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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 25.07.2011

Wie wir unsere Sprache aufgeben

Braucht Deutschland bald eine Deutschquote?

Von Paul-Hermann Gruner

Es wäre schön, mehr Deutsch im Radio zu hören, findet Paul-Hermann Gruner. (Stock.XCHNG)
Es wäre schön, mehr Deutsch im Radio zu hören, findet Paul-Hermann Gruner. (Stock.XCHNG)

Wir leben in einer Sprach- und Sprechkultur, die sich aus Versehen selbst entkernt. Denn die verbreitete Annahme, dass Internationalität mit sprachlicher Selbstaufgabe einherzugehen hat, ist ein deutsches Missverständnis.

Es wurde jüngst demonstriert in Leipzig. Das Besondere: Es wurde demonstriert für mehr deutschsprachige Musik in deutschen Radiosendern. Endlich mal eine Demo, bei der es nicht um Atommeiler ging, um Untergrundbahnhöfe oder den grotesken Schuldenstand der Hellenen. Sondern um den zentralen Kulturausdruck in diesem Land: die Sprache. Es ging um Repräsentanz, Würdigung und Identität. Und auch um einen Wirtschaftszweig. Aber eins nach dem andern.

Wir leben in einer Sprach- und Sprechkultur, die sich aus Versehen selbst entkernt. Denn die verbreitete Annahme, dass Internationalität oder Weltbürgertum mit sprachlicher Selbstaufgabe einherzugehen hat, ist ein deutsches Missverständnis – ein nationales Fehlverhalten. Während der Frauen-Weltmeisterschaft gab es Eintrittskarten für die Spiele beim "Ticketing-Abhol-Counter". Das ist nicht nur ein atemberaubend hässlicher Begriff, das ist ein Gewaltakt. Gleichzeitig ein kleines, aber sehr schönes Beispiel unter tausenden, dass belegt, wie wir dem Götzen der Leitkultur des Englischen und Denglischen willig opfern. Sprachkulturelle Unterordnungslust folgt also auch purer Gewöhnung an Stillosigkeit.

Die neue Herrschaftssprache resultiert im Wesentlichen aus zwei jahrzehntelangen kultursoziologischen Prozessen, die sich wie Ying und Yang gegenseitig bedingen und ergänzen. Der erste Prozess entsprang dem Machtwillen der Konzerne des angloamerikanischen Kulturimperialismus, dominanzhungrig und marktmissionarisch. Aber bitte – unter Marktgesetzen darf jeder so handeln wollen. Die Frage ist vielmehr, wie man mit diesem Willen als scheinbar Beglückter umgeht.

Und da kommen wir zu Entwicklungsprozess Nummer zwei. Wir kommen zur Verlängerung des amerikanischen Jahrhunderts – des 20. – in die seelische Struktur unbedingter deutscher Anpassungsbereitschaft. Seit 60 Jahren sind der schnelle Applaus fürs Fremde und die Abqualifizierung des Eigenen ein tief eingepflanzter Kollateralschaden des vom Nationalsozialismus nachhaltig torpedierten deutschen Selbstbildes.

Fatalerweise gingen große Teile des Ekels und der Scham über die NS-Diktatur auf die deutsche Sprache über, weg vom Ungeist der sie Sprechenden. Das Verstecken und Vermeiden der eigenen Sprache geriet zum guten Ton, zum Beweis für Läuterung. Und inmitten dieser mentalen Konjunktur wurden die meisten Musikredakteure in diesem Lande sozialisiert und codiert. Sie denken Pop englisch. Und Punkt. Deutsch wirkt da nur provinziell oder ist eben gleich – Abgrund organisierter Selbstverachtung – Deutschtümelei.

Sichere Identität und kulturelles Selbstbewusstsein sehen anders aus. 100 Millionen deutsche Muttersprachler in ganz Europa sollen ihre Mutter ignorieren? Es gibt dafür auch in der populären Musik weder sprachästhetisch noch sprachrhythmisch oder sprachphonetisch relevante Gründe. "Ich schätze an der deutschen Sprache die Präzision, mit der sich Gefühle ausdrücken lassen", sagt Hape Kerkeling. Dann wäre es doch schön, sie im Radio auch zu hören. Da dies ausbleibt, ergibt sich auch der wirtschaftliche Teufelskreis: Wer nicht hörbar ist, wird nicht nachgefragt, wer nicht nachgefragt wird, verkauft nichts und – ist nichts. Bekommt aber dann den Vorwurf, er sei ja auch nirgendwo zu hören. So beißt sich die deutschsprachige Katze derartig entschlossen in den eigenen Schwanz, dass sie nicht mal mehr ein Miau quietschen kann.

Nun, weltoffen und selbstvergessen wie wir sind, wird eine Quote wohl unumgänglich werden: Eine Quote für Deutsch in Deutschland.

Paul-Hermann Gruner (privat)Paul-Hermann Gruner (privat)Paul-Hermann Gruner, Publizist und Künstler. Geboren 1959, ist Politikwissenschaftler und Historiker. Seit Beginn der 80er Jahre tätig als bildender Künstler mit den Schwerpunkten Montage, Installation und Performance. Seit 1996 in der Redaktion des "Darmstädter Echo", daneben Veröffentlichungen in regionalen und überregionalen Zeitungen, satirische Texte, Buchpublikationen unter anderem zu Sprachpolitik und Zeitgeistkritik.

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