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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 21.03.2006

Werte ohne Nachhaltigkeitsfaktor

Zum Kern der Debatte um die kulturelle Zukunft unserer Gesellschaft

Von Josef Schmid

Errungenschaft der jungen Bundesrepublik: Bundeskanzler Adenauer stößt auf die Unterzeichnung des Grundgesetzes durch die drei westlichen Militärgouverneure an.
Errungenschaft der jungen Bundesrepublik: Bundeskanzler Adenauer stößt auf die Unterzeichnung des Grundgesetzes durch die drei westlichen Militärgouverneure an. (AP Archiv)

Die Annahme, dass die Menschen aus dem Morgenlande, die bei uns Quartier bezogen haben, dem abendländischen Lebensgefühl eigenständig nacheifern und dabei schrittweise die Herkunftsreligion ablegen würden, hat wohl getrogen. Als ein Hauptgrund für dieses Versehen wird eine ausländerfreundlich verbrämte Gleichgültigkeit gegenüber diesen Vorgängen genannt.

Das muss jetzt anders werden, hört man. Wenn die Orientalen so bleiben, wie sie gekommen sind, weil sie von der tieferen Bedeutung ihres Hierseins nichts erfahren, dann müssen wir als Teil des Westens eine Aufklärungsoffensive darüber starten.

Nun ertappt sich so mancher Abendländer dabei, dass er bis ins Kleinste auch nicht so genau Bescheid weiß, was denn hierzu aufzubieten wäre. Gewiss, das Flaggschiff "Verfassung" kommt einem sofort in den Sinn: unterschiedslose Rechte der Person, die Gleichheit von Mann und Frau, die Meinungs- und Pressefreiheit, Trennung von Staat und Kirche.

Doch im westlichen Wertekatalog ist noch manches unfertig, dem Streit noch lange nicht enthoben und fremden Zuwanderern noch nicht zur freundlichen Übernahme zu empfehlen. Es soll zum Wesen des Westens gehören, Streitpunkte offen zu halten, um aus ihnen Funken des Wissens und der geistigen Weiterentwicklung zu schlagen. Nur damit wäre Europa zu dem geworden, was es heute ist. Dazu gehört das langsame Herauswachsen aus einem religiös geprägtem Dasein – gemäß einer Entzauberung der Welt durch Wissenschaft und Technik; - ebenso das Herauswachsen des Menschen aus den natürlichen Bindungen von Familie, Verwandtschaft und Gemeinschaft, das ihn zum alleinigen Vertragspartner moderner Arbeitsteilung macht; - mit einem Wort: es entstand das Individuum, der Einzelne als das Maß aller Dinge und Symbol der Freiheit.

Hier wartet eine Treppe ohne Geländer, von der wir meinten, sie ginge nur aufwärts. Denn wie sieht denn die individuelle Freiheit aus, oder noch besser: welche Sorte von befreitem Individuum bräuchten wir denn, um uns aus unserer weltbekannt misslichen Lage zu befreien?! Ist es der kosmopolitische Nomade, der ab und zu hier per Handy was von sich hören lässt, - oder der postheroische Schlaumeier, der sich aus Hartz IV, Ehrenamt und Schwarzarbeit sein Ränzlein schnürt, - die engagierte emanzipierte Frau, die Organisationen, Parteien und Firmen managet, allerdings ohne eigene Familie; überhaupt: der kinderlose Single, die Lichtgestalt der Vollbeschäftigung mit sich selbst – oder das Auslaufmodell Familienvater, der sich mit Eigenheim und Kindern plagt, regenerierend zwar, aber politisch verdächtig.

Es ist schwer zu entscheiden, welchen Typus wir den Muselmanen zur Nachahmung empfehlen, wenn sie zu uns passen sollen, wo doch keiner der genannten Typen bei ihnen vorkommt. Dass Multikultur ein Schuss ist, der auch nach hinten losgehen kann, wollten ihre Wortführer nie glauben. Nun sehen sie sich plötzlich und ungewohnt in der Rolle des Abendlandsverteidigers!

Weil scheinbar der Übel nicht genug, wird der Rentenbericht vorgelegt, aus dem zum einen ein untragfähiges Verhältnis Jung-Alt hervorgeht, zum andern schon ein galoppierender Schwund der Humansubstanz; früher einmal als "Aussterben der Deutschen" belächelt und bekichert. Nun ist es amtlich: die demographische Implosion der größten Demokratie Europas ist auf jedem kleinen Taschenrechner nachzuvollziehen: jede Generation macht die nachfolgende um ein Drittel kleiner als die eigene.

Unsere sonst so wortgewandten Gegenwarts- und Zukunftsdeuter zeigen gegenüber den elementarsten Vorgängen, die zur Entstehung des Homo sapiens geführt haben, eine Ohnmacht und Sprachlosigkeit. Die westlichen Werte verteidigen heißt auch, den Westen selbst dauerhaft und nachhaltig einrichten. Mit bloßer Modernisierung, Freiheitsausdehnung und mit Kosmopolitismus –es sind allesamt Kategorien des Davoneilens, des Sich-Davonmachens – ist ein Kampf ums Territorium verloren. Denn

- mit Modernisierung, die nur ein Mehr an Entwurzelung zum Zwecke höherer Komplexität bedeutet, -
- mit einem Mehr an Freiheit, das wegen Inhaltsleere schon auf sexuelle Selbstbestimmung ausweichen muss, -
- mit Kosmopolitismus, einer Wolkenschieberei, mit der sich die Entfremdung von Kirche und Dorf im Sinne der Aufklärung vollendet, -und letztlich ein Verfügbarmachen des Einzelnen für jedwede Felxibilität bedeutet, ist nichts auf Dauer gewonnen.

In diesem Katalog progressiver Abendlandsverteidigung befindet sich kaum eine Position, die sich mit Nachwuchs und Kindererziehung verbinden ließe. Kein Gemeinwesen hierzulande ist für westliche Demokratie und Freiheit zu retten, wo Muslime brav Moscheen bauen und Familienzusammenführung betreiben, aber im Jahr keine zehn Kinder deutscher Eltern mehr geboren werden.

Die Avantgarde hat sich noch nie um den Nachschub gekümmert; doch das wird ihr diesmal nicht erspart bleiben. Denn das hat der Kulturkampf so an sich: wer ihm auszuweichen versucht, verstrickt sich umso mehr in ihn.


Josef Schmid, geboren 1937 in Linz/Donau, Österreich, zählt zu den profiliertesten deutschen Bevölkerungswissenschaftlern. Er studierte Betriebs- und Volkswirtschaft sowie Soziologie, Philosophie und Psychologie. Seit 1980 ist Schmid Inhaber des Lehrstuhls für Bevölkerungswissenschaft an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Seine Hauptthemen: Bevölkerungsprobleme der industrialisierten Welt und der Entwicklungsländer, Kulturelle Evolution und Systemökologie. Schmid ist Mitglied namhafter nationaler und internationaler Fachgremien. Veröffentlichungen unter anderem: "Einführung in die Bevölkerungssoziologie" (1976); "Bevölkerung und soziale Entwicklung" (1984); "Das verlorene Gleichgewicht - eine Kulturökologie der Gegenwart" (1992); "Sozialprognose - Die Belastung der nachwachsenden Generation" (2000). In "Die Moralgesellschaft - Vom Elend der heutigen Politik" (Herbig Verlag, 1999) wird der Widerspruch zwischen Vergangenheitsfixiertheit und der Fähigkeit zur Lösung von Gegenwarts- und Zukunftsaufgaben scharfsichtig analysiert.