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Profil / Archiv | Beitrag vom 30.05.2011

Wie Noten aus Kindern Bildungsverlierer machen

Die Grundschullehrerin und Buchautorin Sabine Czerny

Von Georg Gruber

Sabine Czerny will im Unterricht kein Kind entmutigt zurücklassen. (Sascha Schuermann/dapd)
Sabine Czerny will im Unterricht kein Kind entmutigt zurücklassen. (Sascha Schuermann/dapd)

Die Schüler von Sabine Czerny schrieben zu gute Noten - was ihr schließlich die Strafversetzung brachte. Über diese Erfahrung hat sie ein Buch geschrieben. Sie hat eine Vision: Eine Schule für alle, ohne Notendruck und Selektion.

"Der größte Kritikpunkt ist, dass wir durch die Notengebung, die einfach eine vergleichende zeitpunktorientierte Leistungsmessung ist, unweigerlich Bildungsverlierer produzieren, die überhaupt keine Chance mehr haben, sondern ganz im Gegenteil, aufgrund der Systematik unseres Systems zu Verlierern werden."

Mit Schwung betritt Sabine Czerny den Raum, ein Lächeln auf dem Gesicht, die langen dunklen Haare offen – später wird sie sie zurückbinden, so wie auf dem Verlagsfoto, auf dem sie ein wenig strenger aussieht. Gerne hätte man die 39-jährige Lehrerin an ihrer Schule getroffen, im Klassenzimmer zugeschaut, wie ihr Unterricht abläuft, wie sie mit den Kindern spricht, sie motiviert. Erlebt, wie sie das macht, dass Kinder bei ihr Spaß am Lernen haben – und gute Noten schreiben.

Doch das will sie nicht, sie bittet zum Interview nach München, in die Räume des Verlages, der ihr Buch herausgebracht hat. Sie will den Rummel um ihre Person von ihrer Schule und den Kindern fernhalten: Sabine Czerny ist die zurzeit vielleicht bekannteste Grundschullehrerin in Deutschland. Ihr Fall ging bundesweit durch die Presse: Bekannt wurde sie vor zwei Jahren als die Lehrerin, bei der die Kinder zu gute Noten bekommen.

"Diese Kinder haben in den Probearbeiten, die in allen Parallelklassen gleich geschrieben, gleich bewertet wurden mehrfach Einserschnitte erzielt und es wurde auch nachkorrigiert und nach kontrolliert und es wurde kein einziger Mangel festgestellt."

Sabine Czerny wurde von Schulleitung und Schulamt dafür nicht etwa gelobt, sondern kritisiert: Wenn die Kinder bei ihr bessere Ergebnisse hätten, verunsichere das die Eltern der Kinder aus den Parallelklassen. Die Schulleitung wies sie an: Frau Czerny, auch in ihrer Klasse muss es Vierer, Fünfer und Sechser geben. Schließlich wurde sie strafversetzt, weil sie, so die Begründung, den Schulfrieden störe.

"Also für mich waren die weit schlimmeren Momente dann zuvor, als der Schulrat mir in der zweiten Klasse schon deutlich gesagt hat, es sei wichtig, das Niveau meiner Klasse an das Niveau der anderen Klassen anzupassen, dass ich unkollegial sei und meine Kollegen ausliefern würde, es hätten aus jeder Klasse gleich viele Kinder auf die verschiedenen Schularten zu gehen und ich müsse mir nur mal vorstellen, wie Eltern da reagieren und was ich meinen Kollegen antue und das sind Dinge, die mich weit mehr getroffen haben, als am Schluss die Strafversetzung, auf die ich mich ja schon einstellen konnte."

Sabine Czerny hat all diese Vorgänge dokumentiert, in Gesprächsprotokollen, das schildert sie auch in ihrem Buch. Der Titel: "Was wir unseren Kindern in der Schule antun … Und wie wir das ändern können." Auf den fast 400 Seiten geht es ihr allerdings nicht um eine persönliche Abrechnung. Sie will vielmehr zeigen, wie man einen Unterricht gestalten kann, bei dem kein Kind entmutigt zurückgelassen wird. Der Erfolg ihrer Schüler, erklärt sie, basiere auch darauf, dass sie mit ihnen viel geübt habe und dass sie so den Schülern in den Parallelklassen einfach ein paar Schritte voraus gewesen seien. In dem Buch zieht sie aus ihren Erfahrungen noch weitergehende Schlüsse: Das Schulsystem kranke besonders an einem Punkt – der Notengebung. Durch Noten würden – unnötigerweise - Bildungsverlierer produziert.

"In der ersten Klasse lernen diese Kinder noch alle sehr gut, je nachdem, wie ich natürlich auch mit ihm umgehe und jedes Kind braucht auch was anderes, sobald in der zweiten Klasse mit der Notengebung einsetzt und die ersten Kinder ihre Vierer, Fünfer bekommen, halten diese Kinder sich für dumm, sagen 'ich kann das eh nicht, ich bin unfähig, ich kann nicht rechnen', hören auf zu lernen und dann setzt dieser berühmte Teufelskreis ein, der uns dann diese Kinder bringt, wenn wir die mit 15 Jahren vergleichen, die einen, die bei irgendwelchen Wettbewerben mitmachen, Physik forscht und die anderen, die die einfachsten Fragen zur Allgemeinbildung nicht beantworten können. Aber das fängt unten in der ersten, zweiten Klasse an, wo diese Kinder sich für dumm halten und für unfähig halten."

Um ihr Privatleben hat sie wegen des medialen Rummels eine Mauer gezogen, sie erzählt nur ganz dosiert von sich selbst: Als Kind habe sie in der Schule keine Probleme gehabt. Aber, so sagt sie, sie komme eben auch aus einem privilegierten Elternhaus, einer Mathematikerfamilie.

"Nicht, dass wir besonders reich waren, sondern meine Eltern haben sich einfach ständig interessiert und für alles interessiert, bei uns war eine Zeitung, bei uns waren Bücher, wir haben über alle Themen geredet und gerade in Mathematik, wie gesagt auch einem Mathematikerhaushalt, war ich meistens ein, zwei Jahre voraus und das Ganze war für mich einfach leicht, daher auch wieder dieses der Zeit voraus sein, der Zeit voraus sein genügt im Prinzip in unserem Schulsystem."

Von ihren Eltern bekam sie als Kind den Freiraum, sich auszuprobieren, wurde ermutigt Fragen zu stellen, war er ein aufgewecktes, lebendiges Mädchen – für manche zu lebendig.

"Und von daher kam dann die Empfehlung, mir Ritalin zu geben und ich bin heute noch sehr sehr froh, dass meine Mutter immer gesagt hat: nein, warum? Ich hab hier eine tolle Tochter, die ist kreativ, die macht sich Gedanken, hat Ideen, warum sollte ich das abschwächen, auch wenn es für mich manchmal anstrengend ist, diese Fragen zu beantworten."

Weil sie schon als Jugendliche gerne mit Kindern arbeitet, auf Kinderbibelwochenenden oder als Basketballtrainerin, entscheidet sie sich schließlich, Lehrerin zu werden, obwohl Mathematik, Physik und Medizin sie genauso interessieren. Und in diesen Beruf setzt sie seit über zehn Jahren nun schon all ihre Energie und Kreativität, macht Fortbildungen, etwa in Montessori- und Waldorfpädagogik – und kämpft für ihre Vision: Eine Schule für alle, ohne Notendruck und Selektion, dafür mit Kindern, die ihre Freude am Lernen nicht verlieren.

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