Seit 12:30 Uhr Schlaglichter
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 12:30 Uhr Schlaglichter
 
 

Thema / Archiv | Beitrag vom 24.10.2011

Wie Deutschland ein Einwanderungsland wurde

Vor 50 Jahren unterzeichneten die Bundesrepublik und die Türkei das "Anwerbeabkommen"

Von Dorothea Jung

55 türkische Gastarbeiter kommen am 27.11.1961 auf dem Flughafen in Düsseldorf an. (picture alliance / dpa /Wolfgang Hub)
55 türkische Gastarbeiter kommen am 27.11.1961 auf dem Flughafen in Düsseldorf an. (picture alliance / dpa /Wolfgang Hub)

Die Angeworbenen hießen "Gastarbeiter". Sie sollten und wollten nicht bleiben. Doch es kam anders. Im Oktober 1961 unterzeichneten die Bundesrepublik und die Türkei ein Anwerbeabkommen. Nun jährt sich der Beginn der türkischen Einwanderung.

Das Abkommen legte fest, dass die Angeworbenen nach zwei Jahren Deutschland wieder verlassen. Dann sollten den Unternehmen neue türkische Gastarbeiter zur Verfügung stehen. Das war den türkischen Arbeitern anfangs ganz Recht, meint der Berliner Reise-Unternehmer Bahattin Kaya.

"Die türkischen sogenannten Gastarbeiter damals, die haben hier gearbeitet und dann versucht, irgendwas zu schaffen, dass sie in die Türkei zurückkehren können. "

Aber für die Unternehmen war es unrentabel, gerade angelernte Arbeitskräfte nach kurzer Zeit durch neue ungelernte zu ersetzen. Bereits 1964 verschwand das sogenannte Rotationsprinzip aus dem Vertrag. Und die Gastarbeiter selbst mussten realisieren, dass ihr Traum von der schnellen Mark eine Illusion war. Deswegen ließen Etliche ihre Familien in die Bundesrepublik nachkommen.

Als 1973 die deutsche Regierung wegen der Ölkrise und der beginnenden Rezession einen Anwerbestopp für alle ausländischen Arbeitnehmer erließ, verstärkte sich der Familiennachzug noch. In den 10 Jahren nach dem Anwerbestopp verdoppelte sich die Zahl der türkischstämmigen Menschen in Deutschland von 750 000 auf anderthalb Millionen.

Doch für diese "ausländischen Mitbürger", wie man sie jetzt nannte, gab es kaum Integrationshilfen. Die Folge: Verfestigte Sprachbarrieren und soziale Spannungen. 1983 beschloss der Deutsche Bundestag eine Prämie für rückkehrwillige Türken. Doch die Prämie war kein Erfolg. Denn die meisten türkischstämmigen Familien wollten in Deutschland bleiben. Das hinderte Bundeskanzler Helmut Kohl nicht, 1989 in seiner Regierungserklärung zu verkünden:

"Wir sind kein Einwanderungsland. Und wir können es auch nicht werden."

Zu Beginn der 90er Jahre verstärkte sich der Fremdenhass in Deutschland. Türkische Einwanderer starben nach Brandanschlägen in Mölln und Solingen. In die Einwanderungsdebatte kam Bewegung. Jetzt sprach man von Migranten und Migrationshintergrund. Seit Anfang 2000 ist ein neues Staatsangehörigkeitsrecht in Kraft, das die Einbürgerung erleichtert. Später wurden Integrations- und Sprachkurse Pflicht. Seitdem ist trotz ressentiment-geladener Debatten für die deutsche Leitkultur oder gegen die Islamisierung Europas klar, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist.

Links:
Sammelportal 50 Jahre türkische Einwanderung
Schriftsteller Zafer Senocak: Soziale Frage wurde bei Einwanderungsdebatte vernachlässigt
Kommentar - Türken sind keine Bittsteller mehr

Thema

Karl der GroßeKunstsinniger Barbar
Eine Figur Karls des Großen steht am 16.06.2014 in Aachen (Nordrhein-Westfalen) im Centre Charlemagne. Die Ausstellung "Karl der Große, Macht, Kunst, Schätze" ist vom 20.06.2014 bis zum 21.09.2014 in Aachen zu sehen.  (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Er war einer der Gründungsväter Europas: Karl der Große hat die karolingische Renaissance eingeleitet. Eigentlich sei es ihm aber nur um die Legitimierung seiner Macht gegangen, meint Kunsthistoriker Michael Imhof. Mehr

DDR-GeschichteSieg über den Ort des Grauens
Der ehemalige politische Gefangene Gilbert Furian in einer Gefängniszelle der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus vom Verein Menschenrechtszentrum in Cottbus (Brandenburg). (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Weil er in der DDR Interviews mit Punks publizierte, kam Gilbert Furian in den Cottbuser Knast. In der heutigen Gedenkstätte wird er nun in der Oper "Fidelio" mitsingen - um einen "großen Rucksack Bitterkeit" erleichtert.Mehr

Agenturfotos"Das ist sicher ein Aufbruch"
Sheryl Sandberg, Geschäftsführerin des US-amerikanischen Internetkonzerns Facebook  (picture alliance / dpa / Foto: Jean-Christophe Bott)

Die Karrierefrau, die am Schreibtisch sitzt, oder das schamlose Zeigen von Terroropfern in Afrika - Sheryl Sandberg von Facebook und Pam Grossman von der Bildagentur Getty Image wollen solchen Klischeefotos etwas entgegensetzen. Sie haben die Datenbank "Lean In Collection" gegründet. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur