunden beklatscht sich das Publikum von "Die Brüder Karamasow" wohl auch ein wenig selbst. Regisseur Frank Castorf bringt Dostojewski in Wien auf die Bühne und schafft es, mit Live-Mitschnitten und tollen Schauspielern einen großen Roman zu adaptieren.

Die Freiheit ist eine Last. Die Kirche aber mit ihren strikten Vorgaben nimmt den schwachen Menschen die Last der Verantwortung ab. Das verkündigt der Großinquisitor in der berühmten, in Dostojewskis Roman eingeschobenen Erzählung - in Frank Castorfs Wiener Bühnenadaption von einem großartigen Alexander Scheer vorgetragen mit dem Furor eines eifernden Bußpredigers. Scheer spielt auch Iwan, den mittleren der drei Karamasow-Brüder, der Gott abschwört und zugleich das moralische Chaos prophezeit, in dem eine gottlose Welt zu versinken verdammt ist. Hier setzt Castorf zum Brückenschlag in die Gegenwart eines postsowjetischen Russlands an, das orientierungslos hin- und hergerissen ist zwischen altem Denken und neuen Freiheiten. Zwischen reaktionärem Roll-Back ins Ultra-Religiöse und Nationalistische auf der einen und Liberalismus, aber auch entfesseltem Kapitalismus auf der anderen Seite.

Erstaunlich nah am Original

Frank Castorf hat wie gewohnt ein paar zeitgenössische Fremdtexte in den Roman aus den 1880er-Jahren geschmuggelt, um ihn anschlussfähig an unsere Gegenwart zu machen. Insgesamt erzählt er aber erstaunlich nah am Original, aber gut: der dicke Wälzer lässt nicht viel Raum für Exkurse, die Aufführung dauert auch so schon über sechs Stunden reine Spielzeit auf der Bühne von Bert Neumann, die die konkurrierenden Systeme ins Bild setzt: links die neue Zeit, eine Art Containergebäude, innen mit Spray-Art und Postern von Pop-Ikonen ausgekleidet. Rechts das alte Russland in Gestalt eines Jagdhauses, in dem Hirschgeweihlüster von der Decke hängen und in dem sich der alte Fjodor Karamasow vorzugsweise aufhält, der als alte Autorität freilich ausgespielt hat. Pawel, seine unehelicher Sohn wird ihn ermorden, während Dimitrij, der älteste der Brüder Karamasow, vom Vatermord lediglich phantasiert.

Live-Film mit perfekten Schnitten und Gegenschnitten

Wie so oft bei Castorf spielen sich weite Teile der Handlung in nicht- oder allenfalls teilweise einsehbaren Innenräumen ab. Video-Teams filmen die Schauspieler, die Aufnahmen werden auf einer Großleinwand übertragen. Der Live-Film, der dabei entsteht wird, ist aber so perfekt, mit Schnitten, Gegenschnitten und Soundtrack-Abmischung, dass kaum auffällt, dass die breite Spielfläche zwischen Containerbau und Jagdhäuschen die meiste Zeit des Abends brach liegt. Souverän spielen die Schauspieler, darunter Volksbühnenstars wie Sophie Rois, Kathrin Angerer und Marc Hosemann, mit der Kamera und scheinen zugleich deren Präsenz gar nicht wahrzunehmen in der Hingabe ans Spiel, das natürlich immer wieder in Castorf-typische Hysterie kippt.

Und doch beschränkt sich das Exzessive in dieser Inszenierung im Wesentlichen auf die XXL-Dauer. Der für Castorfs Verhältnisse fast schon werktreu zu nennende Zugriff auf Dostojewskis Roman hat zur Folge, dass sich mindestens das letzte Vorstellungsdrittel mühsam nachbuchstabiert dahin schleppt. Der Gegenwartsbezug, diesmal ohnehin nur angedeutet, verliert sich irgendwann völlig, was bleibt ist eine etwas langatmige Nacherzählung. Die Zuschauer, die durchgehalten haben – geschätzt gut die Hälfte -, beklatschen beim Schlussapplaus eine halbe Stunde nach Mitternacht auch sich selbst.

Die Wiener Festwochen finden noch bis zum 21. Juni statt. Weitere Informationen finden Sie auf der Homepage. 

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