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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 26.05.2015

Wiederauflage eines einst verbotenen RomansTodesurteil für das Ringen um Wahrheit

Von Olga Hochweis

Holzbretterzaun und Stcheldraht an einem ehemaligen Straflager (dpa / Matthias Tödt)
Holzbretterzaun und Stcheldraht an einem ehemaligen Straflager (dpa / Matthias Tödt)

Ein Roman voller Liebe zur Literatur, heute wieder voll betrüblicher Aktualität - Lydia Tschukowskajas in der Sowjetunion lange verbotener Roman wurde nun wieder aufgelegt. Er beschreibt das Ringen um Wahrheit und Würde inmitten staatlicher Willkür in den Nachkriegsjahren.

Im Februar 1949 tritt die Übersetzerin Nina Sergejewna einen vierwöchigen Aufenthalt in einem Künstler-Sanatorium an. Der Krieg ist hier - wenige Zugstunden von Moskau entfernt - noch allgegenwärtig. Rund um das Kurheim erinnern Grabhügel an die Besatzungszeit der Deutschen. Aber nicht die Nazi-Herrschaft, sondern der stalinistische Terror ist das große Thema des Tagebuch-Romans. Darin hält die Ich-Erzählerin einerseits die äußeren Ereignisse während ihres kurzen Aufenthalts im Kurheim fest, andererseits schreibt sie  - verquickt mit genauen Natur-Schilderungen - ausführlich von ihren inneren Empfindungen, den Schmerz über den Verlust ihres Mannes Aljoscha, der 1937 verhaftet wurde und nicht wiedergekehrt ist.

Die Ungewissheit über das Schicksal ihres Mannes liegt wie eine Glocke über Nina Sergejewna. Alpträume quälen sie und der brennende Wunsch, zu erfahren, ob und wie der Ehemann zu Tode kam. Der Erfüllung dieses Wunsches kommt sie unvermutet näher, als der ebenfalls angereiste Schriftsteller Bilibin im vorsichtigen Gespräch von seiner eigenen mehrjährigen Lager-Haft erzählt. Für die Übersetzerin gerät Bilibin zu einem Tor ins Innere des Terrors. Von ihm erfährt sie, dass das Strafmaß ihres Mannes, "zehn Jahre ohne Briefkontakt" 1937 die sofortige Erschießung bedeutet hatte. Zwölf bange Jahre des Hoffens sind abrupt beendet.

Das Feindbild der "kosmopolitischen Abweichungen"

Eingebettet ist die private Geschichte in eine genaue Beschreibung der gesellschaftspolitischen Situation 1949 in der Sowjetunion. Verdichtet wie in einer Nussschale wird sie durch das Sanatorium abgebildet. Da ist der neuerliche Jargon in den ausliegenden Tageszeitungen mit dem "alten Gift" von früher. Vier Jahre nach Ende des 2.Weltkriegs richtet sich die Propaganda nun erneut auf die "Bedrohung" aus dem Inneren. Der Antisemitismus wächst.

Gewettert wird selbst in der liberaleren Literaturpresse gegen die vermeintliche Unverständlichkeit und Dekadenz der Gedichte etwa von Boris Pasternak, gegen "kosmopolitische Abweichungen" und "formalistische Verrenkungen." Die unmittelbaren Folgen dieser Politik bekommen auch die Kurgäste zu spüren. Ein Dichter, der auf Jiddisch schreibt, wird nachts abgeholt. Eine Kurhaus-Angestellte erfährt von der neuerlichen Verhaftung ihrer Schwester, die als "Powtornik" ("Wiederholungstäter") nun ein zweites Mal in einem unbekannten Lager verschwindet. Während Nina Sergejewna ihr Entsetzen über die hohlen Phrasen ungeschützt artikuliert, übernehmen die anderen Kurgäste ängstlich die vorgeschriebenen Positionen. Am größten ist Nina Sergejewnas Enttäuschung über den vermeintlichen Seelenverwandten Bilibin. Als sie seinen neuen Roman liest, findet sie darin reale Erlebnisse seiner Lagerhaft, von denen er ihr erzählt hatte, uminterpretiert in eine linientreue Lesart.

Kongeniale Übersetzung von der bereits verstorbenen Swetlana Geier

Die Intensität des Romans - kongenial übersetzt von der bereits verstorbenen Swetlana Geier- beruht auf seiner Authentizität. Die Hauptfigur ist das alter ego von Lydia Tschukowskaja. Ihr Mann, der Physiker Matwej Bronstein wurde 1937 verhaftet. Das Strafmaß "Zehn Jahre ohne Recht auf Briefverkehr unter Beschlagnahmung des Besitzes" ließ sie viele Jahre vergebens auf eine Rückkehr hoffen. Zahllose Eingaben und demütigende Behördengänge verhöhnten sie so wie Millionen anderer Opfer und deren Angehörige, denen sie mit diesem Buch ein Denkmal errichtet. Einige Jahre nach Stalins Tod wurde Bronstein "wegen fehlendem Tatbestand eines Verbrechens" posthum rehabilitiert.

"Vielleicht war das Schreiben überhaupt die Möglichkeit zu verstehen", schrieb Tschukowskaja, die 1974 - nach Ende des Tauwetters - für diesen und einen weiteren Roman aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen wurde. Mutig wandte sie sich damals in einem öffentlichen Auftritt gegen die "Verurteilung zur Nicht-Existenz in der Literatur" - und betonte, dass die Literaturgeschichte und nicht Parteisekretäre entschieden, "wer ein Schriftsteller und wer ein Usurpator ist."

Voller Liebe zur Literatur und mit großer Herzensbildung beschreibt Lydia Tschukowskaja in ihrem Roman das Ringen um Wahrheit und Würde inmitten staatlicher Willkür. Neben der Natur ist es insbesondere die Poesie und die Kraft des wahren Wortes, die der Ich-Erzählerin das titelgebende "Untertauchen" ermöglichen. Nicht umsonst hat Lydia Tschukowskaja ihrem Buch ein Zitat von Lew Tolstoi vorangestellt: "Die Moralität des Menschen zeigt sich in seinem Verhältnis zum Wort."

Der Satz ist in Zeiten erneuter russischer Propaganda auch heute von betrüblicher Aktualität.

Lydia Tschukowskaja: Untertauchen
Aus dem Russischen von Swetlana Geier und mit einem Nachwort von Hans Jürgen Balmes
Dörlemann Verlag, Zürich 2015
256 Seiten, 17,90 Euro

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