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Filme der Woche / Archiv | Beitrag vom 28.05.2008

Wie inszenierte Gewalt verschieden wirkt

Neu im Kino: "Standard Operating Procedure" und "Funny Games U.S"

Vorgestellt von Anke Leweke

Der amerikanische Dokumentarfilmer Errol Morris hat die Militärpolizisten und Aufseher aufgespürt, die an den Folterungen und Misshandlungen im irakischen Militärgefängnis Abu Ghraib beteiligt waren. Ihre Schilderungen machen das ganze Ausmaß der Verrohung deutlich und lösen im Zuschauer Schreckensbilder aus, die leider durch Morris' Nachinszenierung überlagert werden. Funny Games U.S. ist Michael Hanekes Remake seines gleichnamigen Films aus dem Jahr 1997 und zeigt, wie die gängigen Bilder von Gewalt beim Zuschauer wirken.

"Standard Operating Procedure"
Dokumentarfilm von Errol Morris, USA 2007, Farbe, 118 Minuten

Die digitalen Fotos der gefolterten Häftlinge aus Abu Ghraib schockierten die Welt. In seinem Dokumentarfilm rekonstruiert der Oscar-Preisträger Errol Morris ("The Thin blue line", "The Fog of the War") ihre Entstehung. Er bringt die US-amerikanischen Militärpolizisten, die an den Folterungen beteiligt waren, zum Sprechen. Die meisten von ihnen sind wie die damals erst 20-jährige Lynndie England niederen Dienstgrades.

Bei den Gesprächen sucht die Kamera die Nahaufnahme, versucht die Mimik ihres Gegenübers zu studieren. Auch wenn sie häufig ausweichen, sich in Widersprüche verwickeln, gibt es immer wieder Momente, in denen sich ihrer Taten bewusst werden. Ihre Schilderungen verdichten sich zu einer Chronik einer Verrohung.

Gerade weil diese Gespräche so aufschlussreich sind, fragt man sich, warum Errol Morris die Folterungen, Verbrechen, Demütigungen mit kunstvollen Stilisierungen wie Zeitlupe, melodramatische Musik nachstellen muss. Er nimmt dem Zuschauer damit jeden Freiraum und überwältigt ihn mit seinen Inszenierungen. Die Schreckensbilder, die wir uns durch die Beschreibungen der Soldaten selbst zusammensetzen, werden durch seine Nachinszenierungen überlagert. Schade!

Errol Morris hätte die Gesichter weiter sprechen lassen sollen. Auch wäre es interessant gewesen, zu sehen, wie die Soldaten heute leben, was sie arbeiten, wie sie mit ihrer Schuld im Alltag umgehen. Stattdessen wirft Morris lieber die digitale Trickkiste an und berauscht sich an seiner eigenen Kinematographie.


"Funny Games U.S."
USA 2007. Buch und Regie: Michael Haneke. Mit: Naomi Watts, Tim Roth, Michael Pitt u.a., Farbe, 111 Minuten, FSK: keine Jugendfreigabe

"Funny Games" (NUR IM ZUSAMMENHANG MIT DEM FILMSTART)Ein Regisseur dreht ein Remake seines eigenen Films: Einstellung für Einstellung, Szene für Szene hat der Österreicher Michael Haneke seinen Film "Funny Games" aus dem Jahre 1997 nachgedreht. Nur Schauplatz und die Darsteller haben sich geändert. Statt in einem österreichischem Landhaus befinden wir uns in einem amerikanischen, statt Susanne Lothar und Ulrich Mühe werden jetzt Naomi Watts und Tim Roth von zwei jungen Männern heimgesucht und in ein tödliches Spiel verwickelt. "Bis morgen früh um neun Uhr seid ihr alle tot. Wer hält dagegen?" lautet ihre einseitige Wette.

Auch"Funny Games U.S." ist ein schockierendes und interessantes Haneke-Experiment. Das Schreckliche passiert in aller Beiläufigkeit, körperliche Übergriffe werden kaum gezeigt, lediglich das Ergebnis. Immer wieder überlässt Haneke dem Zuschauer die schmutzige Arbeit. Im Kopf läuft ein zweiter Film ab. Mit den gängigen Bildern der Gewalt füllt man das Nichtgezeigte aus.

Doch hätte man sich gewünscht, dass Haneke im Remake auf seinen medientheoretischen Überbau verzichtet hätte. Peinlich und penetrant wird "Funny Games U.S" wie auch sein Vorgänger immer dann, wenn sich der Didakt Haneke zu Wort meldet. Einer der Eindringlinge zwinkert dem Zuschauer zu, spricht ihn direkt an, will ihn zum Komplizen machen.

Ein einziges Mal zeigt er auch die Ausübung von Gewalt. Naomi Watts schießt auf einen der Jungen, das Blut spritzt. Im nächsten Moment entlarvt Haneke den Angriff als Fiktion. Das Opfer schnappt sich die Fernbedienung und spult zurück, macht die Tat rückgängig.

Hier übertreibt Haneke die Macht des Regisseurs über die Bilder. Man spürt die Fäden, an denen der Meister nach seinem Belieben zieht, um bestimmte Verhaltensweisen zu erzielen und glaubt sich in einem handelsüblichen Horrorfilm.

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