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Profil / Archiv | Beitrag vom 29.10.2012

Wie ein Lehrer in seinen Freistunden zum Bestsellerautor wurde

Der Biologielehrer Alexis Jenni hat den "Prix Goncourt" gewonnen

Von Martin Becker

Alexis Jenni: Glücklich, aber nicht überheblich
Alexis Jenni: Glücklich, aber nicht überheblich (picture-alliance / dpa / Thomas Padilla)

Alexis Jenni war ein unbekannter Gymnasiallehrer aus Lyon, bis er mit seinem Roman "Die französische Kunst des Krieges" prompt den wichtigsten Literaturpreis Frankreichs gewann. In seinem 800-Seiten-Werk befasst er sich mit den Kriegsschauplätzen seines Heimatlandes.

Es ist nicht irgendein Kaffeehaustisch, an dem der französische Schriftsteller Alexis Jenni Platz genommen hat. Genau an diesem Tisch im Café Bellecour, mitten im Herzen seiner Heimatstadt Lyon, hat er den großen Teil seines Debütromans "Die französische Kunst des Krieges" geschrieben. Alexis Jenni, 49 Jahre alt, weißes Hemd, kurze Haare und gepflegter, grauer Bart, lacht viel und laut, wenn er von sich erzählt. Dabei wirkt er so sympathisch und aufgeregt, als könne er seinen schriftstellerischen Erfolg selbst noch nicht fassen.

Seit Alexis Jenni letztes Jahr den wichtigsten Literaturpreis Frankreichs gewann, hat er mehrere hunderttausend Bücher verkauft und ist in zahlreiche Sprachen übersetzt worden. Der Anfang dieser Erfolgsgeschichte klingt geradezu märchenhaft: Ein vollkommen unbekannter Gymnasiallehrer schickt sein Manuskript unverlangt an den berühmten Pariser Verlag Gallimard, das Buch wird prompt veröffentlicht und schließlich zum Bestseller. Aber kann diese Legende wirklich stimmen?

Alexis Jenni: "Nein, es stimmt wirklich, das war so: Ich habe das Manuskript in einen Umschlag gesteckt und ich habe es zu Gallimard geschickt, einfach an das Lektorat von Gallimard, Rue Sébastien-Bottin in Paris. Das war's."

Mit Literatur hatte der 1963 in Lyon geborene Autor immer schon zu tun: Seine Eltern waren kulturinteressierte Intellektuelle – der Vater arbeitete als Deutschlehrer, und Alexis Jenni wuchs in einem Haus voller Bücher auf. Trotzdem ist er nicht gleich freischaffender Schriftsteller geworden: Der Franzose studierte Naturwissenschaften und wurde Biologielehrer. Zur Verwunderung seiner Verwandtschaft übrigens, denn in der ganzen Familie ist er der einzige Naturwissenschaftler. Bis heute unterrichtet Jenni an einem Jesuitengymnasium in Lyon – seit seinem literarischen Erfolg nur noch mit einer halben Stelle, aber aus voller Überzeugung. Denn eine reine Schriftstellerexistenz wäre für den engagierten Lehrer keine Alternative.

Alexis Jenni: "Das hat mich immer sehr beschäftigt: Ist das denn wirklich ernst, ist das wirklich meine Begabung, ist es wirklich das ich im Leben machen kann? Ich bin mir noch nicht ganz sicher. Meine Stelle als Lehrer beruhigt mich. Besonders als Lehrer für Naturwissenschaften – denn bei den Naturwissenschaften ist ja alles klar."

Seit zwanzig Jahren arbeitet Alexis Jenni kontinuierlich an literarischen Texten. Nur für sich, ohne ein Wort darüber zu verlieren, ohne mit jemandem darüber zu sprechen. Als Biologielehrer mit viel praktischem Unterricht am Stück hatte er zwischendurch immer drei oder vier Stunden Zeit, um ins Café zu gehen und zu schreiben. Wenn ein Manuskript fertig war, kopierte Jenni es, schickte es an mehrere Verlage – und bekam eine Absage nach der anderen. Entmutigt haben ihn die vielen Ablehnungen über zwei Jahrzehnte nicht: Das Schreiben sei immer seine Manie gewesen, eine Art tägliches Jogging.

Nach dem Erfolg von "Die französische Kunst des Krieges" ist Alexis Jenni ein prominenter Schriftsteller. Er wird auf der Straße erkannt und wirbt als kultureller Botschafter auf großflächigen Plakaten für seine Heimatstadt Lyon. Auch seinen Schülern ist die andere Seite ihres Lehrers nicht verborgen geblieben: Als Jenni den "Prix Goncourt" gewann, erzählte er ihnen vor dem regulären Unterricht von seinen Erlebnissen in Paris – und auch die Schüler selbst bekamen schnell mit, wie berühmt ihr Biologielehrer geworden war.

Alexis Jenni: "Es gab eine Gratiszeitung in der Métro, ich war auf der ersten Seite, ein großes Foto von mir. Die Schüler haben die Zeitung mit in die Schule genommen und vor sich hingelegt. Das heißt, ich habe eine Klasse unterrichtet, in der jeder Schüler ein großes Foto von mir vor sich hatte. Das sind die seltsamen Momente."

Viel Zeit für andere Freizeitbeschäftigungen bleibt dem bescheiden wirkenden Lehrer nicht mehr, schließlich gibt es da neben Unterricht, zahlreichen Lesungen und dem Schreiben auch noch seine Familie. Drei Jungs im Alter zwischen sechzehn und einundzwanzig Jahren hat Alexis Jenni – und im Augenblick sieht es so aus, als wäre es eher die Fabulierlust als die naturwissenschaftliche Neigung, die sie vom Vater geerbt haben.

Alexis Jenni: "Zwei von ihnen wollen Kino machen, sie erzählen leidenschaftlich gern Geschichten. Einmal hat der Älteste zu dem Jüngeren gesagt: Meine Güte, Papa hat die Messlatte aber hoch angesetzt, das Niveau müssen wir jetzt halten!"

Egal, ob er vom gemeinsamen Essen mit dem französischen Staatspräsidenten spricht oder die zahlreichen Sprachen aufzählt, in die sein Roman übersetzt worden ist: Niemals wirkt Alexis Jenni überheblich. Ja, man fühlt sich zwischenzeitlich sogar so, als würde man sich mit einem alten Bekannten unterhalten. Der Schriftsteller und Lehrer nimmt sich viel Zeit, hört aufmerksam zu und lässt sich deutlich anmerken, wie glücklich er über sein derzeitiges Leben ist – und, wie sehr er seine Heimatstadt Lyon liebt. Immer wieder erzählt er Anekdoten und nimmt sich und seinen Erfolg auf die Schippe – beispielsweise, wenn er von den Vorzügen berichtet, die der "Prix Goncourt" für den Rest der Familie mit sich gebracht hat:

Alexis Jenni: "Manchmal, wenn sie auf eine Party kommen, dann sagen die Leute: Ah, da sind die Söhne vom Goncourt! Schön, wenn es ihnen die Bekanntschaften erleichtert, schön, wenn es die Mädchen anzieht – wirklich gern geschehen!"