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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 23.04.2011

Wider dem Vergessen

Vor 50 Jahren wurde die Nationale Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen eröffnet

Von Otto Langels

Besucher laufen hinter dem Tor des NS-Konzentrationslagers Sachsenhausen in Oranienburg mit der Aufschrift "Arbeit macht frei" entlang. (AP)
Besucher laufen hinter dem Tor des NS-Konzentrationslagers Sachsenhausen in Oranienburg mit der Aufschrift "Arbeit macht frei" entlang. (AP)

Im Sommer 1936 wurde nördlich von Berlin das Konzentrationslager Sachsenhausen errichtet. Bis zur Befreiung im April 1945 kamen dort Zehntausende ums Leben. Mitte der 50er-Jahre begannen die Planungen für eine Erinnerungsstätte. Am 23. April 1961 konnte sie eingeweiht werden.

"Dem Gedenken und der Mahnung ist diese Stätte geweiht. Dem Gedenken an die ungezählten Märtyrer und Helden des antifaschistischen Widerstandskampfes."

Mit diesen Worten eröffnete der Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht am 23. April 1961 die Nationale Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen, auf den Tag genau 16 Jahre nach der Befreiung des KZs durch sowjetische Soldaten. Nach Buchenwald und Ravensbrück war Sachsenhausen die dritte große NS-Gedenkstätte der DDR am authentischen Ort.

1936 hatten KZ-Häftlinge aus dem Emsland das Konzentrationslager rund 35 Kilometer nördlich von Berlin am Rand der Kleinstadt Oranienburg erbaut. Die am Reißbrett konzipierte Anlage mit Sichtachsen und halbkreisförmig angeordneten Baracken sollte die absolute Macht der SS zum Ausdruck bringen. Der Reichsführer SS Heinrich Himmler nannte das Modelllager Sachsenhausen ein "modernes, vollkommen neuzeitliches Konzentrationslager".

Dort waren bis 1945 insgesamt 200.000 Männer aus 40 Nationen eingesperrt: Sozialdemokraten und Kommunisten, Juden, Sinti und Roma, sowjetische Kriegsgefangene und sogenannte "Asoziale". Mehrere zehntausend wurden ermordet oder erlagen den brutalen Haftbedingungen. Unter den Überlebenden war der Kommunist Harry Naujoks. Bei der Einweihung der Gedenkstätte forderte er - ganz in der Rhetorik des Kalten Krieges - ein Westdeutschland "ohne Globke, Eichmänner, Hitlergeneräle und Nazirichter".

"Liebe tote Kameraden. Wir geloben Euch, den mit Euch begonnenen Kampf fortzusetzen und Euer Vermächtnis in Ehren zu erfüllen."

Verschwiegen wurde, dass es nach 1945 zunächst nicht möglich gewesen war, der KZ-Opfer auf dem Lagergelände selbst zu gedenken. Denn kurz nach Kriegsende übernahm der sowjetische Geheimdienst NKWD das KZ und richtete dort das Speziallager Nr. 7 ein, in dem frühere Nazi-Funktionäre, Hitler-Jungen und auch SED-Gegner interniert wurden. Bis zur Schließung im Jahr 1950 starben von 60.000 Inhaftierten 12.000 an Krankheiten und Unterernährung.

Nach einer Zwischennutzung durch die Kasernierte Volkspolizei begannen Mitte der 50er-Jahre die Planungen für eine Gedenkstätte. Im Mittelpunkt sollte, wie Walter Ulbricht hervorhob, der heroische Widerstand der Antifaschisten stehen.

"Jeder Fußbreit dieses Bodens ist getränkt mit dem Blut und dem Todesschweiß Zehntausender Märtyrer aus vielen Nationen."

In der Gedenkstätte ragte über den Fundamenten der abgerissenen Häftlingsbaracken ein monumentaler Obelisk in den Himmel. Figurengruppen mit einem Sowjetsoldaten und zwei Überlebenden sowie zwei Häftlinge mit einem Toten auf den Armen symbolisierten neben Trauer vor allem Siegesbewusstsein.

Günter Morsch, Leiter der Gedenkstätte Sachsenhausen seit 1993:

"Mit dem Titel ist eigentlich schon vieles gesagt: Mahn- und Gedenkstätte. Das ist der Hauptauftrag natürlich gewesen, zu zeigen, dass die DDR die Lehren aus der Vergangenheit gezogen hat, das heißt, es ging vor allen Dingen darum, zu repräsentieren."

Zum Gründungsmythos der DDR gehörte die heldenhafte Rolle der KPD im Kampf gegen das Nazi-Regime. Dementsprechend standen im Lagermuseum der Gedenkstätte die kommunistischen Häftlinge im Mittelpunkt, während Juden, Sinti und Roma oder Homosexuelle nur am Rande behandelt wurden.

Seit 1993 heißt die Nationale Mahn- und Gedenkstätte der DDR schlicht Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen. Verschiedene, über das Gelände verteilte Ausstellungen informieren heute über den Lageralltag, jüdische KZ-Häftlinge, tödliche medizinische Experimente, Massenmorde, die Beziehungen zwischen dem KZ und der Stadt Oranienburg, das Lagersystem der SS sowie über das sowjetische Speziallager Nr. 7.

"Eine KZ-Gedenkstätte vermittelt nicht mehr das authentische Erlebnis des Konzentrationslagers. Das ist gar nicht mehr zu leisten. Hier muss der Besucher und wird der Besucher erfahren, dass er nicht ein Konzentrationslager, sondern eine KZ-Gedenkstätte betreten hat."

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