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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.08.2011

Wie man aus Kunst Unterhaltung macht

Frédéric Martel: "Mainstream. Wie funktioniert, was allen gefällt", München 2011, 511 Seiten

Szene aus "Avatar" von James Cameron (AP)
Szene aus "Avatar" von James Cameron (AP)

Der Film "Avatar" war ein weltweiter Erfolg, der Tod von Michael Jackson sorgte international für Trauer - aber wieso eigentlich? Was macht die Massenkultur aus und wieso hat sie über Ländergrenzen hinweg Erfolg? Der französische Soziologe Frédéric Martel hat nach einer Antwort gesucht.

Wohin man auch kommt – sie sind schon da, zumindest auf raubkopierten DVDs: Hollywoods Filmstars. Popmusik und Filme aus den USA haben in den letzten Jahreszehnten, nicht zuletzt durch die neuen Medien und das Internet, einen globalen Siegeszug ohnegleichen angetreten. Offenkundig treffen die Produkte der amerikanischen Kulturindustrie weltweit den Massen-geschmack.

Das Erfolgsgeheimnis jener Massenkultur aufzudecken, die allen gefällt, hat sich der französische Soziologe Frédéric Martel vorgenommen. Er hat 1250 Interviews mit Managern, Schauspielern, Komponisten, Produzenten, Investoren - kurzum mit allen Beteiligten der Unterhaltungsindustrie weltweit geführt. Seine Recherchen führten ihn in 30 Länder. Das Ergebnis ist eine über 500 Seiten starke, detailreiche Reportage aus dem Innenleben des ‚mainstream‘, die weitgehend auf Wertungen verzichtet, die Fakten für sich sprechen lässt, keine neue Kulturtheorie entwirft. Einen vergleichbaren Einblick in die globale Unterhaltungsindustrie gab es bislang nicht. Allein das schon macht das Buch zu einer aufschlussreichen Lektüre, die sich zudem flott liest.

Das Buch bietet erstaunliche Einblicke vor allem in die Kulturindustrie der USA. So funktionieren die großen Studios in Hollywood heute eher wie Banken, die Filme finanzieren, aber nicht produzieren. Das überlassen sie kleinen, kreativen Firmen, die experimentierfreudig sind, geschickt Ideen und Talente aus der Gegenkultur vereinnahmen, filmtechnische Innovationen erproben und wissen, wie man aus Kunst Unterhaltung macht. Gleichzeitig achten sie bewusst auf ethnische Ausgewogenheit der Schauspielercrew und engagieren Regisseure aus anderen Kulturen. Das mag auch erklären, warum Hollywoods Filme im Ausland inzwischen mehr Geld einspielen als in den Staaten selbst. Nichts wird dem Zufall überlassen. Die amerikanische Filmbranche gibt heute bis zu 50 Prozent des Gesamtbudgets für Marketing aus und wirbt weltweit.

Für Martel beruht der Erfolg der amerikanischen Kulturindustrie nicht zuletzt auf der starken Professionalität aller Stadien der Produktion. Das gilt übrigens auch für die Musikindustrie. In Florida werden die lateinamerikanischen Superstars geformt, nicht in Brasilien oder Mexiko.
Dass Frédéric Martel gut die Hälfte seines Buches der US-Unterhaltungsindustrie widmet, ist angesichts ihrer weltweiten Übermacht sicherlich berechtigt. Doch er versucht auch die Erfolge der Bollywood- oder Hongkong-Filme in Asien oder die Meinungsmacht eines Senders wie Al Dschasira im arabischen Raum zu ergründen. Sie alle treffen offenkundig den Geschmack eines Massenpublikums und könnten durchaus zu global players heranwachsen.

"Es wird in Zukunft", resümiert Martel, "mehrere Arten von Mainstream geben". Kein Clash der Kulturen, vielmehr wird die kulturelle Vielfalt trotz der US-Dominanz zunehmen. Nur Europa hat seiner Einschätzung nach schlechte Karten: seine Kulturszene ist kulturell zu zersplittert, um international marktfähige Unterhaltungsmassenware zu produzieren.

Besprochen von Johannes Kaiser

Frédéric Martel: Mainstream. Wie funktioniert, was allen gefällt
Aus dem Französischen von Elsbeth Ranke und Ursel Schäfer
Knaus Verlag, München 2011
511 Seiten, 24.99 Euro

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