Seit 15:30 Uhr Tonart
 
Donnerstag, 26. Mai 2016MESZ16:29 Uhr

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.06.2005

Wiederauferstehung eines Schriftstellers

Hallgrimur Helgason: "Vom zweifelhaften Vergnügen, tot zu sein"

Rezensiert von Edelgard Abenstein

Denkmal im Hafen der isländischen Hauptstadt Reykjavik (AP)
Denkmal im Hafen der isländischen Hauptstadt Reykjavik (AP)

Mit "101 Reykjavik", der Geschichte eines abgeschlafften Hipsters, eines modernen Oblomow in Bukowski-Nachfolge, wurde der isländische Autor vor drei Jahren auch in Deutschland bekannt. Mit seinem neuen Roman bezieht sich Hallgrimur Helgason auf die Geschichte seines Landes und knüpft an große literarische Traditionen an.

Die Idee ist, auch wenn sie an Borges und Italo Calvino erinnert, ungewöhnlich genug: In "Vom zweifelhaften Vergnügen, tot zu sein" lässt er einen weltberühmten, toten Schriftsteller inmitten seiner eigenen Romanfiguren wiederauferstehen. Dem beinahe 90-Jährigen dämmert erst nach und nach, dass er auf einer einsamen Schafswiese irgendwo in Island wieder erwacht und von einem mürrischen, wortkargen Bauern aufgenommen worden ist, den er selbst in einem großen Roman fünfzig Jahre zuvor erfunden hat. Für den überzeugten Stadtmenschen in Dreiteiler und feinem Schuhwerk aus Paris gibt es kein Entkommen aus dieser isolierten Welt. Nichts als blökende Schafe um ihn herum, nichts als die "blökenden Worte", die er seinen Figuren einst unter der Sonne Spaniens in einem Drei-Sterne-Hotel in den Mund gelegt hat. "Höllental" heißt die Gegend sinnigerweise. Nun philosophiert der Mann mit dem allmählich wiederkehrenden Gedächtnis, der auf wundersame Weise immer jünger wird, über seine Niederlagen als Künstler und Mensch, über seine Eitelkeiten und den Preis für Aufstieg und Erfolg. "Die einzigen Personen, die in meinem Leben Bedeutung hatten, waren meine Romanfiguren", lässt ihn der Autor sagen und eröffnet damit ein wild bewegtes Panorama aus Parodie und Persiflage auf Bauern- und Künstlerromane. Unschwer sind hinter der Hauptperson und seinem Werk Islands einziger Literatur-Nobelpreisträger Halldór Laxness (1902-1998) und dessen 1935 veröffentlichter Bauernroman "Sein eigener Herr" zu erkennen.

Helgason erzählt die Geschichte des alten Mannes, der in seinen eigenen Fiktionen eine ohnmächtige Rolle spielt, während seine Figuren ein Eigenleben führen. Und er entfaltet in immer neuen Anläufen das reale Leben dieses Schriftstellers, um es schließlich mit dem literarischen Werk zu verschränken. In eindringlichen Bildern verbeugt er sich vor der Poesie der isländischen Sagas und ihrer Landschaft. Man muss die literarischen und zeithistorischen Umstände nicht kennen, um den Roman trotz einiger Längen mit Genuss zu lesen. Auch seine sprachlichen Finessen bereiten Vergnügen: Während anfangs eingetragen behäbiger Tonfall vorherrscht, dem Alter des Helden entsprechend, treten später, je jünger er wird, assoziative und temporeiche Redeweisen hinzu. Behende Wechsel in Stil und Perspektive, bizarre Einfälle, schnurrige Begebenheiten machen das Buch streckenweise zu einem kurzweiligen Lesespaß. Die anderen Berufe Helgasons, der Stand-up-Comedian und der Comiczeichner, auch der bildende Künstler mit einem Blick für Räume, Farben und Stimmungen, haben ihre Spuren hinterlassen.

In einem komischen Spiel zwischen Dichtung und Wahrheit wirbelt der Roman durch ein ganzes Jahrhundert. Man erkennt auf dieser nördlichen Insel zwischen Europa und Amerika die Welt im Kleinen und den Beginn einer neuen Zeit, die Umbrüche im bäuerlichen Leben, die Atmosphäre unter den Intellektuellen, die Kabalen der Schriftstellerszene und die politischen Irrungen der literarischen Avantgarde - Laxness huldigte in den 30er Jahren dem Stalinismus und hielt sich am Ende für einen reinen Ästheten. Helgason stürzt das nationale Denkmal nicht. Wie jedes Ziehkind - Helgason nannte kürzlich auf die Frage nach den zehn wichtigsten Büchern Halldor Laxness‘ "Sein eigener Herr" an erster Stelle - rechnet er kräftig mit dem literarischen Übervater ab und hat am Ende doch eine Hommage geschrieben. Mit seiner kunstvoll verbrämten Romanbiographie entpuppt er sich als entfernter Verwandter seines Idols, ein keckes, schwarzes Schaf der isländischen Literatur.

Hallgrimur Helgason: Vom zweifelhaften Vergnügen, tot zu sein.
Roman. Aus dem Isländischen von Karl-Ludwig Wetzig
Klett-Cotta 2005, 24,50 Euro

Buchkritik

Jenny Valentine: "Durchs Feuer"Brennende Lügengebäude
Ein unachtsamer Moment im Umgang mit Feuer kann schwerste Verletzungen nach sich ziehen (imago/McPhoto)

Die 16-jährige Iris ist Pyromanin. Ihr letztes Feuer zündet sie für ihren sterbenden Vater, den sie gerade erst kennen lernen konnte. Ein rasanter Jugendroman um ein Mädchen, das mit allen Mitteln um Wahrheit und gegen eine egomanische Mutter kämpft.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

fghjghj