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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 17.04.2013

Wiederbelebter Klassiker

Hermann Kurzke: "Georg Büchner - Geschichte eines Genies", C.H. Beck Verlag, München 2013, 592 Seiten

Undatiertes Archivbild des Schriftstellers Georg Büchner (1813-1837) (picture alliance / dpa)
Undatiertes Archivbild des Schriftstellers Georg Büchner (1813-1837) (picture alliance / dpa)

Mit "Georg Büchner - Geschichte eines Genies" nimmt Hermann Kurzke vor allem dessen religiöse Unruhe in den Blick. Die Biografie zeigt ein kurzes Leben mit einer enormen Spannweite - und lässt ihre Leser den Klassiker besser und anders verstehen.

Hermann Kurzke setzt in seiner Biografie Kontrapunkte zur "Revolutionssentimentalität" der Büchner-Orthodoxie, die den Autor als entschlossenen Kämpfer gegen das politische Establishment der Restaurationszeit idolisiert habe: der Klassiker für "ein einig Volk von radikalen Lesern", wie schon Hans Magnus Enzensberger spottete. Aber warum liest sich dann bereits das Revolutionsdrama "Dantons Tod" so verdüstert und fatalistisch? Büchner hatte bereits kritischen Abstand zu seiner agitatorischen Phase gewonnen, meint Kurzke.

Vom Abenteuer des "Hessischen Landboten", der Zeit der Verfolgungen und Verhaftungen, blieb dem Flüchtling ein Trauma, ein Gemisch aus Angst, Schuld und Desillusion. Das Schicksal des "Landboten"-Mitstreiters Friedrich Ludwig Weidig, der vier Tage nach Büchner im Gefängnis einen grausamen Tod starb, nachdem er dort lange misshandelt worden war, wühlte in dem jungen Schriftsteller und verlangte nach literarischer Verarbeitung.

Der politische Büchner wird in dieser Biografie nicht entschärft, aber ins Verhältnis gesetzt zu anderen wichtigen Seiten seiner Persönlichkeit. Kurzke, renommiert als Thomas-Mann-Experte und Gesangbuchspezialist, nimmt vor allem das Christentum in den Blick, Büchners religiöse Unruhe jenseits der Kirchenfrömmigkeit. Für einen Frühsozialismusdiskurs gebe es in seinen Werken nur wenige Belege, aber ganze Editionen lebten davon, alles zu diesem "Phantasma" in Beziehung zu setzen. Auf der anderen Seite seien die Werke "flächendeckend übersät und durchsetzt mit christlichen Anspielungen, Zitaten, Debatten und Textfragmenten" – worüber die Forschung bisher jedoch meist hinweggesehen habe.

Büchner war ein "vielfach gefördertes Landeskind", das eine rasante akademische Karriere hinlegte. Sein kurzes Leben hat enorme Spannweite. Nur drei Schaffensjahre waren ihm vergönnt, in denen er zugleich ein Medizinstudium mit Promotion und Habilitation beendete und eigene anatomisch-neurologische Forschungsarbeit leistete. Der Blick des Mediziners macht sich geltend in seinem erstaunlich unprüden Blick auf Körperlichkeit und Sexualität. Seine Dramen sind gespickt mit drastischen Bonmots und Obszönitäten: "geschliffene Derbheiten".

Leben und Werk verflechten sich bei Kurzke wie selten in einer Biografie. Das liegt auch daran, dass die biografische Überlieferung spärlich ist. Vieles muss aus Büchners Texten subtil erschlossen, erahnt, rückerfunden werden. Über weite Strecken ist dies eine Biografie im fundierten Konjunktiv: So könnte es sehr wahrscheinlich gewesen sein.

Dem schmalen Werk Büchners setzt Kurzke Quellen und Kontexte zu, etwa den medizinischen Diskurs der Epoche. Er schildert die Rezeptionsgeschichte mit ihren vielfältigen Inanspruchnahmen, und immer wieder sichtet er die Motivarsenale der Texte. Er will das Genie Büchners verstehen; will verstehen, wie aus der Anfangs-Inspiration einer Medizinsatire ein kraftvolles soziales Drama wie "Woyzeck" entstehen konnte. Wer diese Biografie liest, versteht Büchner anders und besser. Ihr gelingt die Wiederbelebung eines im politischen Verständnis erstarrten Klassikers.

Besprochen von Wolfgang Schneider

Hermann Kurzke: Georg Büchner- Geschichte eines Genies
C.H. Beck Verlag, München 2013
592 Seiten, 29,95 Euro

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