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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.07.2007

Wieder einmal Frida Kahlo

Slavenka Drakulić: "Frida", Zsolnay Verlag, Wien 2007, 176 Seiten, 17,90 Euro

Frida Kahlo in ihrem Zuhause in Mexico City, 1939 (AP)
Frida Kahlo in ihrem Zuhause in Mexico City, 1939 (AP)

Die mexikanische Malerin, dieser ausgelaugte Mythos, von der kroatischen Autorin Slavenka Drakulić ein weiteres Mal porträtiert? Vielleicht spielte die Hoffnung eine Rolle, zum 100. Geburtstag der Kahlo am 6. Juli mit diesem Roman einen Treffer zu landen. Vielleicht griff Drakulić nach diesem so nahe und so fern liegenden Stoff, weil dies ihr Thema ist – eine Frau in ihrem Leid.

Slavenka Drakulić, geboren 1949 in Kroatien, schreibt über Opfer und Täter, über Schuld und Leid (vor allem das Leid von Frauen), über Krankheit, Tod, Gewalt. Ende der Neunziger erzählte sie von einer bosnischen Lehrerin in einem serbischen KZ ("Als gäbe es mich nicht"). 2004 erschien ein Band mit Reportagen über Ex-Jugoslawien – "Keiner war dabei. Kriegsverbrechen auf dem Balkan vor Gericht". Monatelang hatte die Schriftstellerin die Haager Prozesse verfolgt, hatte genau hingeschaut, so genau, dass es beim Lesen wehtat: "Wir haben das einander angetan." Sie schrieb scharf, eindringlich, emotional, dabei aber "schwebend leicht", so lobte ein Rezensent, "mit einem meisterlichen Sinn für Details und Komposition".

Jetzt hat Frau Drakulić wieder einen Roman vorgelegt. "Frida", kurz und bündig. Soll heißen: Es gibt nur eine Frida. Frida Kahlo. (Im Original heißt das Buch "Frida ili o boli", "Frida oder über den Schmerz"). Auf den ersten Blick irritiert die Themenwahl – die mexikanische Malerin, dieser ausgelaugte Mythos, von einer Kroatin ein weiteres Mal porträtiert? Vielleicht spielte Marketing eine Rolle, die Hoffnung, zum 100. Geburtstag der Kahlo am 6. Juli einen Treffer zu landen. Vielleicht griff Slavenka Drakulić nach diesem so nahe und so fern liegenden Stoff, weil dies ihr Grundthema ist – eine Frau in ihrem Leid.

Die Autorin sagt, sie sei durch Biographien auf den Geschmack gekommen und durch das Breitwand-Opus mit Salma Hayek. (Der Film von 2002, wir erinnern uns, war etwas kitschig, und er bediente den Mythos, statt ihn zu ergründen.) Die Erzählerin gegenüber einer Agentur: "Mir schien, dass etwas fehlte, nämlich ihre Perspektive, die Beziehung zwischen dem Schmerz, der Krankheit und ihrer Kunst."

Was kann uns Frau Drakulić über die Ikone erzählen? Die Kroatin imaginiert den Sterbetag, den 13. Juli 1954, da war die Kahlo 47:

"Früh am Morgen. Schwaches Licht dringt in das Zimmer. Frida wacht in ihrem Bett im Elternhaus auf. Eine unruhige Nacht liegt hinter ihr. Sie versucht aufzustehen, gibt es dann auf."

Frida wird sich an diesem Tag töten (im Roman; in der Realität ist der Selbstmord nicht verbürgt). Zuvor aber unternimmt sie eine lange Reise durch die eigene Biographie.

Slavenka Drakulić bleibt hart an den Fakten, an den zu Legenden erstarrten Lebensstationen dieser Frau – Magdalena Carmen Frieda (!) Kahlo y Calderón, Tochter eines deutschen Fotografen und einer Mexikanerin: Die Kinderlähmung mit sechs und das verkürzte rechte Bein (vor dem Tod wird der Fuß amputiert); der Busunfall mit 18; die über 30 Operationen, das Stahlkorsett, die Fehlgeburten; die zwei Ehen mit Schwerenöter Diego Rivera, dem malenden "Maestro"; die Affäre mit Trotzki; die Flucht in Alkohol, Drogen, vor allem aber die Flucht in die Malerei; die vielen Selbstporträts, eine Chronik der Qualen...

Einzelheiten, Behauptungen faszinieren an der Darstellung: Dass Frida immer eine Rolle spielte, "eine Repräsentation ihrer selbst", aus Furcht vor Kontrollverlust. Dass sie sich deshalb stundenlang gekämmt, geschminkt, gekleidet habe. Die Kahlo in Indio-Tracht ("wie wenn an einem Skelett fröhliche bunte Fetzen flattern"), in einem immerwährenden Theaterstück. "Und dann malte sie das alles auch noch."

Ist diese Vorstellung genug für einen – laut Verlag – "außergewöhnlichen Roman"? Nein. Der Text folgt zu sehr den bekannten Episoden. Und schlimmer: In Aufbau, Sprache, Stil wirkt das Prosastück unausgegoren, unfertig. Die kroatische Autorin referiert, beschreibt von außen, entwirft kaum Szenen, diesmal dringt sie nicht ein ins gelebte Leben.

Weitschweifig wirkt der Text, geschwätzig; so viele Wiederholungen. Oft gibt es Widersprüche, falsche logische Bezüge:

"Obwohl sie den Unfall überlebt hatte, mußten noch immer Ärzte bezahlt werden, die Medikamente, die Prothesen. Wenn sich der Maestro für sie verwendete, würde sich das vielleicht ändern."

Unmotiviert springt die Verfasserin von der dritten Person der allwissenden Erzählerin ("... dachte sie") in das autobiographische "Ich". Beide Perspektiven wirken seltsam deplatziert (nein, wir wissen nicht, was die Heroine "dachte"), denn diese Frida ist erkennbar keine Romanfigur, nur ein Klischeebild der wirklichen.

Störend wirkt auch der Umgang mit dem blinden Fleck der Malerin, ihrer stramm kommunistischen Weltanschauung.

"Sie marschierte, protestierte, sang die Internationale, haßte die Ungerechtigkeit..."

Die Kahlo bewunderte "Väterchen" Stalin noch nach dessen Tod, lange Jahre nach dem Mord an ihrem Liebhaber Trotzki. Kurz vor dem eigenen Ende malte sie diese sonderbaren Bilder – ein Werk mit dem Titel "Der Marxismus wird den Kranken Heilung bringen" und zwei Stalin-Porträts. (Wer das Haus, das Museum der Künstlerin in Coyoacán/Mexiko-Stadt besucht, findet die Porträts dort an prominenter Stelle.)

Slavenka Drakulić entschuldigt die Blindheit, die Verehrung für einen Massenmörder – Fridas Medikamente seien schuld gewesen, ein religiöses Bedürfnis, die Liebe zum "Maestro". Das eigene Urteil aus ihren Balkan-Reportagen hat die Kroatin offenbar vergessen: "Wegsehen und Schweigen vor Unrecht und Verbrechen bedeutet Kollaboration mit einer Politik, deren Programm Tod und Vernichtung sind."

Slavenka Drakulić: Frida. Roman.
Aus dem Kroatischen von Katharina Wolf-Grießhaber.
Zsolnay Verlag, Wien 2007.
176 Seiten, 17,90 Euro.

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