Montag, 1. September 2014MESZ09:32 Uhr

Lesart

OriginaltonDas Lektorat
Eine Lesebrille liegt auf einem Bücherstapel.

"Originalton" heißt ein täglicher Bestandteil unserer Sendung "Lesart" - kurze Texte, um die wir Schriftsteller bitten. In dieser Woche befasst sich Bodo Morshäuser mit dem "Kerngeschäft" eines Autors.Mehr

Erster WeltkriegMit ihren jungen Augen
Ausgelöst durch die tödlichen Schüsse auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand durch serbische Nationalisten am 28. Juni 1914 in Sarajevo brach im August 1914 der große Krieg (später als 1. Weltkrieg bezeichnet) aus. Es kämpften die Mittelmächte, bestehend aus Deutschland, Österreich-Ungarn sowie später auch das Osmanische Reich (Türkei) und Bulgarien gegen die Tripelentente, bestehend aus Großbritannien, Frankreich und Rußland sowie zahlreichen Bündnispartnern. Die traurige Bilanz des mit der Niederlage der Mittelmächte 1918 beendeten Weltkriegs: rund 8,5 Millionen Gefallene, über 21 Millionen Verwundete und fast 8 Millionen Kriegsgefangene und Vermisste.

Das Buch "Kleine Hände im Großen Krieg" von Yury und Sonya Winterberg versammelt Tagebuchaufzeichnungen, in denen Kinder und Jugendlichen von ihren Gefühlen und Erlebnissen während des Ersten Weltkriegs erzählen. Eine eindringliche Annäherung an das Thema.Mehr

Kurz und KritischPost von der Front

Der Journalist Theodor Wolff wandte sich früh gegen den Krieg und versuchte zu intervenieren. Ernst Jünger wiederum rang als Soldat um die Anerkennung seines Vaters - und schrieb Feldpostbriefe.Mehr

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Buchkritik

Zweiter WeltkriegKriegsinferno ganz nah
Der Autor und Historiker Antony Beevor, aufgenommen 2010 in Helsinki.

Mit dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen begann vor 75 Jahren der Zweite Weltkrieg. Der Historiker Antony Beevor entwirft in seinem 1000-Seiten-Buch nun ein gewaltiges Panorama jener Zeit - das mit seiner Wucht ebenso beeindruckt wie mit seiner Akribie.Mehr

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Lesart / Archiv | Beitrag vom 11.11.2012

Wie das Theater in die polnische Gesellschaft wirkte

Dariusz Kosinski: "Polnisches Theater - Eine Geschichte in Szenen"

Rezensiert von Arkadiusz Luba

Papst Johannes Paul II. wird vom polnischen Staats- und Parteichef Wojciech Jaruzelski empfangen, 1987.
Papst Johannes Paul II. wird vom polnischen Staats- und Parteichef Wojciech Jaruzelski empfangen, 1987. (AP Archiv)

In der Geschichte der Polen spielt das Theater - und insbesondere das politische Theater - eine gewaltige Rolle, so die These des Autors Dariusz Kosiński. Auch der polnische Papst Johannes Paul II. habe an diese Tradition angeknüpft, wenn er etwa seine Reisen in die Heimat als monumentales Pilgertheater inszenierte.

"Rache, Rache, Rache an dem Feind! Mit Gott und sogar trotz Gott!"

So singt Konrad, der romantische Barde und zugleich Kämpfer für die Freiheit Polens im dritten Teil von "Dziady". In diesem wichtigsten polnischen Nationalepos von Adam Mickiewicz lehnt er sich auf gegen Gott: Wie könne es sein, dass Gott Polen von fremden Mächten zerreißen lasse?!

"Dziady", also "Ahnenfeier", vergleicht das Leiden Jesu mit dem der Polen, als sie der Staatlichkeit beraubt waren und verfolgt wurden. Am Schluss dieses politischen Dramas wird die Vision eines freien, neu auferstandenen Polens gezeichnet. Sie verstanden die Polen als einen Aufruf zu Patriotismus und Widerstand gegen die Besatzungsmächte.

Das Politische im Theater, davon ist Dariusz Kosiński überzeugt, spiele in der polnischen Kultur eine besondere Rolle.

Dariusz Kosiński: "Die polnische Kultur hat in ihrer Geschichte sehr wichtige und entscheidende Dinge gerade im Rahmen des Theaters geschaffen. Und sehr oft sind die Grenzen zwischen den künstlerischen Theaterpraktiken und dem Theater als gesellschaftliche Erscheinung überschritten worden.

Das künstlerische Theaterschaffen im polnischen Kontext lässt sich nicht davon trennen, was sich im Leben einer Gesellschaft inszenieren lässt. Ich denke dabei an Rituale, Feste, politische Zeremonien, aber auch an Karneval und dergleichen mehr."

Buchcover "Polnisches Theater" von Dariusz KosinskiBuchcover "Polnisches Theater" von Dariusz Kosinski (Verlag Theater der Zeit)Der polnische Papst Johannes Paul II. nutzte die romantische Poetik während seiner Reisen in die Heimat. Zweifelsohne war Wojtyła ein großer Performer, der seine öffentlichen Auftritte präzise vorbereitete. Er inszenierte ein monumentales Pilgertheater, arrangierte Gesten und Akte zu einem Schauspiel mit politischer Wirkung.

So stand das 'heilige Theater' der Kirche in Opposition zur kommunistischen Diktatur. Pfarrer Popiełuszkos patriotische 'Messen fürs Vaterland' wurden vom polnischen Sicherheitsdienst sabotiert, der Pfarrer selbst schließlich brutal ermordet.

Aber auch das weltliche Theater der Volksrepublik Polen nutzte berühmte Stücke der Literaturgeschichte: Die Romantiker riefen zum Widerstand gegen die Nachbarmächte Russland, Preußen und Österreich auf, ihre Worte ließen sich knapp 150 Jahre später wunderbar gegen Kommunisten anwenden.

Ähnlich ging man in Kabaretts vor. Das dramatische Lied hat hier neben seiner satirischen oft auch eine politische Aussage. Dariusz Kosiński beschränkt sich nicht nur auf Theateraufführung. er bezieht auch Bräuche, Aufmärsche und Demonstrationen in seine Analyse ein.

Friedemann Kreuder: "Er ist also davon ausgegangen, dass sich ganz bestimmte soziale Energien, Selbstbilder einer Kultur in Formen des Körpergebrauchs mehr oder weniger symbolischer Art manifestieren, derer sich auch Künstler dann bedienen können, die es aber auch in der Lebenswirklichkeit gibt."

Friedemann Kreuder, seinerseits Spezialist für Geschichtsschreibung und deren Methoden an der Universität Mainz.

Friedemann Kreuder: "Diese Formen zirkulieren dann, so dass das dramatische Kunstwerk eine Ansammlung außerästhetischer Werte körperlicher Praxis und kultureller Praxis in einer besonderen Weise verdichtet."

Theater reflektiert die Gesellschaft und ist Gesellschaft. Es sind Zwischentöne, Bilder und Bezüge, die das Publikum registriert und geneigt ist, für repräsentativ zu halten. Das polnische Theater sei der Realität nah, unterstreicht Professor Kosiński. Es gäbe keine andere Gesellschaft auf Erden, in der es möglich gewesen wäre, dass eine fiktive Figur des Theaters einen Einfluss auf das tatsächliche Leben eines Volkes gehabt hätte:

Dariusz Kosiński: "Ein Paradebeispiel findet sich bei Mickiewiczs "Ahnenfeier", in der Offenbarung von Pfarrer Piotr. Er prophezeit die Zukunft Polens. An diese literarische Offenbarung haben Polen geglaubt und sie in Taten umgesetzt."

Die Rede ist von einem mystischen Kind, in dessen Adern das Blut von Helden vergangener Zeiten fließe. Dieser neue künftige Verteidigungskämpfer werde das polnische Volk wecken. Ähnlich, wie Johannes Paul II.

"Man muss kein Messianist sein, um verwundert festzustellen, dass Mickiewicz‘, Słowackis und Osterwas Vorahnungen, Prophezeiungen und fast schon wahnhafte Visionen sich in Johannes Paul II. erfüllt haben. Wojtyłas globales, heiliges Schauspiel hatte zufolge den Zerfall des Kommunismus in Europa, das Antlitz der Erde und der Kirche, die Schaffung eines persönlichen Vorbilds, zu dem auch das Alter und der Tod gehören, die in der Gegenwartskultur des Westens praktisch nicht vorkommen."

Weil der nationale Diskurs in Polen schon immer sehr stark war, stellt sich die Frage, wie ein Volk gemacht und inszeniert wird? Dariusz Kosiński gibt auf knapp 450 Seiten Antworten. Höchst kompetent erklärt er Nuancen und Geheimnisse des theatralischen Wesens der Polen. Dabei verfällt er nicht in abstrakte Sprache und lässt sich nicht von Dogmen binden. Sein Buch ist ein Meisterwerk über das polnische politische Theater. Und es liest sich mit intellektuellem Genuss.

Dariusz Kosiński: Polnisches Theater. Eine Geschichte in Szenen.
Verlag Theater der Zeit, Berlin 2012