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Thema / Archiv | Beitrag vom 01.02.2013

Wie 3D-Drucker das Konsumverhalten verändern

Kreative stellen sich ihre Produkte in Zukunft einfach selbst her

Frank Piller im Gespräch mit Joachim Scholl

3D-Drucker "MakerBot" (Philip Banse / kuechenstud.io)
3D-Drucker "MakerBot" (Philip Banse / kuechenstud.io)

3D-Drucker könnten eine weitere industrielle Revolution sein: Konsumenten werden zu Produzenten, stellen selbst her, was sie brauchen. Sie sind nicht mehr darauf angewiesen, dass ein Unternehmen ihre Idee aufgreift. Das könnte den gesamten Weltmarkt umkrempeln.

Joachim Scholl: Im Studio begrüße ich jetzt Frank Piller von der Universität Aachen. Er lehrt dort Technologie- und Innovationsmanagement, auch am MIT, am Massachusetts Institute of Technology, hat Professor Piller gearbeitet und gehört dort einer Arbeitsgruppe an, die sich mit innovativen Herstellungsprozessen beschäftigt. Guten Morgen, Herr Piller!

Frank T. Piller: Guten Morgen!

Scholl: Gerade haben wir den Amerikaner und Maker-Vorreiter Bre Pettis gehört mit seinem Optimismus, nicht mehr länger nur Kunde, Konsument zu sein, sondern Produzent, der die Wahl hat, Dinge selber zu machen. Allein diese Bewusstseinsverschiebung wird die Welt verändern, sagt Bre Pettis. Hat er recht?

Piller: In manchen Sachen bestimmt schon, aber ich glaube nicht, dass wir in Zukunft alles drucken oder alles selber herstellen werden, für die meisten Sachen, was wir so konsumieren, wenn wir klassischerweise in den Supermarkt gehen und irgendwas kaufen, was jemand anders für uns produziert hat. Aber ich glaube schon, dass jeder Mensch so ein paar Sachen hat, die einem wirklich wichtig sind, wo wir uns vielleicht von anderen Menschen unterscheiden, und bei denen geben diese Sachen wie Makerbot oder andere Initiativen derzeit uns wirklich neue Möglichkeiten.

Scholl: Das britische Wirtschaftsmagazin "The Economist" prophezeit ebenfalls: 3D-Druck wird die Welt verändern. Wie hoch schätzen Sie denn das kreative Potenzial so beim Privatmann, beim Heimwerker ein?

Piller: Muss man vielleicht ein bisschen weiter ausholen und das differenzieren. Es geht eben nicht nur ums Drucken. Wir wissen heute, empirisch sehr gut belegt, dass in fast allen Industrien 70 bis 80 Prozent aller funktional neuen Innovationen nicht vom Hersteller kommen, sondern von einem letztendlich frustrierten Nutzer. Wer hat Tipp-Ex erfunden? Nicht ein Büromittelhersteller, sondern eine schlechte Sekretärin, die aus Angst vor ihrem Job anfing, Farbe auf das Papier zu klecksen und damit ihre Fehler ausbügelte. Andere Sekretärinnen sahen das, und daraus entstand Liquid Ink, das ist so das amerikanische Tipp-Ex.

Scholl: Das ist wirklich ein spektakuläres Beispiel. Aber könnte es da nicht sein, dass diese 3D-Technik, die da diesem also Innovationsgeist noch einen Schub gibt, dass das noch mal wirklich, ja, eine große Veränderung sein wird in dem Sinne, dass wir dann doch viel mehr private Produzenten oder kreative Menschen haben, die auf Ideen kommen?

Piller: Ja, genau, weil bis jetzt hin konnten im Privatkundenbereich Leute vielleicht Ideen generieren und hatten Ideen für neue Produkte, aber waren dann meistens noch darauf angewiesen, dass sich ein Unternehmen ihrer Idee annimmt und dieses professionell produziert. Und das ist, wo 3D-Drucker oder andere digitale Produktionsfaktoren wirklich jetzt eine Revolution sind, weil ich jetzt nur erfinden, sondern auch produzieren kann und das sogar an andere weiterverkaufen.

Scholl: Deutschlandradio Kultur, wenn Konsumenten zu Produzenten werden – wir sind im Gespräch mit Frank Piller von der Universität Aachen. Was bedeutet diese Entwicklung für die Zukunft der Industrie? Wie muss sie sich drauf einstellen oder tut sie es bereits?

Piller: Ich glaube, wir werden eine Zweiteilung hier sehen. Wir werden die klassischen Produktionsverfahren weiter haben. Aber nehmen wir als Beispiel Turnschuhe. Turnschuhe werden bislang irgendwo in Fernost gefertigt, weil sie aus vielen kleinen einzelnen Stoffteilen zusammengenäht werden. Hier gibt es eine vergleichbare Technologie: Man kann heute Turnschuhe stricken. Und was vorher 36 Arbeitsschritte waren, ist heute nur noch einer. Und diese Maschine, diese Strickmaschine kann überall auf der Welt stehen, es macht überhaupt keinen Sinn mehr, dass die in Asien steht und wir mit Flugzeugen oder Containerschiffen Turnschuhe rüberbringen. Und das wird natürlich die Industriestruktur verändern.

Scholl: Und das könnte ja sozusagen auch die ganze Weltmarktstruktur verändern, wenn man sich jetzt überlegt, dass also Dinge eben nicht mehr in Fernost hergestellt werden müssen in großen Stückzahlen mit riesigen Transportkosten, sondern ich mache es selber zu Hause.

Piller: Das, und, was zusätzlich kommt: Individualisierung ist umsonst. Bislang war, wenn wir ein individuelles Produkt haben wollen, das mit höheren Kosten verbunden. Mit diesen digitalen Produktionsfaktoren ist Individualität umsonst, und auch das wird wirklich unseren Konsum verändern.

Scholl: Viele Experten, der berühmte Ökonom Jeremy Rifkin etwa, die sprechen von einer weiteren industriellen Revolution und verweisen auch in dem Zusammenhang dann auf die großen Sprünge der letzten Jahrzehnte: In den 1980er-Jahren kam der Personal Computer, in den 90ern das Internet, jetzt die 3D-Drucktechnik. Wird das tatsächlich unsere Welt noch mal in dieser Weise umkrempeln wie eben auch die Vorgängerinnovationen unsere Welt auch verändert haben?

Piller: Es bleibt zu hoffen. Aber ich glaube, man hat wenigstens mit dem jetzigen Stand der Technik noch etliche Sachen, die wir einfach nicht damit produzieren können, und komplexe Güter müssen weiterhin montiert werden, das können die Maschinen noch nicht. Aber vieles, was wir an einer berühmten RWT Aachen, meine Ingenieurskollegen unseren Studenten beibringen, das ist in der Tat teilweise obsolet. Und viele der Tugenden des deutschen Ingenieurs braucht man dann tatsächlich nicht mehr, weil es nicht darum geht, Teile wiederzuverwenden, weil ich die einfach neu erfinden und ohne Rüstkosten produzieren kann.

Scholl: Aber betrifft das dann nicht auch, ja, letztendlich die Form unserer Ausbildung, wird die nicht dann auch irgendwann obsolet, auf die wir so stolz sind?

Piller: Das ist eine sehr gute Frage und ich glaube nicht, dass die Ausbildung obsolet wird, weil das ist in der Tat die größte Hürde derzeit: Wir bilden eigentlich die meisten Leute noch für das klassische Industriesystem aus. Und da müssen wir Universitäten und auch andere wirklich stärker anfangen, den Leuten a) in der Schule schon klarzumachen, du kannst nicht nur konsumieren, du kannst auch produzieren und erfinden, und b) in den Ingenieursschulen und so weiter sagen, es geht nicht darum, irgendwie die Wiederverwendbarkeit von Teilen zu predigen, Rüstkosten zu minimieren, sondern sehr clevere Designs digital zu kreieren, die dann auf diese Maschinen passen.

Scholl: Weil Sie gerade die Schulen erwähnen, Herr Piller: In den USA fördert die Regierung bereits sogenannte Makerspaces an den Schulen, also wenn man so will Produzentenräume, Schüler werden also bereits auf dieses Selbermachen trainiert. Sollte man das in Deutschland auch einführen?

Piller: Ja, das ist was sehr Tolles. Und es kommt jetzt eine Entwicklung auch aus den USA nach Deutschland: der sogenannte Tec-Shop. Das muss man sich vorstellen wie so ein Fitnessstudio, wo man einmal eine Gebühr bezahlt, und dann hat man eine gesamte Produktionsanlage, die man einen Monat lang so viel nutzen kann wie man will. Und Tec-Shop kommt jetzt nach Deutschland, wohl zuerst nach München, dann in andere Städte, und dann steht jedem Schüler oder Rentner eine komplette Produktionsanlage zur Verfügung, mit hochprofessioneller Technik. Für eine geringe Mitgliedsgebühr kann man da herstellen, was man will.

Scholl: Sie haben sich in den USA, Professor Piller, mit Mass Costumization beschäftigt am MIT, ich zögere, es zu übersetzen, also, wie soll man das nennen, Massenkompatibilität von Produkten eventuell.

Piller: Ja, kundenindividuelle Massenproduktion.

Scholl: Und wir sind ja doch in unserer westlichen Welt sehr markenfixiert, also Marken spielen eine unglaubliche Rolle als Statussymbol oder überhaupt als, ja, als Konsumwert an sich. Wird diese Maker-Bewegung hier vielleicht auch eine Umkehr erzeugen oder vielleicht dann doch sogar noch eine größere Konzentration eben auf die industriell gefertigte Ware, sozusagen das Original? Apple bleibt immer Apple, weil es eben von Apple kommt und nicht aus dem eigenen Drucker.

Piller: Es wird eine interessante Entwicklung sein. Was sind die teuersten Nike-Turnschuhe? Die kommen nicht von Nike, das sind irgendwelche Künstler und Makers, die sich Nike-Turnschuhe kaufen und die dann veredeln und für den fünffachen Preis weiterverkaufen. Ikea hat in Zukunft vielleicht keine großen Möbelhäuser mehr, sondern verkauft eigentlich nur noch die Ikea-Designs, die ich mir dann auf einer lokalen Produktionsstätte individualisiert selber herstelle. Ich glaube, das ist ein wichtiger … und sehr industriell revolutionäre Bewegung, die sich auch für Markenartikler da ergibt. Aber vielleicht ist es eben auch eine Möglichkeit – und das sehen wir auch in den USA jetzt schon –, dass einzelne Konsumenten durch die Nutzung dieser Plattform sehr schnell zu einer Maker-Marke werden.

Scholl: Wenn Konsumenten zu Makers werden, zu Produzenten. Wir haben Frank Piller gehört von der Universität Aachen. Ich danke Ihnen für das Gespräch, Herr Piller!

Piller: Sehr gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


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