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Reportage / Archiv | Beitrag vom 07.04.2014

WiderstandBrückenkopf nach Damaskus

Die Aktivisten von "Adopt a Revolution" unterstützen Syrer von Berlin aus

Von Benedikt Schulz

Unterstützung für eine geschundenes Land - Syrien (afp / Bassel Tawil)
Unterstützung für eine geschundenes Land - Syrien (afp / Bassel Tawil)

Der deutsche Politikwissenschaftler Elias Perabo hat in Berlin die Initiative "Adopt a Revolution" gegründet. Sein Ziel: die Stärkung des unbewaffneten Widerstands und der Zivilgesellschaft in Syrien.

"Gestern war 'n Tag mit verhältnismäßig wenig Toten, wobei das noch nicht die endgültigen Zahlen sind. Bis 18 Uhr gestern Abend sind etwa 30 Leute - dieser Zählung nach - gestorben, das ist immer mit ein bisschen Skepsis zu betrachten…"

Zwischen Papierstapeln und Kartons mit Flyern sitzt Elias Perabo am Schreibtisch. In einem Hinterhofbüro in Berlin-Neukölln. An der Wand gegenüber hängt eine Landkarte von Syrien mit arabischen Schriftzeichen. Der junge Politikwissenschaftler blickt auf seinen Laptop, liest, beantwortet E-Mails, bringt sich auf den neuesten Stand -

Zwischendurch stimmt sich Perabo mit seinem Mit-Aktivisten Alan Hassaf ab - anders als Perabo spricht der Arabisch.

Mit Spenden unterstützt "Adopt a Revolution" lokale Aktivisten in Syrien, Frauen und Männer, die Schulen errichten, versuchen die Infrastruktur zu erhalten oder Untergrundzeitungen herausgeben. Das Ziel: die zivile Gesellschaft stärken, auch für eine Zukunft, wenn der Krieg vorbei ist.

Ein aufwändiger Prozess

Der Grundsatz: kein Geld für militärische Zwecke - das zu garantieren ist nicht immer leicht - die Lage im Land ist schwer zu durchschauen, vor allem aus fast 2800 Kilometern Entfernung.

"Wir haben ein sehr breites Netzwerk an Kontakten innerhalb von Syrien. Das zweite ist, dass wir einen sehr kompliziertes Auswahlprocedere durchlaufen um diese Gruppen wirklich auszuwählen, das beruht auf mehreren Interviews, auf Protokollen, die sie uns schreiben müssen, wo sie auch dokumentieren müssen, was sie mit dem Geld gemacht haben."

Ein aufwändiger Prozess - der Zeit und Geld kostet. Rund 15 Aktivisten - teils ehrenamtlich, teils hauptamtlich arbeiten regelmäßig bei Adopt a Revolution - darunter auch Exilsyrer - wie Alan Hassaf. Permanent saugt der bärtige junge Mann an seiner E-Zigarette. Hassaf studierte in Damaskus Psychologie und war im studentischen Widerstand - bis er das Land verlassen musste.

"Ich fühle mich manchmal schuldig. Das klingt merkwürdig, mich trifft ja keine Schuld. Aber zu wissen, dass man Kaffee kochen kann, wann immer man will und jemand anderes hat nicht mal Wasser, das ist schrecklich. Manchmal wäre es mir lieber selbst zu leiden, als ständig von diesem Leid zu hören."

Während sich Hassaf Tag für Tag fragt, wie es den Menschen in seiner Heimat geht, ist der Konflikt aus der Wahrnehmung vieler westlicher Medien inzwischen fast verschwunden - auch weil es keine Erfolgsgeschichte zu erzählen gibt, glaubt Perabo:

"Das andere ist, dass sich aus einem bipolaren Konflikt, also so etwas wie die Bevölkerung gegen das Assad-Regime, inzwischen ein sehr multipolarer Konflikt entwickelt hat. Natürlich frustriert das, aber um die Medien da auch ein bisschen zu schützen, es sind ja nicht nur die Medien, es ist leider auch die Politik, eine proaktive Politik um diesen Konflikt wirklich zu lösen hat kaum stattgefunden."

Mittags kommen die anderen Teamkollegen dazu. Diskutieren mit, wie, wo und für welche Gruppen Gelder sinnvoll eingesetzt werden. Es ist schon vorgekommen, dass Gruppen die Unterstützung wieder entzogen wurde - weil sie sich radikalisiert hatten.

"I just know, because the activists in Yarmouk they can tell you the exact numbers for Yarmouk. Of course not for the other areas. However the other areas have not the same density of inhabitants, because they are more rural…"

Gegen Abend dann nehmen die Aktivisten Kontakt zu ihren Partnern vor Ort auf. Ansar, eine Studentin aus Berlin, spricht mit einem Aktivisten aus Yarmouk, einem Bezirk von Damaskus.

Der blutige Konflikt dauert bereits drei Jahre

Seit Monaten ist Yarmouk vom Assad-Regime abgeriegelt, heute jedoch sind Lebensmittel durchgekommen, berichtet der Aktivist. Nachrichten  wie diese sind für die Arbeit und die Moral der Berliner Aktivisten  wichtig. Die tägliche Konfrontation aber mit den Ereignissen im Bürgerkriegsland hinterlässt ihre Spuren, sagt Ansar.

"Vor allem in Süddamaskus wurden in den letzten Monaten die Leute wirklich gezielt vom Regime ausgehungert. Einige meiner Freunde haben auch gesagt, Ansar, ich sag dir jetzt einmal wie es mir geht, beschissen. Du brauchst es danach nicht mehr zu fragen, aber ich werde dich fragen, weil ich will wissen was ist eigentlich noch ein normales Leben."

"Wir haben auch gelernt, ne bestimmte Distanz einzunehmen. Das ist gut, weil es uns auch selber schützt. Hier werden immer ganz viele Videos mitgeschickt, die teilweise die Grausamkeit dort zeigt. Wir können uns diese Videos nicht immer angucken - um sich nicht ganz von dieser Grausamkeit überwältigen zu lassen."

Inzwischen dauert der Konflikt in dem geschundenen Land über drei Jahre an - ein Ende ist nicht in Sicht. Drei Jahre - fast genauso lange sind Adopt a Revolution und ihr Gründer Elias Perabo aktiv. Die Initiative ist sein Job. Syrien, die Menschen und das Leid sind Teil seines Alltags geworden, doch er versucht - trotz allem - pragmatisch zu bleiben.

"Ich glaube schon, dass ich eine tiefe Traurigkeit in mir herumtrage. Vor allem die persönlichen Geschichten, die Tatsache, dass Freunde und Bekannte, Menschen, mit denen ich mich über die Jahre angefreundet hab, plötzlich verschwunden sind, gestorben sind. (15:40) Ich probier  immer wieder, irgend ne Form von Abstand zu gewinnen. Wir können bestimmte Sachen machen und sind, so hart das ist, in anderen Sachen einfach hilflos."

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