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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.05.2007

Wiederentdeckung eines dänischen Dichters

Herman Bang: "Das weiße Haus. Das graue Haus", Insel Taschenbuch, 2007, 306 Seiten, 10 Euro

In Dänemark (AP)
In Dänemark (AP)

Zwei Romane in einem Band. Beide autobiographisch geprägt. In einem erzählt Herman Bang vom Elternhaus auf dem Land, in dem anderen von der großelterlichen Villa in der Stadt. Die Titel sind Programm.

Im weißen Haus, dem Haus der Kindheit, geht es leicht und froh und zu. Während im grauen Haus die Schatten so schwer auf seinen Bewohnern liegen, dass sie einem den Atem nehmen ob so viel Lebensresignation und Lebensmissglückung, die selbst hinter gut eingeübtem und kontrolliertem Gebaren nicht zu verbergen sind. Man lebt, man gibt Gesellschaften, man heuchelt, tändelt, redet – viel und fast immer zusammenhanglos aneinander vorbei. Ein imposanter Großvater, die Exzellenz, herrisch, zynisch, einsam, beherrscht. Ein haltloser Sohn, der ihn in den finanziellen Ruin treibt, ein zweiter, der seine alle anderen entzückende Frau nicht liebt, die vermutlich ob dieses Unglücks einen frühen Tod sterben wird. Ein Enkel, der wohl eher dem schlanken Diener zugetan ist als einer Arbeit, einem Lebensziel.

Der Verfall einer Familie. Bang erzählt nur einen einzigen Tag in dieser Tragödie. Aber was für einen Tag und wie dicht, eindringlich, bedrohlich und mit welch feinem Witz er ihn erzählt. 1901 ist das Buch erschienen, im selben Jahr wie "Die Buddenbrooks". Und Bangs kongenialer Übersetzer Walter Boehlich schreibt in seinem Nachwort, dass Bangs Roman wohl der modernere sei. "Es ist auch das noblere Buch", meint Boehlich, "weil es mitleidender ist."

Bangs Sympathie liegt stets bei den Leidenden. Er weiß, was es heißt, das Glück vergeblich zu suchen, das Leben zu verpassen. Als Homosexueller, der aus seinem Land fliehen muss, als aufmüpfiger Rebell, der die so genannte feine Gesellschaft des Adels und der Protzbürger scharfzüngig enttarnt und dafür bestraft von ihr bestraft wird, der Armut benennt und soziale Ungerechtigkeit anprangert. Ein feinnerviger, widersprüchlicher, getriebener Dichter.

Vor 150 Jahren wurde er auf der Insel Als geboren - und es lohnt sich, diesen großen dänischen Autor neu zu entdecken. Denn er ist ein meisterlicher Erzähler. "Er sieht Dinge", hat sein Zeitgenosse Hugo von Hofmannsthal einmal über ihn gesagt, "auf die fast niemand achtet".

Immer ist er auf der Suche nach dem Glück, so wie er es aus seiner Kindheit kannte. Die er zärtlich im ersten Roman dieses Bandes beschreibt. Das weiße Haus - mit seinen hellen Tapeten und weißen Konsolen, dem weiß gestrichenen Geländer zum Garten. Das Haus, in dem die Mutter singt und Klavier spielt, am lautesten lacht, am wildesten tollt und am traurigsten spricht. Denn auch im weißen Haus hat sich neben der Heiterkeit der Schmerz niedergelassen. Und als Leser empfindet man die Schatten hier als fast noch länger, noch bedrängender als im grauen Haus, weil sie hineinfallen in eine lichte Idylle. In der die schöne Mutter – und das Buch ist eine einziges Liebeserklärung an sie - wenn sie nicht gerade fahrig fröhlich und fast allzu ausgelassen mit ihren Kindern durch die Tage wirbelt, von Traurigkeit erfüllt und von Todessehnsucht erfasst wird. Während aus dem stets verschlossenen Zimmer des Vaters, dessen Schritte auf den Dielen hallen, wo er auf und abgeht, immerzu, gepeinigt von der verlorenen Liebe zu seiner Frau. Man sieht ihn fast nie, hört seine Stimme nur selten und dann klingt sie "wie von weit her." Er verzweifelt an seiner Liebelosigkeit, sie an dem Nicht-geliebt-Werden. Fragile Existenzen beide.

Eine mitreißende, bezaubernde, ergreifende Lektüre – und kein bisschen ergriffen erzählt. Denn Bang ist ein Könner, und seine große Kunst ist es, Gefühle nicht zu kommentieren oder gar zu analysieren sondern darzustellen. Psychologisierungen sind seine Sache nicht. Er braucht sie so wenig wie ausgeschriebenen Tiefsinn. Bang ist ein Meister der Auslassungen. In halben Sätzen – wie nebenher gesagt - dringt er ins Menscheninnere, und die Regungen der Seelen werden in jeder Zeile, die er nicht schreibt, dennoch miterzählt. So lässt er uns Lesern Raum für eigene Gedanken, Phantasien und Lebendigkeit. Das ist reines Lese-Glück.

Rezensiert von Gabriele von Arnim

Herman Bang: Das weiße Haus. Das graue Haus
Zwei Romane
Übersetzt von Walter Boehlich
Insel Taschenbuch, 2007
306 Seiten, 10 Euro

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