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Fazit / Archiv | Beitrag vom 06.07.2011

Wie die Pharmaindustrie die Forschung kauft

Wissenschaftler spricht über "neue Form von Korruption"

Thomas Kliche im Gespräch mit Alexandra Mangel

Kliche: Breite Bereitschaft, sich von externen Kräften abhängig zu machen (AP)
Kliche: Breite Bereitschaft, sich von externen Kräften abhängig zu machen (AP)

Der Politikpsychologe Thomas Kliche untersucht die verdeckten Methoden der Korruption in der Gesundheitsforschung durch die Industrie. Beide Seiten wüssten, wie das Spiel laufe, sagt der Wissenschaftler, "offiziell und unterhalb der Kriminalitätsgrenze".

Alexandra Mangel: Die Pharmaindustrie verfügt heute über ein breites Arsenal von Methoden und Strategien, mit denen sie gezielt die Gesundheitsforschung in Deutschland beeinflusst. Wie tief die Industrie damit in die Strukturen des wissenschaftlichen Betriebs vorgedrungen ist und welche entscheidende Rolle dabei die Drittmittel, also die privaten Mittel spielen, auf die öffentliche Forschung heute mehr denn je angewiesen ist, das hat der Politikpsychologe Thomas Kliche von der Hochschule Magdeburg-Stendal untersucht, und er ist jetzt unser Gast. Herzlich Willkommen, Herr Kliche!

Thomas Kliche: Hallo, Frau Mangel!

Mangel: Die deutsche Wissenschaft ist in letzter Zeit durch spektakuläre Plagiatsfälle ins Zwielicht geraten, also durch das wissenschaftliche Fehlverhalten Einzelner, das von der Forschung ja auch klar als Fehlverhalten geahndet wird. Sie schildern in Ihrer Studie aber, wie systematisch Institute, Lehrstühle, Kolloquien oder Studien von der Pharmaindustrie gesponsert werden, wie dadurch Forschungsergebnisse und Forschungsthemen beeinflusst werden, ohne dass es einen Aufschrei in der Wissenschaft gibt. Wie kann das sein?

Kliche: Guttenberg und Mehrin und solche Leute sind ja eigentlich Auslaufmodelle, das sind ja im Grunde betuliche, fast mitleiderregende, altmodische Formen von Guttenbergisieren eben. Das läuft heute alles viel industrialisierter. Abschreiben ist altmodisch. Die Abschreiber haben ja selber gesagt: Hey, es stand im Erstgutachten und die Unis haben es gewusst. Das heißt, diese Fälle zeigen: Da ist in der Wissenschaft so eine breite Bereitschaft, sich von externen Kräften abhängig zu machen, weil man weiß, man braucht deren Geld. Und tatsächlich gibt es konservative Schätzungen, die sagen: Ungefähr ein Viertel aller Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Zeitschriften enthält mehr oder weniger fehlerhafte, manipulierte Daten. Selbst wenn wir hochrechnen, haben wir mindestens eine satte Fälschung in jeder Zeitschrift alle fünf Jahre. Also das sind inzwischen Phänomene von einer Größenordnung, die über einzelnes Abschreiben weit hinausgeht. Das Abschreiben selber ist eher ein Indiz für den Verlust des inneren Kompasses der Wissenschaft. Wissenschaft soll ja Wahrheit herstellen, Wahrheit finden, und wenn man die einfach mal ein bisschen klaut, dann ist von der Wahrheit nicht mehr viel übrig, und diese Haltung, die ist bedrückend.

Mangel: Aber bei den Prozentzahlen, auf die Sie hinweisen, scheint es ja eher so, als habe der akademische Betrieb da seinen Kompass verloren.

Kliche: Der ganze Betrieb ist in weiten Teilen stark von Mitteln beeinflusst ohne das zu merken, aber durchaus mit so halboffenen Augen, na, wir wollen das gar nicht so genau sehen. Auch in Deutschland fließen da immer noch Hunderttausende bis Millionen in sehr viele Institute, die zu einem großen Teil inzwischen von Drittmitteln abhängig sind. Sie müssen sich klar machen: Da gibt es an deutschen Uniklinika Institute, die hängen zu drei Vierteln von den Drittmitteln ab, das heißt: Die Existenz, die Arbeitsplätze, die Karrieren der jungen Kolleginnen und Kollegen sind unmittelbar davon abhängig, dass irgendein Auftraggeber sagt, ihr kriegt Geld von mir und dann macht ihr was für mich. Und der Mechanismus funktioniert im Einzelnen so: Da werden nicht alle Studien gefälscht, aber es werden Daten mal weggelassen, es werden Daten mal weniger deutlich veröffentlicht. Tatsächlich kann man international zeigen: Die Bereitschaft, positive Ergebnisse zu bringen, ist bei Studien, die von der Industrie bezahlt werden, deutlich höher als bei anderen Studien. Und das beeinflusst inzwischen die Forschungslagen in ganzen Feldern, Beispiel Antidepressiva.

Mangel: Genau, können Sie dieses Beispiel der Antidepressiva mal ausführen? Wie funktioniert die Einflussnahme da konkret?

Kliche: Ein Viertel der Studien in den USA in den letzten 20 Jahren ist in der Schublade geblieben, und das waren alles Studien, die von der Industrie bezahlt worden waren. In der Schublade geblieben sind die Studien, die Wirkungslosigkeit gezeigt haben. Wenn man die reinrechnet, dann bleibt von der Wirksamkeit der Antidepressiva in vielen Fällen gar nicht viel übrig, auf die Hälfte kollabiert, zum Teil noch mehr, das heißt: Ein großer Teil der Wirkungen, die die Antidepressiva angeblich hatten, ist wahrscheinlich auf Placebo-Effekte zurückzuführen. Daraus folgt eigentlich: Im Grunde müsste man Psychotherapie verschreiben und nicht Antidepressiva, aber das freut die Pharmaindustrie nicht, und deshalb wird sie weiterhin versuchen, unterirdisch ganze Institute oder Forschungsfachgesellschaften zu kaufen, zum Beispiel so: Sie gibt 50.000 Euro aus bei der American Psychiatric Association aus, also bei den Psychiatern, und dafür kriegt sie dann so ein Panel, eine Arbeitsgruppe auf einem Kongress, und darf sogar kontrollieren, welche Vorträge da gehalten werden. Oder sie finanziert Fortbildungen, am besten gleich mit Familienurlaub. Oder sie stiftet Beiräte, und in den Beiräten sitzen dann Opinion Leaders, und die kriegen ein feistes Honorar. In den USA wird inzwischen von Insidern geschätzt, dass drei Viertel aller führenden Forscher von der Pharmaindustrie direkt beeinflusst werden.

Mangel: Drei Viertel! Sie beschreiben ja auch, wie tiefgreifend die Industrie die Ausbildung von Medizinern mit gestaltet. Wie läuft das ab, also wie hat man sich den Umgang zwischen Firmenvertretern und Wissenschaftlern da vorzustellen?

Kliche: Antizipativ. Also ich glaube, der Schlüssel für diese neue Art von Austausch und diese neue Form von Korruption ist: Beide Seiten sind sehr schlau, beide Seiten müssen nicht offen sagen, ich gebe dir Geld und du fälschst dafür meine Daten, sondern beide Seiten wissen, wie das Spiel läuft. Also zwei Beispiele: Schweinegrippe oder HPV-, Gebärmutterhalskrebs-Impfung. In beiden Fällen sind Entscheidungen in öffentlichen Gremien getroffen worden, die den Steuerzahler beziehungsweise den Versicherten Milliarden kosten. In beiden Fällen ist sehr kurz nach der Entscheidung ein führendes Mitglied dieser Gremien direkt zu der Firma gegangen, die das Zeug verkauft. Natürlich gab es da keinen Deal im Sinne von "Hey, du beeinflusst die Gremien und wir geben dir dafür nachher den dollen Job, wo du drei Mal so viel verdienst!", - aber es spricht sich herum: Wenn man mit den richtigen Leuten gut steht, hat man gute Aussichten. Und deshalb ist die Vorwegnahme solcher Aussichten, die Vorwegnahme von Karrierechancen, die Vorwegnahme von Drittmittelakquise, die wiederum für die Karriere wichtig ist, der Schlüssel dieser Art von Korruption – und sie geht eben nicht mehr über Einzelne, die gewissermaßen in verrauchten Hinterzimmern schmierige Geldumschläge austauschen, sondern sie läuft ganz offiziell und unterhalb der Kriminalitätsgrenze.

Mangel: Wenn Sie sagen, drei Viertel aller Gesundheitsforscher seien auf solche oder andere Weise von der Pharmaindustrie beeinflusst – wie können Sie denn solche Zahlen überhaupt ermitteln?

Kliche: Da gibt es verschiedene Datenquellen. Erstens: Sie fragen Insider, die danach öffentlich ihre Kenntnisse ausbreiten. Die sind sehr selten, die kriegen nämlich keinen Fuß mehr auf den Boden, und sie lösen auch Gegenreaktionen aus. Zweitens: Sie untersuchen im Nachhinein Veröffentlichungslagen weltweit mit Reviews, also Metaanalysen, wo Sie ganz viele Studien zusammenfassen und zum Beispiel mal gucken: Was kommt bei Studien raus, die von der Industrie finanziert worden sind, was kommt bei unabhängigen Studien raus. Und da gibt es Unterschiede. Und dann können Sie auch noch ausrechnen, welche Merkmale und welche Zahlen von Forschern Sie in diesen Studien drin haben, und da kommen schon sehr substanzielle Mängel zusammen.

Mangel: Wir sprechen im "Radiofeuilleton" mit dem Politikpsychologen Thomas Kliche. Er hat untersucht, wie deutsche Gesundheitsforscher von der Pharmaindustrie beeinflusst werden. Herr Kliche, welchen Ausweg sehen Sie denn jetzt, also lässt sich das Problem überhaupt lösen, wenn der Anteil der privaten Finanzierung nicht runtergefahren wird?

Kliche: Das ist eine schwierige Frage, vor der gerade die ganze deutsche Gesundheitsforschung steht. Es gibt da zwei Tendenzen. Die eine ist satte Verharmlosung. Da gibt es in der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften eine Bewegung für evidenzbasierte Medizin, die eigentlich ganz toll ist – die haben jetzt aber gerade ein Papier gemacht, man sollte doch bitte schön zwischen echter Korruption und Fehlverhalten, was halt mal passieren könnte, unterscheiden. Also eine Möglichkeit ist, das Ganze zu verharmlosen und zu sagen, na ja, irgendwie kriegen wir das schon hin. Die andere Möglichkeit wird in den USA diskutiert. Die sagen: Dieses ganze System der Fachgesellschaften ist eigentlich dramatisch reformbedürftig, da muss was Neues passieren, da muss viel mehr Transparenz, viel mehr Klarheit rein, da müssen wir einfach dafür sorgen, dass neue Strukturen eingeführt werden. Vorgeschlagen wird zum Beispiel eine Art ethischer Grundausbildung schon während des Studiums. Das hat sich eigentlich nach den Wirkungsanalysen, die wir haben, nicht sehr bewährt, denn viele junge Studierende betrachten so eine Ethikausbildung ein bisschen auch als Survivaltraining, das heißt, sie lernen dort, was man alles machen kann, und dann kennen sie es zur Not auch.

Mangel: Gibt es denn eine solche Debatte auch schon an den deutschen Universitäten?

Kliche: Jein, es gibt gerade eine größere Initiative der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft zur Absicherung des Mittelbaus, und das hat ja auf den ersten Blick erst mal nichts mit Korruption in der Wissenschaft zu tun. Tatsächlich ist es aber so: Wenn Sie den Mittelbau stärken und unabhängig machen würden, dann hätten Sie mehr Chancen, dass Leute Karten auf den Tisch legen und mal was aus dem Nähkästchen plaudern. Denn im Moment ist es so: Diese Hinweisgebersysteme, Whistleblowing-Systeme, die funktionieren in der Wissenschaft überhaupt nicht.

Mangel: Die Ombudsleute.

Kliche: Die Ombudsleute – bei der DFG, da ist nichts los, aus mehreren Gründen: Wer genau über eine Studie Bescheid weiß und die nachher denunziert, der bringt sich selbst natürlich auch in die Schusslinie. Das heißt, das Institut rückt zusammen und er ist draußen, und das weiß er auch.

Mangel: Das heißt, die ganzen Strukturen müssen da reformiert werden.

Kliche: Ja, und deshalb wäre eine Stärkung des Mittelbaus eigentlich eine gute Initiative, und man müsste auch überlegen, ob man in wissenschaftliche Fachgesellschaften vielleicht so was reinsetzt wie Rundfunkräte. Bei allem Ärger, den man über Rundfunkräte hatte, sie haben doch eins erreicht: Sie haben so was wie einen gesellschaftlichen Blick in die Medien gebracht und eine gesellschaftliche Verantwortung. Und das wäre auch in der Wissenschaft glaube ich gar nicht schlecht. Ein letzter Punkt, für Deutschland glaube ich empfindlich: Wir brauchen unabhängige Forschungseinrichtungen. Das ist in Deutschland das IQWiG, und da hatten wir ja einen Leiterwechsel, der letzte Leiter hat sich sehr mit der Pharmaindustrie angelegt und er ist dann über eine Dienstwagenaffäre gestolpert. Das hatte auch ein Geschmäckle. Der Neue ist auch sehr kompetent, aber ganz, ganz wichtig ist, dass wir solche unabhängigen Forschungseinrichtungen auch finanziell so ausstatten, dass sie wirklich mit der Pharmaindustrie mithalten können.

Mangel: Thomas Kliche, Politikpsychologe an der Hochschule Magdeburg-Stendal über die verdeckten Methoden der Korruption in der deutschen Gesundheitsforschung und, das sei noch nachgetragen, beim eben erwähnten IQWiG handelt es sich um das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen.

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