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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.06.2013

Wettrennen nach Mexiko

Buch der Woche - Fritz Rudolf Fries: "Last Exit to El Paso", Wallstein Verlag, Göttingen, 192 Seiten

Ziel der Weltreise - El Paso, Texas (picture alliance / dpa Foto: John Elk)
Ziel der Weltreise - El Paso, Texas (picture alliance / dpa Foto: John Elk)

In dem Roman "Last Exit to El Paso" von Fritz Rudolf Fries gewinnt Held Arronax eine Weltreise, auf die er seinen alten Kumpel Archie mitnimmt. Ganz im Sinne Jules Vernes liefern sich beide fortan einen Wettkampf: Wer kommt als erster in El Paso an?

Wie sein Autor ist auch Hauptfigur des Romans wohl um die 78 Jahre alt ist. Und sie heißt so, wie sie bei Fries oft heißen: Sie verweist in literarische Binnenwelten. "Pierre Arronax", das spielt auf den Helden von Jules Vernes Abenteuerklassiker "20000 Meilen unter den Meeren" an. Der Ausgangspunkt wirkt noch einigermaßen überschaubar: Der Held hält sich nur noch in seinem eigenen Haus auf, wird von abwechselnden weiblichen Pflegekräften versorgt, wobei Kathleen erotisch heraussticht. Seinem sechsjährigen Enkel Fabius erzählt er vor dem Einschlafen das Märchen der Bremer Stadtmusikanten, mit dem leitmotivisch eingesetzten Slogan "Etwas Besseres als den Tod findest du überall."

Und urplötzlich wird aus der Tiefe des literarischen Raumes der Faden mit Jules Verne aufgenommen - eine unerwartete Abenteuerreise kündigt sich an. Bei einem Preisausschreiben gewinnt Arronax eine Weltreise, auf die er sofort seinen alten Weggefährten und Drehbuchkombattanten Archie mitnimmt. Zusätzlich befeuert wird die Romanhandlung dadurch, dass es zu einem Wettbewerb kommt, wer von beiden als erster in El Paso ankommt, an der Grenze zu Mexiko, der eine über die Westküste, der andere über die Ostküste, und den Hintergrund bildet eine aberwitzige Kriminal-Affäre.

Die Anleihen an die Spannungs- und Suspense-Literatur sind genauso labyrinthisch wie in manchen Filmen der Schwarzen Serie, bei denen noch während des Drehens am Drehbuch weitergeschrieben wurde. Doch das, worum es in diesem Buch in allererster Linie geht, ist das Kunstgeflecht, in das es einen fortwährend hineinzieht.

Gestohlene Gemälde aus einer New Yorker Galerie entfalten sofort ein Eigenleben. Vor allem die schlüpfrigen Arrangements des belgischen Surrealisten Paul Delvaux haben es dem Schreiber angetan, immer wieder trifft Arronax unterwegs oder in Hotelzimmern auf Posen, die Delvaux entworfen hat und die auf gewisse Archetypen insbesondere weiblichen Verhaltens zielen. Daneben schmuggelt Fries fortwährend Motive aus etlichen seiner früheren Texte hinein. Vor allem der Jazz der 50er-Jahre, sein Lebenselixier seit der Pubertät, feiert in "Last Exit to El Paso" immer wieder Triumphe.

Dies ist also kein Roman für das von Julio Cortázar in der Übersetzung von Fries karikierte "Leserweibchen" (in dessen Hauptwerk "Rayuela"). Es geht um die Lust am Text und um den Nachweis, dass die Literatur sich in ihren elaborierten Fällen in erster Linie aus der Literatur selbst speist. Ein Anspielungsnetz dazu hat Fries ganz dezidiert über den Text gebreitet: die drei Kritikerfiguren aus Roberto Bolaños epochalem Werk "2666", ebenfalls aus der lateinamerikanischen Brutstätte der Fantasien, treten auch in Fries' Roman auf und begleiten die Krimihandlung in kennerischer und oft pantomimischer Weise. Eine Fundgrube!

Besprochen von Helmut Böttiger

Fritz Rudolf Fries: Last Exit to El Paso
Wallstein Verlag, Göttingen
192 Seiten, 19,90 Euro