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Fazit / Archiv | Beitrag vom 12.08.2011

Wichtigtuer auf dem Schnipselteppich

"Immer noch Sturm" von Peter Handke bei den Salzburger Festspielen, inszeniert von Dimiter Gotscheff

Von Hartmut Krug

Jens Harzer und Oda Thormeyer in "Immer noch Sturm" (Salzburger Festspiele / Ruth Walz)
Jens Harzer und Oda Thormeyer in "Immer noch Sturm" (Salzburger Festspiele / Ruth Walz)

Ein komplexes Traum- und Trauma-Spiel hat Peter Handke geschrieben. Er sucht die Figuren seiner Familiengeschichte im Sturm der politischen Ereignisse seit 1936. Auf der Bühne wird aus Poesie trotz virtuoser Schauspieler nur überdeutliche Pose.

Noch immer läuft die Vorstellung, als ich nahe Mitternacht heraus ans Telefon stürzen muss, kurz vor Schluss der Fazit-Sendung, um eine erste Einschätzung zu geben. In solcher Situation ist es nicht leicht mit der genauen Analyse, zumal nach einem so schwerfällig langen, kompliziert ausgedachten Abend.

Leer und düster die Bühne, schwarz die Wände. Ein Mann, den Hocker in der Hand, schafft sich im Erzählen (s)eine erinnerte, gedachte, bedachte Welt. Die Figuren, die sich auf de Bühne im Dunkeln um den Erzähler, das Handkesche Ich gruppieren, bebildern sich, anders als im gedruckten Text, bis zur Überdeutlichkeit selbst. Es wird viel geredet und geraunt in dieser Inszenierung, die unendlich lang und langsam ist. Und Jens Harzer kreist als Erzähler-Ich denkend und manieriert sprechend immer wieder über die Bühne, in sich und zu Boden gekehrt und dabei doch zugleich auch immer uns zugewandt. Ein Rampenredner einer neuen Art. Und seine Kollegen spielen: Man steht, erklärt, bricht aus in Gestik, geht zurück in Verhaltenheit. Was bei Handke in der Sprache passiert, in einer eigenen, poetisch wunderbar verschrobenen Sprache, und dabei zugleich die Suche der Menschen nach der Bewahrung der eigenen Sprache versinnlicht, das wird von den Darstellern auf der Bühne in die überdeutliche Pose überführt.

Vielleicht ist es ein Irrtum, Handkes bei der Lektüre so aufregend offene Prosa in die direkte Versinnlichungsmaschine des Theaters stecken zu wollen. Heraus kommt Prosa als Pose. Da mag Bühnenbildnerin Katrin Brack noch so viel Poesie zu zaubern versuchen, indem sie während der bald fünf Aufführungsstunden aus dem Bühnenlicht im Scheinwerferstrahl unentwegt grüne Papierschnipsel regnen lässt. Schließlich ist die Bühne eingegrünt und fingertief bedeckt – und der Erzähler rutscht, wie erwartbar, auf dem Schnipselteppich mehrfach und artistisch aus. Man ertappt sich immer wieder dabei, dass man sich im grünen Papierregen meditativ verliert und das langsame Erzählen, Erklären, Erspielen, dieses bedächtig Wichtigtuerische der Figuren, darüber fast vergisst. Dass man sich langweilt und aus der Bühnenerzählung verabschiedet – wo man doch die Erzählung oder den Roman oder den Traum bei der Lektüre nie verließ.

Wenn Handke seine slowenischen Vorfahren, beginnend 1936, durch das vergangene Jahrhundert schickt, indem er sie aus seiner Erinnerung in die (Selbst)Konstruktion holt, dann bleibt sein Text stets leicht, fast schwebend. Wenn Handke beschreibt, wird vor allem gesucht, nach Sprache, nach Erinnerung, nach Möglichkeiten, nach, ja, Wahrheiten. Und nach den Figuren der eigenen Familiengeschichte im Sturm der politischen Ereignisse, in dem man sich verhedderte zwischen Widerstand und Anpassung. Es ist ein komplexes Traum- und Trauma-Spiel, das Handke geschrieben hat.

Gotscheff inszeniert viele Gruppenbilder mit Ansage: Wenn in der Bühnenmitte von einem Sohn erzählt wird, der beim Militär ist, marschiert dieser "natürlich" im Hintergrund an der Bühnenseite unterm Stahlhelm auf der Stelle, die Knie fast unters Kinn hebend. Wenn ein Onkel erzählt, was er von den Engländern mitbekommen hat, nämlich die Namen von Fußballklubs, dann tanzt er uns diese begeistert vor, und wenn des Erzählers Mutter als Meisterin des Auslachens bezeichnet wird, führt sie diese Fähigkeit in einer langen Orgie vor. Zwei Musiker untermalen, unterstreichen und erklären das Geschehen auf ihre Art und sind dabei so virtuos wie die Schauspieler.

Aber auch das hilft dem Abend nicht. So wenig wie der unendliche, über Geschichte, Welt und Krieg und weiterhin Sturm durch Grundsätzliches schürfende Schlussmonolog, den Jens Harzer in langen Kreisen auf der Bühne und durch den Text mäandern und versickern lässt und den ich kurz vor seinem Schluss vorzeitig verlassen musste. Ein ambitioniert scheiternder Abend, mit vielen guten Schauspielern auf vergeblicher Suche.

Informationen der Salzburger Festspiele zu "Immer noch Sturm"

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