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Interview / Archiv | Beitrag vom 07.06.2013

Wie der Syrien-Konflikt auf den Libanon übergreift

Der Dramaturg Matthias Lilienthal berichtet von der Lage vor Ort

Moderation: Korbinian Frenzel

Der Zedernstaat Libanon gerät in den Sog des syrischen Bürgerkriegs. (picture alliance / dpa - Nabil Mounzer)
Der Zedernstaat Libanon gerät in den Sog des syrischen Bürgerkriegs. (picture alliance / dpa - Nabil Mounzer)

Als Folge des Bürgerkriegs in Syrien brechen auch im benachbarten Libanon wieder alte Konflikte auf, sagt der Regisseur Matthias Lilienthal, der sich für ein Kulturprojekt derzeit in der Hauptstadt Beirut aufhält. Vor allem in der Stadt Tripoli gebe es permanente Kämpfe.

Korbinian Frenzel: Die Lage in Syrien allein ist dramatisch genug. Aber noch alarmierender ist es, dass der Flächenbrand droht auf die Nachbarländer überzuspringen. Erste Adresse ist da natürlich der Libanon – ein Land, das weiß, was ein religiös motivierter Bürgerkrieg ist. In den letzten Tagen und Wochen kam es immer wieder zu Kämpfen auf libanesischem Territorium. Die Hisbollah spielt ihre Rolle, es gibt Tote. Einer, der diese Lage, diese Stimmung direkt erlebt, ist der deutsche Regisseur und Dramaturg Matthias Lilienthal, ehemals Intendant des Hebbel-Theaters in Berlin. Seit acht Monaten ist er in der Hauptstadt Beirut, um mit jungen Künstlern zu arbeiten. Guten Morgen, Herr Lilienthal!

Matthias Lilienthal: Guten Morgen, Herr Frenzel.

Frenzel: Das Nachbarland Syrien ist im Bürgerkrieg. Es schwappt immer mehr an Gewalt auch rüber in den Libanon. Wie erleben Sie das Land, die Hauptstadt Beirut, in der Sie leben? Ist das ein Tanz auf dem Vulkan?

Intendant Matthias Lilienthal im Foyer des Theater Hebbel am Ufer, Berlin (Theater Hebbel am Ufer, Georg Knoll)Matthias Lilienthal, ehemals Intendant des Hebbel-Theaters in Berlin. (Theater Hebbel am Ufer, Georg Knoll)Lilienthal: Es ist eher so ein verzweifelter Versuch, die letzte Party zu feiern, und Beirut ist ja super erfahren im Umgang mit Krisen. Und insofern: In den Bezirken, in denen ich mich aufhalte, Hamra und Achrafier, kriegt man von dem Krieg herzlich wenig mit. Das, was man mitkriegt, ist, dass jetzt eine Million Syrier in dem Land leben und natürlich die Flüchtlinge. Das sieht man im Straßenbild, beim Betteln auf der Straße, aber auch bei dem Versuch, dass es überhaupt keine Wohnungen mehr gibt, mit. Wenn man nach Südbeirut fährt, dann ist es anders. Dahir ist ja eine unabhängige Stadt mit 400.000 Einwohnern und ist Hisbollah-Land und dort sieht man überall große Plakate von Assad mit einem großen Schwert und die Beerdigungsfeierlichkeiten für die gefallenen Hisbollah-Kämpfer finden da am Fließband statt.

Frenzel: Der Libanon hat das Drama, das Syrien jetzt erlebt, ja selbst durchlitten. Das Land war 15 Jahre lang im Bürgerkrieg. Und die Konfliktlinien damals und heute in Syrien, die ähneln sich ja entlang religiöser Gruppen. Ist das etwas, das jetzt wieder aufzubrechen droht auch im Libanon?

Lilienthal: Es ist schon längst aufgebrochen. In Tripoli, eine Stadt 80 Kilometer nördlich von Beirut, gibt es einen Bezirk, der in erster Linie von Sunniten bewohnt ist, und einen Bezirk, der in erster Linie von Schiiten bewohnt ist, und zwischen beiden Bezirken verläuft die Syria Street und dort gibt es permanente Kämpfe. In Tripoli ist dieser Bürgerkrieg wie in den 80er- und 90er-Jahren schon längst wieder Realität geworden.

Frenzel: Ist das eine bedrückende Stimmung, die Sie da erleben? Sie haben anfangs gesagt, die letzte Party. Oder ist da auch irgendwas Kreatives, Explosives in der Luft?

Lilienthal: Nein. Ehrlich gesagt ist da nichts Kreatives, Explosives in der Luft. Da gibt es eher eine große Ängstlichkeit, dass der Konflikt hier rüberschwappt. Es gibt eine riesige Depression unter den syrischen Intellektuellen, die in Beirut wohnen und die jetzt das Szenario sehen, die bis vor drei, vier Wochen sicher davon ausgingen, dass die Rebellen den Konflikt gewinnen werden, und die sich jetzt mit dem Gedanken anfreunden müssen, nie wieder nach Syrien einreisen zu können.

Frenzel: Sie sind seit acht Monaten Gastdozent an der Kunstschule Ashkal Alwan, haben dorthin Ihr Projekt mitgebracht: "X Wohnungen". Sie haben da ganz konkret in das Leben, in die Häuser von Menschen in Beirut geschaut. Was sieht man denn da, was ist das für ein Leben?

Lilienthal: Das waren zwei sehr verschiedene Viertel: einmal ein armenisch-christliches Viertel und einmal ein schiitisch-sunnitisches Viertel direkt in der Nähe der Innenstadt. Und das Grunderlebnis von Beirut ist einfach, dass jedes Viertel sich total unterscheidet. Das Dahir, wovon ich gerade erzählt habe, ist so etwas wie ein kleines Teheran in der Mitte von Beirut. Und wiederum Achrafier versucht, in der sexuellen Freizügigkeit und in der Lust, Partys zu feiern, alle amerikanisch-europäischen Metropolen hinter sich zu lassen, und diese Realitäten finden hier immer eine Straße weit voneinander getrennt statt. Eine Installation war dann zum Beispiel in einer armenischen Schuhfabrik, die in einem Flüchtlingscamp stattfindet, und all diese Sachen sind von der Schließung bedroht, weil da Shopping Malls gebaut werden sollen. Und auf der anderen Seite hatte man im Handa el Ramia, in dem muslimischen Viertel, eine Lebenswelt von südlibanesischen Flüchtlingen, die da seit 40 Jahren leben und die eine Gastfreundlichkeit einbringen, die es im Süden des Landes noch gibt, aber die in Beirut mit seiner kapitalisierten Ethik längst verschwunden ist. Und diese alte Gastfreundschaft und diese alte Offenheit, die konnte man in dem Projekt noch mal erleben.

Frenzel: Ist denn die ganze Stadt in dieser Unterschiedlichkeit, die Sie beschrieben haben, die Teile, die von der Hisbollah kontrolliert werden, die anderen Teile, ist die ganze Stadt für Sie eigentlich offen zugänglich, oder müssen Sie sich da in bestimmten Bereichen, in bestimmten Stadtteilen nur bewegen als westlicher Ausländer?

Lilienthal: Die ganze Stadt ist zugänglich. Das ist auch unproblematisch. In Dahir kann man halt keine Fotos machen und muss sich bestimmten Regeln unterwerfen, aber ansonsten ist auch selbst Dahir vollständig zugänglich.

Frenzel: Haben Sie den Eindruck, dass Kunst, dass auch Ihre Kunst, das, was Sie dort versuchen, Brücken bauen kann im Libanon über die Grenzen hinweg, die Sie beschrieben haben?

Lilienthal: Das "X Wohnungen"-Projekt war auch ein Versuch, dass die religiösen Gruppen einzelner Stadtteile durchaus die anderen Stadtteile auch wahrnehmen. Die verschiedenen Klicken schotten sich sehr gegeneinander ab. Brücken bauen klingt so christlich, so meine ich es nicht, aber ein bisschen zu versuchen, die Ghettos gegeneinander aufzusprengen, das war schon der Versuch.

Frenzel: Eindrücke aus Beirut, aus dem Libanon vom Theatermann Matthias Lilienthal. Er ist gerade dort als Gastprofessor an der Ashkal-Alwan-Kunstschule. Herzlichen Dank, Herr Lilienthal, für das Gespräch.

Lilienthal: Vielen, vielen Dank!


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