Samstag, 22. November 2014MEZ01:13 Uhr

Interview

weitere Beiträge

Interview / Archiv | Beitrag vom 18.08.2012

Widerstände gegen Deichrückverlegung

Brandenburger Landesumweltamt hofft auf mehr Verständnis der Landwirte

Matthias Freude im Gespräch mit Nana Brink

Bundeswehrsoldaten, die im Sommer 2002 gegen das Elbe-Hochwasser kämpfen.
Bundeswehrsoldaten, die im Sommer 2002 gegen das Elbe-Hochwasser kämpfen. (AP Archiv)

Zehn Jahre nach dem Jahrhundert-Hochwasser an der Elbe hofft das Brandenburger Landesumweltamt auf mehr Verständnis von Anrainern und Landwirten. Wie Behördenchef Matthias Freude sagt, dauert die Deichrückverlegung "länger als ich mir oft wünsche".

Nana Brink: Die Bilder, glaube ich, hat jeder von uns noch im Kopf: Als 1997 die Oder anschwoll und die Deiche zu brechen drohten, war nicht nur Brandenburg in Aufruhr; nicht anders ging es 2002, als das Elbe-Hochwasser ganze Dörfer wegspülte und die Menschen auf den Dächern ausharrten – zwei Jahrhundertfluten in nur 15 Jahren. Ein Ereignis wollen wir nun herausgreifen, vor genau zehn Jahren, Mitte August 2002, waren der brandenburgische Ort Mühlberg und der Kreis Elbe-Elster nur knapp einer verheerenden Überschwemmung entgangen. Im tagelangen Einsatz haben es Einwohner und tausende Helfer geschafft, den durchnässten Deich gegen die Wassermassen zu halten, was bis heute dort als Wunder von Mühlberg gilt.

Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck hat Mühlberg gestern besucht, er hat ja als Deichgraf Karriere gemacht, und schon damals begleitet von Matthias Freude seit 1995 Präsident des Brandenburger Landesamtes für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz. Schönen guten Morgen, Herr Freude!

Matthias Freude: Morgen, Frau Brink!

Brink: Wie lebendig ist denn Ihre Erinnerung an das Hochwasser vor zehn Jahren, speziell an die Situation in Mühlberg?

Freude: Das habe ich in ganz besonderer Erinnerung, denn das Wunder von Mühlberg, an das ja viele glauben – in Wirklichkeit war es die Folge einer unglaublich gravierenden Fehlprognose, einer der gravierendsten, die ich überhaupt in meiner Laufbahn erlebt habe. Wir haben das berechnen lassen, in Magdeburg, vom Bund berechnet worden, und bevor ich da in den Stab kam, der Platzeck saß schon da, da wurde zwei, drei Minuten vorneweg am Telefon … ja, die Prognose heißt, wir kriegen noch 2,73 Meter mehr. 2,73 Meter – das kann eigentlich gar nicht sein, das läuft ja schon über die Deiche!

Gut, ich musste da in die Lage rein und wurde natürlich gleich als Erstes gefragt: Was kommt denn noch? Und alle guckten, und was sagt man in einer solchen Situation? Das vergisst man nie, so was. Man sagt, na ja, ich sage euch jetzt die Zahl nicht, die ich gerade gehört hab, aber mit einem Meter müssten wir vielleicht schon rechnen. Da war das eine ganz kurze Sitzung, und da ging das dann innerhalb von ein paar Minuten: Ein Meter ist zu viel, schaffen wir nicht, wir ziehen alle ab, alle Helfer, Bundeswehr, alles zieht ab. Das ist dann auch ganz schnell passiert, und die Fachleute haben sich dann zusammengesetzt, und das haben wir innerhalb von 1,5 Stunden mit – man muss sich das vorstellen –, mit einer Schiefertafel und Taschenrechner haben wir berechnet: Was kommt denn wirklich? Haben wir überall angerufen, oben in Sachsen, in Tschechien, und haben gesagt: Nein, da kommt lange nicht so viel, vielleicht sind es 30, 40 Zentimeter.

Und da hat Platzeck die ganzen Helfer wieder rangerufen, und da haben wir noch zwei und eine halbe Schicht Sandsäcke draufgekriegt. Das ging wirklich dann um Minuten. Und zum Schluss war es dann: Es kamen gut 30 Zentimeter mehr, und das Wasser ist an der obersten Sandsackreihe geplätschert. Das war dann das Wunder von Mühlberg.

Brink: Also die Sandsäcke haben gehalten, aber das ist ja eigentlich nicht die Idee, wie ein Deich irgendwie aussehen soll. Was ist denn seitdem passiert in Sachen Deichbau?

Freude: Einmal – und das wollen die Menschen natürlich zuerst: Macht unsere Deiche, die jetzt da sind, macht sie höher, dicker, breiter und sicherer damit. Da ist eine Menge gelaufen, auch an dem brandenburgischen Elbdeich in der Prignitz, von den 76 Kilometer Hauptdeichen sind 70 fertig, also fast fertig. Bei Mühlberg dauert das Ganze bisschen länger, weil dort nämlich noch 90 Hektar Überflutungsfläche dazukommen sollen und noch ein größerer Flutungspoller, der uns richtig viel Wasser abnehmen wird, 150 Hektar, das ist übrigens viel. Und da dauert das ganze Geschehen länger. Da haben wir also von den 23 Kilometern drei jetzt fertig, sind aber wirklich gut zugange, und ich glaube, weil eben nicht nur Deichbau dort stattfindet, weil Überflutungsfläche und noch Flutungspoller kommt, wird das Ganze dauerhaft deutlich sicherer.

Brink: Heißt denn die Philosophie jetzt: Menschen, gebt den Flüssen mehr Raum?

Freude: Ja, das sagen alle gerne, gerade wenn man Politiker ist. Es ist auch übrigens Herzensanliegen von mir und ich bin verantwortlich für diese Geschichten. Aber wenn ich sehe, wie groß die Widerstände sind, wie lange so etwas dauert und dass die Menschen, die dann hinter dem Deich wohnen, dass die zuerst sagen, macht mir meinen Deich sicher und dann könnt ihr über alles andere grüne Gedankengut dann reden, ...

Brink: Ist ja ein verständliches Interesse, nicht? Also wenn man da wohnt, klar.

Freude: Ja, na klar, und wenn man dann entscheiden muss, was macht man denn zuerst, dann ist das eine ganz, ganz schwierige Kiste. Und deshalb bitte ich auch manchmal um Verständnis, wenn das, Deichrückverlegung – wir sind ja dran und viele, viele sind dran –, dass das ein bisschen länger dauert, als man es sich, ich mir auch, oft wünsche.

Brink: Und warum ist es so wichtig aus Ihrer Sicht heraus, dass man den Flüssen mehr Raum gibt? Sie haben es ja getan, zum Beispiel an der Elbe im Naturschutzgebiet.

Freude: Ja, wir haben die größte Deichrückverlegung in ganz Deutschland, möglicherweise ganz Mitteleuropa gemacht – hat aber auch acht Jahre gedauert, bei Lenzen, über 400 Hektar übrigens –, und die Kollegen in Sachsen-Anhalt sind jetzt dran im Lödderitzer Forst, noch 600 Hektar dazuzulegen, und wir mit den 150 und 90 Hektar noch dazu: Da kommt schon was zusammen, aber insgesamt ist das gerade mal ein Prozent von dem, was wir dem Fluss an ehemaliger Überflutungsfläche genommen haben. Auch das gehört zum Realismus. Wenn man es aber nicht macht, macht man eine ganz, ganz große Unterlassungssünde, denn alle bauen die Deiche höher, besser, schöner, und wenn das alle machen, baut sich das Wasser nach unten aus, irgendeiner … auf: Irgendeiner hat dann das Problem.

Brink: Sie haben mal gesagt, Deichsanierung ist eine Aufgabe für Generationen. Das haben Sie jetzt gerade eigentlich auch wieder bewiesen mit Ihrer Aussage.

Freude: Kann gar nicht anders sein. Deiche sind über Jahrhunderte gebaut worden, und die zu sanieren und vor allen Dingen um die zurückzuverlegen, das ist noch eine Geschichte für Generationen. Es ist noch nie so viel Geld in unsere Deiche geflossen wie jetzt, und ich glaube, wir hatten auch noch nie so stabile und gute Deiche wie die, die wir jetzt saniert haben.

Aber Deiche großflächig zurückzunehmen – das ist eine Aufgabe, die wird noch viele Generationen dauern, geht übrigens bloß, wenn man das mit den Landwirten zusammen macht und denen was Vernünftiges anbieten kann, dass die auch mit zurückverlegten Deichen eine vernünftige Wirtschaft, gerade Grünlandwirtschaft, betreiben können. Auch das in die Köpfe und in die Geldbeutel reinzubringen, das wird auch noch eine Weile dauern.

Brink: Wir haben schon davon gesprochen, zwei Jahrhundertfluten in nur 15 Jahren – wie groß ist denn die Gefahr eines Hochwassers heute, also sowohl an der Oder wie auch an der Elbe?

Freude: Wir müssen konstatieren: Der Begriff Jahrhunderthochwasser als ein Hochwasser, was statistisch alle 100 Jahre auftritt, das hat arg an Wert verloren. Wir kriegen das also öfter. Darauf muss man sich einstellen, und damit werden wir alle leben müssen.

Brink: Eine kurze Frage zum Schluss noch: Funktioniert denn die Zusammenarbeit mit Polen jetzt besser als damals?

Freude: Nicht nur mit Polen, das geht ja auch … Zwischen deutschen Bundesländern ist das ja auch nicht so leicht. Weil Hochwasserschutz – in Klammern, leider – Ländersache ist, gibt es das auch mal, dass ein Land einen Deich 40 Zentimeter höher baut als das andere Land. Ich glaube, das ist Geschichte, das haben wir alles genau abgesprochen, dass man das vergleichbar und auch solidarisch miteinander macht. Das funktioniert übrigens sehr, sehr gut im Vergleich zu den beiden großen Jahrhunderthochwassern, die gewesen sind.

Brink: Matthias Freude, Präsident des Brandenburger Landesamtes für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz. Schönen Dank, Herr Freude, für das Gespräch!

Freude: Wiederhören!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


Mehr Infos auf dradio.de:

Zehn Jahre nach der Flut: Hochwasserschutz kaum verbessert - WWF-Experte über die Lehren aus der Katastrophe

"In der Praxis ist da nicht viel passiert" - Martin Geiger von der Umweltstiftung WWF zum Hochwasserschutz