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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 01.06.2007

Wie der Tod eines Studenten eine Bewegung radikalisierte

Uwe Soukup: "Wie starb Benno Ohnesorg?", Verlag 1900 Berlin, 272 Seiten

Der Abtransport von Benno Ohnesorg (AP)
Der Abtransport von Benno Ohnesorg (AP)

Uwe Soukup rekonstruiert anhand von Zeugenaussagen und einer Vielzahl von Fotos den 2. Juni 1967, an dem der Student Benno Ohnesorg bei einer Anti-Schah-Demonstration durch den Schuss eines Zivilbeamten starb. Sein Buch füllt eine Lücke in der Historiografie der 68er Bewegung und beleuchtet die Hintergründe der Radikalisierung der Studentenbewegung.

Wer hat angefangen? Wenn es heute bei Demonstrationen zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kommt, ist diese Frage zumeist nicht so einfach zu beantworten. Waren es gewaltbereite Demonstranten? Waren es "agents provocateurs"? War es die Polizei durch ein unverhältnismäßig hartes Vorgehen?

Im Fall des 2. Juni 1967 ist die Antwort ungewöhnlich eindeutig – zu Lasten der Polizei. Das ist die Botschaft des Buches, das der Sebastian Haffner-Biograph Uwe Soukup jetzt vorgelegt hat. Er rekonstruiert anhand zahlreicher Zeugenaussagen, schriftlicher Quellen und einer Vielzahl von Fotos die Entwicklung jenes Tages, an dem die Studentenbewegung umschlug – von der friedlichen außerparlamentarischen Opposition zum gewaltbereiten Protest. Sein bitteres Fazit:

"Sollte je an einer beliebigen Polizeiakademie die Übung auf dem Lehrplan stehen, den friedlichen Potest einiger Demonstranten zuerst in eine veritable Straßenschlacht und später dann in eine langjährige gewaltsame Auseinandersetzung umzuwandeln, müsste man den 2. Juni 1967 in Berlin als Anschauungsmaterial heranziehen. Schließlich ist genau das der Berliner Polizei an diesem Tag gelungen."

Eigentlich gab es am 2. Juni 1967 gar keine richtige Demonstration. Reza Pahlewi, der Schah von Persien, machte bei seinem Deutschlandbesuch Station in West-Berlin. Das zog Neugierige an, die die Glanz- und Glamour-Berichte der Boulevard-Presse gelesen hatten – aber auch die oppositionellen Studenten, die seit einigen Monaten die West-Berliner Politik und speziell die Polizei geärgert hatten. "Protokoll einer Eskalation" betitelt Uwe Soukup den ersten Teil dieses verhängnisvollen Tages und dokumentiert in Bildern und Zitaten die Merkwürdigkeiten, die sich vor dem Rathaus Schöneberg, dem Sitz der West-Berliner Stadtregierung, abspielten. Unter dem Schutz der Polizei prügelten so genannte "Jubelperser" mit Latten auf Leute ein, die hinter dem Polizeigitter ihren Protest gegen den Schah kundtaten.

Zum ersten Mal kam der Verdacht auf, dass die Polizei an diesem Tag nicht unbedingt für Ruhe und Ordnung sorgen wollte – ein Verdacht, der sich am Abend erhärtete, als der Schah eine Aufführung in der Deutschen Oper besuchte. Polizisten zogen zunächst einzelne Demonstranten aus der Menge, prügelten auf sie ein und begannen, als die Gäste in der Oper saßen, Jagd auf die jungen Leute hinter den Absperrgittern zu machen. Wenn es das Ziel gewesen wäre, die Demonstranten aus dem Dunstkreis der Oper zu entfernen, hätten Fluchtwege durch die angrenzenden Straßen geöffnet sein müssen. Doch genau das hatte die Polizei verhindert: die Demonstranten, die vor den Polizeiknüppeln zu fliehen versuchten, landeten an Polizeiabsperrungen, von denen aus sie zurückgetrieben wurden. Sie saßen in der Falle und waren schutzlos den knüppelbewehrten Beamten ausgeliefert.

Uwe Soukup dokumentiert die Eskalation mit einer Fülle von Zeugenaussagen – viele waren damals von einem studentischen Ermittlungsausschuss gesammelt worden – und mit einer erstaunlichen Vielzahl an Fotografien. Nicht zuletzt die Fotos vermitteln einen beklemmenden Eindruck. So zeigt eine Aufnahme am frühen Abend vor der Oper die Polizeikette auf der einen Seite der Absperrungen und das Publikum auf der anderen: vorwiegend junge Frauen und junge Männer, ordentlich gekleidet, mit kurzen Haaren, sie rufen den Polizisten etwas zu, aber nicht aggressiv-drohend, sondern eher neckisch-spöttisch. Man hat nicht den Eindruck, dass sie auf Krawall aus sind. Der Protest hat noch fast unbeschwert-spielerische Züge.

Wenig später kommt es zur Schlüsselszene für die weitere Entwicklung in West-Berlin und der Bundesrepublik: den Todesschuss auf Benno Ohnesorg im Garagenhof eines Hauses in der Krummen Straße (unweit der Deutschen Oper). Soukup versucht, den Hergang genau zu rekonstruieren – doch bis an das Ereignis selbst, an den Augenblick, an dem der Beamte der Politischen Polizei, Karl-Heinz Kurras, auf Ohnesorg schießt, ist auch er nicht herangekommen. Eine Aufnahme dieses Augenblicks scheint es nicht zu geben. Doch die Fotos, die vorher und nachher gemacht wurden, sind zeitlich so dicht dran, dass sie im Grunde keinen Zweifel daran lassen, dass Kurras unbedrängt auf sein Opfer geschossen hat – zumal auch Zeugenaussagen dies belegen. (Umgekehrt gibt es keine Zeugenaussage, die Kurras´ Darstellung vor Gericht belegt, er habe sich gegen Demonstranten zur Wehr setzen müssen und aus Notwehr geschossen.) Nach Zeugenaussagen wurde Ohnesorg gerade von Polizeibeamten verprügelt, als ihn der Todesschuss traf.

Die (manchmal in einem unnötig polemischen Unterton abgefasste) Rekonstruktion des 2. Juni 1967 umfasst etwa die Hälfte des Buches. Danach wendet sich Soukup den politischen Verhältnissen in West-Berlin zu, speziell in der Berliner SPD. Ohne die Grabenkämpfe in dieser Partei ist die Radikalisierung der Studentenbewegung 1967/ 68 nicht zu verstehen. Schon zu Ernst Reuters Zeiten waren die innerparteilichen Verhältnisse schwierig. Auch Willy Brandt hatte große Mühen, sich durchzusetzen. Nach seinem Weggang aber entbrannte ein hemmungsloser Machtkampf um den Posten des Regierenden Bürgermeisters.

Im Zentrum stand ein Ränkeschmied, der in den 60er und frühen 70er Jahren in der SPD die Fäden zog: Kurt Neubauer. Er versuchte, Brandts Nachfolger Heinrich Albertz innerparteilich das Wasser abzugraben – letztlich um selber Regierender Bürgermeister zu werden. Sein engster Verbündeter in der Polizeiführung war der Senatsrat und spätere Polizei-Vizepräsident Hans-Joachim Prill. Auch er strebte ungestüm an eine Spitzenposition: Prill wollte Polizeipräsident werden. Diese beiden Männer verstanden es, die Eskalation der Gewalt und die Radikalisierung der Studentenbewegung 1967/ 68 für sich zu nutzen. So musste drei Monate nach dem 2. Juni 1967 Heinrich Albertz als Regierender Bürgermeister zurücktreten. Sein Widersacher Kurt Neubauer hatte erfolgreich darauf hingearbeitet, dass Albertz in der Berliner SPD keine Unterstützung mehr hatte.

Nach Auffassung Soukups hatte der Abgang Albertz´ tragische Folgen für die politische Szene West-Berlins. Albertz, den offenbar weniger Schuld am Tod Ohnesorgs traf, als er bis zu seinem Lebensende selbst glaubte, hätte vielleicht eine Erneuerung der SPD durchsetzen können. Stattdessen hatten nun die Männer um Neubauer das Sagen, die unfähig waren, in einen Dialog mit den rebellierenden Studenten zu treten. Schlimmer noch: die Gewaltausbrüche offenbar suchten, um ihre politischen Spielchen zu treiben. Letztlich kann Uwe Soukup weder Neubauer noch Prill nachweisen, dass sie die verantwortlichen Hintermänner des merkwürdig harten Polizeieinsatzes am 2. Juni 1967 waren. Aber die Indizien, die Soukup zusammengetragen hat, weisen in ihre Richtung. Soukup geht noch weiter und fragt, ob das Attentat auf Rudi Dutschke 1968 wirklich aufgeklärt sei; und er weist auf Merkwürdigkeiten bei der Geburtsstunde der RAF, der Befreiung Andreas Baaders aus dem Gefängnis 1970, hin.

So bleiben am Ende viele Fragen offen, und Soukups Buch verlangt förmlich danach, dass die politischen Hintergründe der Radikalisierung der Studentenbewegung ab 1967 weiter erforscht werden. Soukups Buch füllt eine Lücke in der Historiografie der 68er Bewegung. Sein Verdienst ist es, mit einer ungeahnten Fülle von Fotografien und zahlreichen Augenzeugenzitaten eine Art Protokoll des 2. Juni 1967 erstellt zu haben; zum anderen, den Zusammenhängen zwischen den Geschehnissen auf der Straße und den Machenschaften innerhalb der West-Berliner SPD nachgegangen zu sein. Dabei entsteht das beklemmende Gefühl, dass die Studentenbewegten bei jeder Eskalation des Protestes Spielfiguren auf dem Schachbrett einiger Politiker waren.

Bedauerlich ist, dass Soukups Buch nur mit einem Verzeichnis der Bildquellen endet, es fehlen leider Anmerkungen, Register und eine Übersicht über die verwendeten schriftlichen und mündlichen Quellen. Das sollte in einer zweiten Auflage unbedingt nachgereicht werden.

Rezensiert von Winfried Sträter

"Wie starb Benno Ohnesorg?"
von Uwe Soukup
Erschienen im Verlag 1900 Berlin
272 Seiten, 19,90 Euro

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