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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 03.03.2016

Wiederentdeckung des BluesMit Blue Notes in die Zukunft des Mississippi-Deltas

Von Michael Groth

(imago/Westend61)
Im kleinen Städtchen Cleveland in Mississippi verbinden sich viele Hoffnungen mit dem Blues. (imago/Westend61)

In der Kleinstadt Cleveland im Mississippi-Delta lädt die State University alljährlich zur Blues-Konferenz. Jetzt eröffnet hier auch ein Ableger des kalifornischen Grammy-Museums. Die Musik lässt die Menschen in einer der ärmsten Regionen der USA auf bessere Zeiten hoffen.

"Die Schätze, die vor der eigenen Tür liegen, entdeckt man oft nicht. Wir haben Studenten, die die Geschichte des Blues nicht kennen. Die Blues-Konferenz soll das ändern. Sie soll den jungen Leuten helfen, die Kultur und die Geschichte zu verstehen, die sie hier umgibt. Das Mississippi-Delta ist die Schnittstelle der amerikanischen Musik. Wenn wir die Musikgeschichte der vergangenen 100 Jahre betrachten: Von hier kam fast alles, was sich dann weiter entwickelte: Pop, Country, Rock, alles entstand aus dem Blues. Und der ist hier im Delta zu Hause."

Trisha Walker, Chefin des Delta Music Institute – kurz DMI , ist eigentlich zu beschäftigt für Interviews. Sie ist für Lehrgänge und Produktionen verantwortlich, sie organisiert Konferenzen, und in diesen Wochen hilft sie bei der Vorbereitung eines Ereignisses, das das kleine Städtchen Cleveland im US-Bundesstaat Mississippi auf die musikalische Weltkarte setzen soll.

Ein Ableger des Originals in Los Angeles

Der 5. März soll ein großer Tag in Cleveland werden. Das erste Grammy-Museum außerhalb von Los Angeles öffnet dann seine Türen.

"Das Engagement der Menschen in dieser kleinen ländlichen Gemeinde ist phänomenal. Sie haben Geld aufgetrieben, sie fanden Unterstützung, sie hatten einen Plan und vor allem: Sie hatten eine Vision. Wir sind eine Bildungseinrichtung und das neue Museum steht auf dem Campus einer Universität – das ist großartig. Wir wollen Nähe zwischen den Musikern und ihrem Publikum herstellen. Wir werden die Ressourcen der Uni nutzen. Das trug entscheidend dazu bei, hier eine Dependance zu errichten."

Rita George, stellvertretende Direktorin des Grammy-Originals in Los Angeles, ist nach Cleveland gereist.

Cleveland in Bolivar County, Mississippi. Gut 12.000 Einwohner. Die Hälfte weiß, die Hälfte Afro-Amerikaner. Laut Volkszählung 2010 mit einem Durchschnittseinkommen von knapp 15.000 Dollar pro Kopf. Ein Viertel der Menschen lebt unterhalb der Armutsgrenze.

Aber es gibt Hoffnung in Cleveland, und diese Hoffnung ist mit der "Delta State University" verbunden. Knapp 3000 Studenten besuchen die Uni, die nach dem Zweiten Weltkrieg als exklusive Einrichtung für die weiße Bevölkerung galt. Das hat sich geändert – auch dort ist im Verhältnis Schwarz-Weiß inzwischen die Parität erreicht.

Gemüse mit Boxhandschuhen als Maskottchen

Maskottchen der Delta State University ist ein "Fighting Okra" – ein Gemüse mit Boxhandschuhen – wahrscheinlich ein Alleinstellungsmerkmal unter amerikanischen Hochschulen. Wichtiger Bestandteil der Ausbildung ist das "Delta Music Insitute". Trisha Walker sagt warum:

"Das Delta Music Institute wurde vor knapp zehn Jahren gegründet. Es geht darum, die Studenten in die Unterhaltungsindustrie ein zu führen. Die meisten unserer Studierenden wollen ins Musikgeschäft. Es gibt Kurse für die Hardware – wie funktioniert ein Studio, welche Technologie nutze ich für Tonaufnahmen, usw. ... Und es gibt Kurse, bei denen es um die wirtschaftlichen Aspekte geht. Was macht man als Manager, wie gestalte ich Verträge, wie sichere ich mein geistiges Eigentum – solche Sachen. Wer bei uns studiert, erhält ein umfassendes Bild der Unterhaltungsindustrie."

Rolando Herts ist Director des "Delta Center for Culture and Learning", das ebenfalls an der Delta State University angesiedelt ist.

Die Angebote des "Centers2 ergänzen die Arbeit des "Music Institute". Einmal im Jahr veranstaltet man gemeinsam eine "Blues-Konferenz", auf der zwei Tage lang vieles über die Geschichte dieses Genres zu hören ist – natürlich nicht ohne musikalische Beispiele aus der Gegenwart.

"Hier ist der Blues zu Hause. Hier ist der Ort, wo ihr darüber etwas lernen könnt. Diese Konferenz wird vom Delta Center for Culture and Learning veranstaltet. Neben diesem jährlichen Treffen bieten wir Blueskurse an, Workshops, die sich mit theoretischen und praktischen Aspekten der Musik befassen. Das betrifft zum Beispiel auch die Frage, wie wir mit Touristen umgehen, die hierher kommen, weil sie den Blues lieben.

Delta State konzentriert sich nicht nur auf die Musik. Wir haben vielfältige Angebote, die den Studierenden die Kultur dieser Region nahebringen. Dabei geht es um Literatur, um ökonomische Transformationsprozesse, um den Kampf für Bürgerrechte. Wir erklären, warum das Delta zu dem wurde, was es heute ist. Dazu gehören auch die Einwanderer: die Libanesen, die Chinesen, die Italiener und die Juden. Aber wir sind uns schon klar darüber, dass der Blues die Leute hierher lockt."

Die Gegend ist flach wie ein Brett

Das Delta: In diesem Fall nicht die Gegend, in der der Fluss in den Golf von Mexiko mündet. Dieses Mississippi-Delta ist eine Region im Nordwesten des gleichnamigen Bundesstaates, im Süden begrenzt von der Stadt Vicksburg, im Norden reicht das Delta bis nach Memphis hinein. Und Cleveland in der Mitte.

Das Delta erstreckt sich vom Mississippi rund 80 Kilometer östlich ins Landesinnere. Von Norden nach Süden sind es an die 200 Kilometer. Flach wie ein Brett. Früher heimgesucht von ungezählten Überschwemmungen. Inzwischen sind die Fluten durch ein verzweigtes Deich- und Abflusssystem weitgehend gebändigt.

"Wir haben drei hervorragende Tonstudios. Studio A – der Raum in dem die Blueskonferenz stattfindet – ist eine umgebaute ehemalige Turnhalle. Wir nennen es das 'Abbey-Road'-Studio des Südens. Die Studierenden lernen hier das Handwerk. Wenn sie ihre Prüfungen bestanden haben, bleiben sie, um lokale Musiker bei ihren Aufnahmen zu unterstützen. Neben dieser Studioarbeit, bieten die Studierenden auch live-Produktionen an. Die Audiotechnik dieser Konferenz wird natürlich auch hausintern geliefert. Inzwischen sind unsere Leute bei Festivals im ganzen Staat gefragt – als Produktionsassistenten, oder im Management-Bereich. Wir haben hier ein sehr praxisbezogenes Curriculum. Wir haben sogar eine eigene kleine Plattenfirma – Fighting Okra Records. Die Studierenden nehmen Kontakt zu Künstlern auf, sie arbeiten einen Vertrag aus, sie produzieren eine CD, sie sind für Auftritte und den gesamten Vermarktungsprozess verantwortlich, der sich anschließt.

Das Leben verändert sich. Auch der Blues. Die Generation, zu der B. B. King gehörte, stirbt aus. Wir bedauern das. Zugleich kommen junge Künstler wie Dom Flemmons zu uns. Er ist schwarz, er greift die Überlieferungen auf, und er bringt die Musik in eine neue Richtung. Aber sein Publikum ist überwiegend weiß.

Der Blues hat sich weiter entwickelt – es gibt Symphonien, die auf dem Bluesschema aufbauen, die Geschichte des Blues wird an den Schulen unterrichtet, der Blues ist Forschungsobjekt an Hochschulen. Niemand bezweifelt heute die Bedeutung des Blues in der Musikgeschichte."

William Ferris ist Ehrengast der Konferenz in Cleveland. Der Verfasser mehrerer Bücher über den Blues und das Delta unterrichtet heute an der Universität von North Carolina. Was? Natürlich die Geschichte des Blues.

Die Studenten kommen wegen der Musiker

Künstler wie der 33 Jahre alte Dom Flemmons sind es, die die Studenten in Uni-Seminare über den Blues locken. In Cleveland nimmt sich Flemmons Zeit für Gespräche mit seinen Fans:

"Ich kann nur ständig werben für diese Art Musik. Zum Beispiel auf Konferenzen wie dieser. Ich versuche, meinem Publikum auch die alten Songs näher zu bringen. Das ist gerade bei den Afro-Amerikanern nicht leicht. Dank der Digitalisierung ist die Musik heute leichter zugänglich. Ich hole mir die alten Lieder aus dem Netz, ich re-interpretiere sie, und spiele sie live. Hey, das ist was Neues, denken die Leute dann. Auf diese Art hole ich den Blues aus dem Museum. Vor allem die schwarzen Fans wollen immer etwas Neues. Ich zeige ihnen einen Teil ihrer Geschichte, auf den sie stolz sein können. Und wenn das ankommt, dann interessieren sie sich auch wieder für die Vergangenheit.

Wir sind ja ohnehin in einer Phase, in der die Kultur der Afro-Amerikaner neu bewertet wird. Das Selbstbewusstsein steigt – musikalisch betrachtet, haben viele Schwarze die Dominanz des Hip-Hop und des R&B satt. Plötzlich gibt es neue Regeln – das ist sehr attraktiv. Ich bemühe mich jedenfalls, gegen den Strich zu bürsten."

Auch in Mississippi hören die meisten jungen Menschen heute eher Hip- Hop oder R 'n' B als Blues. Aber es ist der Blues, so Rolando Herts, der sie stolz auf die Heimat sein lässt:

"Der Blues ist nach wie vor ein großes Thema. In Familien, aber auch in Gemeinden wie Cleveland oder Indianola. Natürlich liegt das auch daran, dass B.B.King hier bis zu seinem Tod im Mai 2015 jedes Jahr ein Homecoming-Konzert gab, zu dem alle eingeladen waren. Das ist erstmal eine gute Voraussetzung für die Wertschätzung des Blues. Aber wir müssen dranbleiben, und die Beschäftigung mit dem Blues in unseren Lehrplänen immer weiter verbessern.

Im ländlichen Mississippi ist der Blues gegenwärtig. Sogar die Politik erkennt das langsam. Inzwischen bezeichnet die Regierung von Mississippi den Blues als wichtigen Teil ihrer Geschichte. Diese Geschichte erzählen hunderte von Tafeln, die im ganzen Bundesstaat stehen. Für Touristen sind diese Tafeln ein Anziehungspunkt. Darauf ist die Bevölkerung sehr stolz. Der Blues steht inzwischen auch auf den Lehrplänen der Schulen. Natürlich hören die Kids nach wie vor Hip-Hop und Rap, aber es gibt Verbindungen. Immer mehr junge Bluesmusiker finden den Weg ins Studio. Der Blues spielt nicht mehr die Rolle, die er spielte, als B. B. King hier aufwuchs – aber es gibt ihn noch."

B. B. King sitzt auf einer Bühne.  (imago stock & people)Die Blueslegende B.B. King wurde im Mississippi-Delta geboren. (imago stock & people)

Nach dem Tod von B. B. King im Mai vergangenen Jahres droht es stiller zu werden um den Blues im Delta. Die "Juke Joints", die Kaschemmen, in denen der Blues den Ton angab, sind weitgehend verschwunden. Die wenigen Klubs, in denen man noch Blues hören kann, werden von einem weitgehend weißen Publikum besucht.

Die Musik wandert in die Museen. Für den Autor Ferris ist das nicht unbedingt ein schlechtes Zeichen.

"Wir haben wundervolle Museen. Das B.-B.-King-Museum in Indianola ist ein Juwel. 15 Millionen Dollar hat man sich das kosten lassen. In Clarksdale gibt es das Delta-Bluesmuseum, und hier in Cleveland öffnet jetzt das neue Grammy-Museum – das bekräftigt die kulturelle Tradition dieser Gegend noch einmal ganz entscheidend – vor allem den Blues und seine Spielarten, die hier ihren Ursprung hatten."

Betriebsamkeit auf der Grammy-Baustelle

Natürlich will auch der Ableger des Grammy-Museums in Cleveland die Tradition des Blues und seiner Spielarten pflegen.

Um von Anfang an das Spektrum so weit wie möglich zu gestalten, gehört das erste Gastspiel einer Band, die man nicht unbedingt mit dem Blues in Verbindung bringt: bis Juni geht es um die Anfänge der Beatles in Amerika, eine Ausstellung, die man vom Grammy-Museum in L.A. übernimmt.

Vor der feierlichen Eröffnung am Samstag ist Betrieb auf der Grammy-Baustelle in Cleveland.

Emily Havens, die stolze Direktorin, führt durch ihr neues Haus:

"Das ist unsere Bühne. Sie entstand durch eine private Spende von einer Million Dollar. Hier finden nicht nur Konzerte statt, hier werden wir auch mit größeren Schülergruppen arbeiten. Idealerweise widmen sich die Künstler, die wir einladen, tagsüber den Kids, bevor sie am Abend ein öffentliches Konzert geben."

Auch für diejenigen, die sich für verkannte Liedermacher halten, ist gesorgt.

"Hier kann jeder seine eigenen Songs schreiben. Keb' Mo erklärt das alles. Man kann das Produkt aufnehmen, es bearbeiten, und an Freunde mailen. Sie können also ihren eigenen Song mit nach Hause nehmen."

Seit 2009 haben mehr als 130.000 Schüler an den Programmen des Grammy-Museums in Los Angeles teilgenommen. In Cleveland soll es ähnlich werden, hofft Emily Havens:

"80 Prozent der Aufgaben hier haben mit Bildung zu tun. Das Museum wird im Grunde ein großes Klassenzimmer sein. Es soll unterhalten, aber es soll auch etwas hängenbleiben. Spezielle Programme können im Internet an 75 Schulen in Mississippi übertragen werden. Dabei geht es übrigens nicht nur um Musikprojekte. Die Naturwissenschaften werden eine Rolle spielen, und wir sind mit Mathematiklehrern im Gespräch darüber, welche Rolle die Musik in ihrem Unterricht spielen könnte."

Hoffnung für die Menschen der Region

Im Gebäude des Delta Music Institute, nur durch den Highway vom neuen Museum getrennt, kann es Trisha Walker kaum abwarten. Schon jetzt, sagt sie, hat sich die Stadt geändert. In einer Region, die zu den Ärmsten der USA gehört, wächst dank der Musik die Hoffnung:

"Es ist großartig, hier in Cleveland, Mississippi so eine Weltmarke zu erhalten. Das Grammy-Museum ist eine Bildungseinrichtung. Es wird einige sehr coole Ausstellungsstücke geben, und wunderbare interaktive Möglichkeiten. Vor allem aber geht es darum, die Musikgeschichte dieser Region zu verbreiten. Hier im Delta entstand der Blues. Das Museum wird mit seinen Angeboten in die Gemeinden ziehen, man wird Schulklassen einladen. Es sind bereits Geschäfte, Hotels und Restaurants entstanden, denn die Touristen kommen natürlich auch. Und last not least gibt das Museum auch unseren Studenten die Möglichkeit, Erfahrungen in der Kreativwirtschaft zu machen, über die jeder so viel spricht."

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