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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 18.08.2011

Wie "Lili Marleen" zum Kriegslied wurde

Heute vor 70 Jahren spielte der deutsche Soldatensender Belgrad den Schlager zum ersten Mal

Von Wolfgang Stenke

Marlene Dietrich: Sie machte "Lilli Marleen" weltberühmt. (AP Archiv)
Marlene Dietrich: Sie machte "Lilli Marleen" weltberühmt. (AP Archiv)

International bekannt wurde das Lied durch Marlene Dietrich, die es 1944 vor allierten Truppen auf englisch sang. Zu dem Zeitpunkt war der Schlager in seiner deutschen Fassung bereits ein Hit unter Soldaten - sowohl unter deutschen als auch englischen.

Von Narvik am Polarkreis bis Tobruk an der libyschen Mittelmeerküste war dieser Sender zu empfangen, den eine Propagandakompanie der Wehrmacht im April 1941 nach der Eroberung Belgrads in den Räumen des ehemaligen jugoslawischen Landwirtschaftsministeriums eingerichtet hatte. Legendär wurde der deutsche Militärsender durch ein sentimentales Lied von Abschied, Sehnsucht und Todesfurcht:

"Vor der Kaserne, vor dem großen Tor
stand eine Laterne und steht sie noch davor,
so woll’n wir uns da wiedersehn,
bei der Laterne woll’n wir stehn
wie einst, Lili Marleen,
wie einst, Lili Marleen."

An allen Fronten in Europa und Nordafrika hörten Freund und Feind das Lied von "Lili Marleen". Seit dem 18. August 1941 lief es regelmäßig im "Soldatensender Belgrad" zum Abschluss des Programms "Wir grüßen unsere Hörer". Dann, so will es der Mythos, ließen Generalleutnant Erwin Rommels "Wüstenfüchse" und General Bernard Montgomerys Tommys bei Tobruk und El Alamein für Minuten die Waffen schweigen, um im Radio der Stimme von Lale Andersen zu lauschen.

"Aus dem stillen Raume, aus der Erde Grund
hebt mich wie im Traume dein verliebter Mund.
Wenn sich die späten Nebel drehn,
werd’ ich bei der Laterne stehn,
wie einst, Lili Marleen,
wie einst, Lili Marleen."

So populär war der Song, der im Zweiten Weltkrieg den Soldaten vieler Nationalitäten das Herz wärmte, dass Hitler 1942 bei einem seiner Tischgespräche erklärte:

"Der Schlager wird nicht nur den deutschen Landser begeistern, sondern möglicherweise uns alle überdauern."

Der Liedtext entstand im Ersten Weltkrieg, kurz bevor der Dichter Hans Leip 1915 an die Front ausrückte. Erst 1937 publizierte Leip, der durch Seemannsromane bekannt geworden war, die Verse in der Anthologie "Die kleine Hafenorgel". Sie fielen dem Komponisten Norbert Schultze in die Hände, mit dem die Sängerin Lale Andersen kurze Zeit liiert war. Schultze, versiert als Autor martialischer Propagandamusik, unterlegte den traurigen Versen vom Abschied vor dem Kasernentor genau die Marschtakte, die ins militaristische Klima des Dritten Reiches passten.

Die Plattenfirma Electrola produzierte den Song 1939 mit Lale Andersen als "Lied eines jungen Wachtpostens". Gerade einmal 700 Exemplare wurden verkauft. Dann aber winkte dem Duo Andersen/Schultze das Kriegsglück. Als die Wehrmacht 1941 in Belgrad ihren Sender installierte, gab es dort außer serbischer Marschmusik kaum brauchbares Material. Doch drei Leutnants trieben in Wien eine Kiste Schallplatten auf – und darin fand sich auch das "Lied eines jungen Wachtpostens". Karriere machte es unter dem Titel "Lili Marleen".

Karriere machte im Dritten Reich auch Lale Andersen - bis sie 1943 wegen ihrer Briefkontakte zu jüdischen Emigranten Auftrittsverbot bekam und verhaftet wurde. Erst nach einem Selbstmordversuch durfte die Sängerin wieder auf die Bühne – wahrscheinlich, weil das deutsche Programm der BBC ein Gerücht gestreut hatte:

"Ist es Ihnen aufgefallen, dass Sie dieses Lied schon lange nicht gehört haben? (...) Warum wohl? Vielleicht deshalb, weil Lale Andersen im Konzentrationslager ist?"

Die psychologische Kriegsführung der Alliierten nutzte die Beliebtheit des Liedes bei Engländern und Amerikanern für ihre Zwecke.

Durch Marlene Dietrich wurde die englische Fassung des Soldatenliedes zum Welthit. 1944 sang sie es bei der Betreuung der alliierten Landungstruppen dicht hinter der Invasionsfront. "Lili Marleen", deren Karriere beim Soldatensender Belgrad begonnen hatte, war gewissermaßen entnazifiziert.

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