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Buchkritik

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Eine Szene aus dem Kampf um die Weltmeisterschaft im Schwergewicht zwischen George Foreman (l) und Muhammad Ali am 1. Oktober 1975 in Manila.

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 09.09.2012

Wie das Leben aus dem Meer kam

Dagmar Röhrlich: "Urmeer - Die Entstehung des Lebens", mareverlag, 399 Seiten

Alles Leben kommt aus dem Meer.
Alles Leben kommt aus dem Meer. (picture-alliance/ dpa)

Vom ersten Blubbern der Ursuppe über die Dinosaurier-Zeit bis hin zu den Tauchgängen moderner Roboter: Dagmar Röhrlich verwebt Wissenschaftsgeschichte und menschliche Dramen zu einem traumhaft leichten und mühelosen Erzählstrom.

Schon Charles Darwin erkannte, dass die Erde nur in immensen Zeiträumen ihr heutiges Aussehen erhalten haben konnte. 1859 legte er Berechnungen vor, wie lang die Erosion allein für die Erschaffung der südenglischen Landschaft Weald gebraucht haben musste: 306.663.400 Jahre.

In ihrem Buch "Urmeer" erzählt Dagmar Röhrlich die Geschichte der Meere und des Lebens in dreizehn Kapiteln. Um das erste Taumeln des blauen Planeten geht es, den Beginn des Lebens als Schleim und Morast, das Zeitalter der Fische mit ihren gefährlichen Zähnen, den watschelnden Landgang der Quastenflosser, um Feuersbrünste und Katastrophen, die den in Jahrmillionen heran gereiften Lebensformen in apokalyptischen Massenextinktionen den Garaus machten.

Klug platziert die Autorin in die Mitte ihrer Abhandlung über ein potenziell abstraktes Thema einen Menschen und seine bewegte Geschichte. Es ist der dänische Arzt, Anatom und Naturforscher Nicolaus Steno, der Begründer der wissenschaftlichen Geologie. Im 17. Jahrhundert klärte er die Öffentlichkeit über die Natur jener dreieckigen, bräunlichen "Zungensteine" auf, die man in jener Zeit gern als schützendes Amulett um den Hals trug. Laut Steno entstammten sie keineswegs dem Maul böser Drachen, sondern stellten fossile Haifischzähne dar. Auch die Abbilder von Lebewesen auf Steinen waren sicher nicht durch die Kraft der Steine gewachsen, sondern mussten als uralte Versteinerungen einst lebendiger Tiere begriffen werden, erkannte der Däne. Wie alt die Erde jedoch sein mochte, das wusste der frühe Naturforscher eben so wenig wie Charles Darwin. Dies zu entschlüsseln, blieb späteren Forschergenerationen vorbehalten.

Immer wieder kehrt die Autorin zu ihrem Protagonisten zurück, schaut seinem Fragen und Forschen über die Schulter, erzählt von seiner späteren Hinwendung zur Kirche und Religion. Doch auch immer wieder reist sie von ihm fort, um in die Geschichte der Erde, die Irrwege und bahnbrechenden Erkenntnisse nachgeborener Geologen einzutauchen. Mit großer Eleganz überspannt Dagmar Röhrlich auf einer einzigen Buchseite Zeiträume vom ersten Blubbern der Ursuppe über die Dinosaurier-Zeit bis hin zu den Tauchgängen moderner Roboter. Sachwissen und offene Fragen, Wissenschaftsgeschichte und menschliche Dramen, alte Sagen und jüngste Forschung verwebt sie zu einem traumhaft leichten und mühelosen Erzählstrom.

Die Illustrationen von Jürgen Willbarth schlagen dieselbe klare Tonart an. Gänzlich in meerestiefem Blaugrüngrau gehalten, geben sie sich einem freundlichen Retrolook hin, erinnern mit ihren Schraffuren an alte Kupferstiche und bieten eine ideale Ergänzung zu den inhaltlichen Ausflügen in die Geschichte der Geologie.

Angesichts von Artensterben und Meeresverschmutzung setzt die Autorin an das Ende ihres überaus lesenswerten Buches eine Mahnung: Es braucht, so lässt sich aus der Geschichte lernen, tausende von Menschengenerationen, bis die Biosphäre nach Katastrophen wieder in ein lebensbekömmliches Gleichgewicht gelangt.

Besprochen von Susanne Billig

Dagmar Röhrlich: Urmeer - Die Entstehung des Lebens
Mit zahlreichen Illustrationen von Jürgen Willbarth
mareverlag
399 Seiten, 28 Euro

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