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Interview / Archiv | Beitrag vom 19.08.2013

Widerspruch statt Einwilligung

Vor dem Prozess um den Organspenden-Skandal wirbt Chefarzt für eine neue Rechtsgrundlage

Rainer Burghard im Gespräch mit André Hatting

Eine Lungentransplantation - hier an der Medizinischen Hochschule Hannover (picture alliance / dpa / Junge/Mhh)
Eine Lungentransplantation - hier an der Medizinischen Hochschule Hannover (picture alliance / dpa / Junge/Mhh)

Nach einem der größten Transplantationsskandale in Deutschland steht in Göttingen nun ein Arzt vor Gericht. Die Spendenbereitschaft ist zuletzt deutlich gesunken. Um dieses Problem zu lösen, plädiert Rainer Burghard, Direktor der Kinderklinik Siegen, für die Widerspruchslösung.

André Hatting: Versuchter Totschlag in elf Fällen, Körperverletzung mit Todesfolge in drei Fällen, das klingt wie ein Prozess über eine Massenschlägerei, es geht aber tatsächlich um einen der größten Transplantationsskandale in Deutschland. Heute beginnt das Verfahren gegen einen ehemaligen Oberarzt am Göttinger Uniklinikum. Der Chirurg soll Daten seiner Patienten frisiert haben, um schneller Spenderorgane zu bekommen. Aber der Fall ist juristisch nicht ganz einfach .

In der Folge des Transplantationsskandals ist die Bereitschaft, Organe zu spenden, in Deutschland dramatisch gesunken, und über dieses Problem möchte ich jetzt mit Professor Rainer Burghard sprechen, Chefarzt der DRK-Kinderklinik in Siegen. Guten Morgen, Herr Burghard!

Rainer Burghard: Guten Morgen, Herr Hatting!

Hatting: Um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie groß ist der Rückgang der Spender seit dem Skandal?

Burghard: Also, es wird geschätzt, dass im ersten Halbjahr 2013 im Vergleich zum Vergleichszeitraum von 2012 die Transplantationsrate um 20 Prozent zurückgegangen ist. In der Größenordnung wird das liegen.

Hatting: Das betrifft etwa 12.000 Menschen derzeit, die in Deutschland auf ein Spenderorgan warten, auch Kinder. Wie sehr leiden denn die Kinder in Ihrer Klinik zum Beispiel darunter?

Burghard: Bei den Kindern ist in den letzten Jahren eindeutig auch ein Rückgang der Transplantationsfrequenz vor allen Dingen im Bereich der Nierentransplantation zu verzeichnen gewesen. Die Kinder haben von der Allokationsstelle in Leiden in Holland, einen sogenannten Kinder- und Jugendlichenbonus, der aber auch dazu führt, dass die Wartezeiten für eine Transplantation sich bei den Kindern deutlich verlängert haben.

Hatting: Das große Problem ist natürlich der Vertrauensverlust. Wie könnte man wieder Vertrauen schaffen bei Menschen, dass die möglicherweise nach ihrem Tod Organe spenden?

Burghard: Ja, das ist eine ganz schwierige Angelegenheit. Und ich denke, dass es eigentlich nur darum gehen kann, viele, viele Menschen davon zu überzeugen, dass es sich bei den Vorfällen in Göttingen und in Regensburg darum gehandelt hat, dass Ärzte …

Hatting: Und in München.

Burghard: Oder in München, ja, selbstverständlich, dass Ärzte versucht haben, für ihre Patienten - das ist nicht in Ordnung, aber für ihre Patienten, nicht für sich selber - bessere Bedingungen herauszuhandeln. Alles das wäre sicherlich nicht nötig, wenn wir ein besseres Organtransplantationsgesetz in Form einer Widerspruchslösung hätten, die das, was jetzt mit der Einwilligungslösung angestrebt wird, nämlich dass die Menschen regelmäßig daran erinnert werden, dass es so etwas gibt wie Organtransplantation und dass es Menschen gibt, die auf Wartelisten stehen und auch auf Wartelisten sterben, ist sicherlich ein erster Schritt.

Aber ich glaube nicht, dass das ausreichend ist, sondern alle die Probleme, von denen wir jetzt auch im Zusammenhang mit diesem Skandal – in Anführungszeichen – sprechen, wären nicht existent, wenn wir ein Transplantationsgesetz auf der Basis einer Widerspruchslösung hätten.

Hatting: Würde also bedeuten, jeder ist zunächst einmal Spender, es sei denn, er widerspricht dem?

Burghard: Ganz genau.

Hatting: Finden Sie, dass auch mehr staatliche Kontrolle hier helfen würde? Das fordert ja zum Beispiel die Deutsche Stiftung Patientenschutz, und eine öffentlich-rechtliche Koordination zum Beispiel, das fordern Grüne und Linke. Finden Sie das auch hilfreich?

Burghard: Eine Koordination, die staatlich mit geregelt wird, ja, das finde ich in einer solchen Situation, wo es um mehr geht als um individuelle Interessen, sehr angebracht.

Hatting: Ein ganz anderes, ebenfalls heikles Thema, ist ja der Hirntod: Wann ist ein Mensch wirklich tot, wann darf ihm ein Organ entnommen werden. Finden Sie, dass da genügend Aufklärung geleistet wird?

Burghard: Zu dem Thema ist eigentlich im Grunde alles gesagt, und die Aufklärungen in den letzten Jahren bezüglich Hirntod sind eigentlich sehr umfassend gewesen. Medizinisch gesehen kann man im Grunde sagen, dass keine Diagnose in der gesamten Medizin so sicher ist wie die Hirntoddiagnose, die Kriterien sind hart und darüber gibt es im Grunde keine zwei Meinungen.

Hatting: Professor Rainer Burghard, Chefarzt der DRK-Kinderklinik Siegen, über die Folgen des Transplantationsskandals, heute beginnt ja der Prozess dazu. Ich danke Ihnen für das Gespräch, Herr Burghard!

Burghard: Bitte schön!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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