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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 23.12.2007

What the fuck is Muckefuck?

Von Udo Pollmer

Die Weihnachtsfeiertage waren früher ein Grund, sich echten Bohnenkaffee zu leisten. Ansonsten trank man Muckefuck. Es heißt, Friedrich II. soll den Anlass für die Herstellung des Ersatzkaffees gegeben haben, als er im 18. Jahrhundert die Kaffeezölle drastisch erhöhte.

Anlass: Die Weihnachtsfeiertage waren früher ein Grund, sich echten Bohnenkaffee zu leisten. Ansonsten trank man Muckefuck. Es heißt Friedrich II. soll den Anlass für die Herstellung des Ersatzkaffees gegeben haben, als er im 18. Jahrhundert die Kaffeezölle drastisch erhöhte. Daraufhin halfen französische Gärtner den unter Kaffeeentzug leidenden Berlinern aus der Not und lehrten sie, Zichorienwurzeln zu rösten, zu mahlen und aufzugießen, um dem jetzt superdünnen Bohnenkaffee zumindest eine tiefschwarze Farbe zu verleihen. Dieses Gebräu hieß bei den Franzosen "mocca faux" (falscher Mokka). Das haben die Berliner dann zu "Muckefuck" verballhornt. So zumindest wird die Geschichte in Bildungsbüchern und auf unzähligen Internetseiten kolportiert.

Und Sie wollen uns nun an dieser schönen Geschichte zweifeln lassen? An dieser Story stimmt wahrscheinlich nur der Hinweis, dass Friedrich II. die Kaffeezölle erhöhte, um das Geld im Land zu halten. Denn die Deutschen hatten keine Kolonien, die Kaffee hätten liefern können. Ansonsten hat die populäre Interpretation ein paar Schönheitsfehler: Gegen den "mocca faux" spricht beispielsweise die Tatsache, dass es diesen Ausdruck im Französischen nicht gibt, ja dass nicht einmal die Schreibweise französisch ist (der französische Mokka schreibt sich "moka"). Zudem ist "Muckefuck" zuerst im rheinisch-westfälischen Arbeitermilieu belegt und wurde erst seit dem Ersten Weltkrieg populär. Die Berliner Schnauze sprach damals noch von "Lorke", wenn sie einen Bohnenkaffee meinte, der mit Ersatzkaffee dunkler gefärbt war.

Wer hat den Ersatzkaffee erfunden? Er war vermutlich schon vor der Ankunft des Kaffees bekannt. Denn die ersten europäischen Autoren, die den Kaffee beschreiben, vergleichen ihn mit dem Geschmack der Zichorienwurzel, also dem späteren Rohstoff für Muckefuck. In Europa wurde die Zichorie aber nicht nur zur Herstellung von Getränken, sondern auch als Futtermittel angebaut. Den Holländern kommt wohl das Verdienst zu, als erste Ersatzkaffee für den Export hergestellt zu haben – vielleicht auch um beim Weiterverkauf ihres Kaffees an die westlichen Nachbarn über eine größere preisliche Flexibilität zu verfügen. In Deutschland ist eine fabrikmäßige Herstellung von Zichorienkaffee seit 1763 belegt. Die Produktionszahlen lassen vermuten, dass bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts nicht nur der Muckefuck selbst, sondern auch ein erheblicher Teil des "Bohnenkaffees" aus Muckefuck bestanden hat.

Woher kam der Markterfolg - an der knappen Kasse allein kann es nicht gelegen sein, da würde man wohl lieber Wasser trinken? Natürlich wurde der Muckefuck mit dem Hinweis verkauft, er sei gesünder als der "Heidentrunk". Der falsche Kaffee stärke, so die ärztlichen Gutachten, die Nerven, während echte Bohnen genau das Gegenteil bewirkten. Immer neue Pflanzen wurden zu Kaffee-Ersatz verarbeitet, oder wie es damals hieß: zu Damen- oder Gesundheits-Kaffee. Neben Malz, Zichorie oder Eicheln kamen auch Kakaoschalen, Erdmandeln, Quecken, Lupinen, Klebkraut und Vogelbeeren zu kulinarischen Ehren. Immer neue Wunderwirkungen sollten den Verkauf der Plörre beflügeln – je nach Rohstoff. So verschaffte beispielsweise der Eichelkaffee bei "Verstopfungen der Drüsen" Erleichterung und brachte bei allen Brust- und Bauchkrankheiten baldige Heilung. Der Versuch, dem Imitat wenigstens etwas Koffein zuzusetzen, um nicht nur den Geschmack, sondern auch die Wirkung zu imitieren, scheiterte am energischen Widerspruch eifernder Ärzte.

Aber es werden doch auch damals nicht alle Mediziner der gleichen Meinung gewesen sein? Richtig! Der Gesundheitswerbung durch Ärzte und Pfarrer trat beispielsweise der Hygieniker Friedrich Erismann entgegen und sprach von einem "diatetischen Unglück"! Der nachgemachte Kaffee liefere den Arbeitern "nur ein gemeines Spülwasser". Der große Physiologe Max Rubner pflichtete ihm bei und schmähte den Muckefuck ebenfalls als "großes diätetisches Übel". Noch weiter ging Professor Heinrich Boruttau vom Städtischen Krankenhaus in Friedrichshain, wo besonders Arbeiter behandelt wurden. Für ihn war der Ersatzkaffee in höchstem Grad gesundheitsschädlich, ernährungsphysiologisch wertlos und in höherer Dosis ekelerregend. Damals wurde die Ware ja nicht in luftdichten Verpackungen gehandelt, sondern erst einmal in Kellern "gereift", bis das schwarzbraune Pulver hinreichend feucht war – vermutlich um das Gewicht zu erhöhen. Als Chemiker wusste der Professor natürlich, was sich im Dunkel des Muckefucks so alles verbarg: Geröstete Abfälle aller Art, Ziegelmehl, Wurzelwerk und was sich sonst noch an feuchtem, braunschwarzem Mist so alles findet. "Gesund" war das Gesöff damals eher weniger.

Und wie reagierten die Ernährungsexperten? Die ließen sich von Argumenten nicht beeindrucken. Schließlich waren sie der Meinung, dass der Ersatzkaffee, wenn er schon nicht den stetig steigenden Kaffeekonsum der Bevölkerung verhindern könne, wenigstens den Alkohol ersetzen solle. Um die Arbeiter vom Besuch der aus dieser Perspektive höchst suspekten Biergärten und Gasthäuser abzuhalten, wurden karitative "Volkskaffeehallen" errichtet, die entgegen ihrem hochtrabenden Namen natürlich keinen Kaffee, sondern Muckefuck ausschenkten. So hatte man der "Branntweinseuche" endlich die Stirn geboten.

Mit welchem Erfolg? Die Ironie der Geschichte will es, dass der Alkohol nicht von Muckefuckfanatikern aus der religiös-ärztlich-sozialen Szene zurückgedrängt wurde, sondern vom echten Bohnenkaffee. Denn Kaffee hebt über das Koffein die Stimmung – ohne dabei betrunken zu machen. Da der Effekt lichtabhängig ist, konnte der Kaffee den Alkohol während des Tages ersetzen. Deshalb wird heute Alkohol – im Gegensatz zu früheren Zeiten - meist erst abends getrunken, wenn die Lichtmenge abnimmt. Dieser wichtige soziale Fortschritt wäre sicherlich schneller vonstatten gegangen, hätte man den unteren Schichten statt Ermahnungen und Gesundheitslorke lieber eine gute Tasse Frühstückskaffee gegönnt.

Bleibt nur noch die Frage: Woher kommt nun der Begriff "Muckefuck" – nachdem das Französische als Namensgeber ausscheidet? Gehen wir dorthin, wo der Begriff erstmals auftaucht, ins Rheinisch-Westfälische: Mit "Mucken" wird dort braune Stauberde oder Holzmulm bezeichnet, und "fuck" bedeutet soviel wie "faul". Ein hübsches Wort, das nicht nur an das Aussehen und den Geruch manch eines Kaffee-Ersatz-Produktes gemahnte, es war vermutlich auch ein süffisanter Hinweis auf eines der üblichen Streckmittel. Auf französisch heißt der Muckefuck "l‘ersatz". Schönen Gruß an die Etymologen.


Nach dem "Lexikon der populären Ernährungsirrtümer" von Pollmer und Warmuth. Erschienen bei Eichborn als neubearbeitete Auflage im Dezember 2007