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Fazit / Archiv | Beitrag vom 24.01.2013

Werke von "Outsider"-Künstlern

"Secret Universe" im Hamburger Bahnhof in Berlin

Von Barbara Wiegand

Der Hamburger Bahnhof in Berlin zeigt "Secret Universe".
Der Hamburger Bahnhof in Berlin zeigt "Secret Universe". (Staatliche Museen zu Berlin - Maximilian Meisse)

Gewöhnlich findet das Werk psychisch kranker Künstler kaum den Weg ins Museum - es sei denn als bizarre Randerscheinung. Anders im Museum Hamburger Bahnhof in Berlin: Dort ist die Kunst von solchen Außenseitern in der Reihe "Secret Universe" zu sehen.

"Also eine Kategorie ist hier etwa C 67 – das Jahr 67 von 1912 aus gerechnet, dem Tag ihres Untergangs. Das war das Jahr 79. Und wenn man da auf die Montag guckt – sie ist am Montag versunken – dann sind da ... Januar, Februar ... .26, März, 5 10, 19 26 – also ich sehe diese Zahlen vor mir und ich schreibe sie auf, nach einem System."

George Widener steht vor einem seiner Bilder und rechnet schnell nach, was darauf in unendlichen Zahlenkolonnen klitzeklein geschrieben steht. Es ist ein Meer von Zahlen, über das ein großes dunkles Schiff fährt – die Titanic.

Denn 2012 zum 100. Jahrestag des Untergangs des Luxusdampfers hat sich der 50-Jährige sein eigenes Bild gemacht von der Katastrophe. Ja, er hat sich überlegt, was wäre wenn – sie gar nicht stattgefunden hätte. Wenn die Titanic am 15.4.1912 nicht gesunken, sondern weiter gefahren wäre - Tage, ja Jahre und Jahrzehnte lang.

"Wissen sie, wenn die Titanic nicht gesunken wäre, hätte sie vielleicht noch so 35 Jahre lang über die Meere schippern können. Bis 1947 oder so. Und ich habe daraufhin einen Kalender gezeichnet, für die Titanic seit 1912, dem Tag des Untergangs. Ja, ich habe auf dem Bild Daten bis heute und sogar darüber hinaus notiert.

Als wäre sie immer noch da - denn es gibt sie ja noch, in unserer Erinnerung lebt sie ja noch fort und wird es vielleicht auch in Zukunft tun. Mit all dem was man mit ihr und ihrem Schicksal verbindet: Tragödie, Überleben, Untergang."

So drückt George Widener in Zahlen aus, was unsereins in dramatischen Bildern abgespeichert hat. Er hält die Welt und ihr Geschehen in Ziffern fest, so wie sie war, heute ist und morgen vielleicht sein wird. Im Besonderen wie im Banalen. Er sammelt Zahlen, Daten, errechnet Wahrscheinlichkeiten - von Flugzeugabstürzen am Sonntag, allerlei anderen Unglücken am Montag. Listet die Opfer von Kakerlaken Wettessen genauso auf wie den Geburtstag von Nicole Kidman.

"Ja, ich bin ein sogenannter Kalender-Kalkulator, ein Kalender-Savant mit außergewöhnlicher Begabung. Asperger Syndrom ist die medizinische Bezeichnung. Aber für mich sind Zahlen vor allem etwas ganz persönliches. Sie haben mich mein ganzes Leben lang begleitet.

Ich berechne, entwickle kalkuliere auf Grund historischer Daten. Und ich bin auch absolut fasziniert von wissenschaftlichen Forschungen, was das angeht. Von der Entwicklung der Datenverarbeitung aber auch von Computern. Von einer künftigen künstlichen Intelligenz."

Das Asperger Syndrom, eine leichte Form des Autismus ist bei Widener verbunden mit einer mathematischen Hochbegabung. Ja, 2004 schlägt er einen Computer der NASA – berechnet schneller als dieser auf welchen Wochentag der 25. Juni im Jahr 47 253 fallen wird.

Doch solchen Höchstleistungen stehen Abgründe gegenüber: Erst mit Ende 30 erhält Widener seine Diagnose. Dass er nicht verrückt, nur ein wenig anders ist. Da hat er schon Jahre in der Psychiatrie, Nächte auf der Straße verbracht. Heute kann er mit sich und anderen besser umgehen, erzählt er.

Und doch - die Zahlen sind ihm immer noch näher als die Menschen. Bilden als historische wie persönliche Daten die Basis für sein Werk. Ein Werk, das mit seiner akribischen Machart fasziniert. Das einen aber auch zweifeln lässt, ob die Kunst des George Widener nicht doch nur manische Masche ist – als schräges Event zur Schau gestellt. Oder ob der Anspruch, hier im Museum Hamburger Bahnhof in der Reihe Secret Universe Außenseiterkünstler vorzustellen mit George Widener ernsthaft eingelöst wurde.

"Das hier sind alles Künstler die sich künstlerisch entwickelt haben die durchaus auch ein Bewusstsein hatten, dass sie Künstler sind. Und das scheint mir sehr entscheidend in Relation zu den Künstlern die etwa unter einer Anleitung kreativ tätig wurden.

Und was heißt zur Schau stellen. Sie haben durchaus historische Vorbilder. Wenn sie die Bilder des Zöllners Henri Rousseau nehmen. Jedes Museum wünschte sich heute bilder von Rousseau. Aber nur Dank der Fürsprache eines Picassos ist er in diesen Kanon aufgenommen worden, wenn sie so wollen, als Sonntagsmaler."

Meint Udo Kittelmann, Direktor der Berliner Nationalgalerie. Und in der Tat – auf seine Art setzt George Widener einen bemerkenswerten Schlusspunkt unter eine ambitionierte Ausstellungsreihe.

Zwar wird kaum jemand all die komplexen Strukturen durchblicken, die Fehler in den Algorithmen entdecken, die Widener als Rätsel für künftige Robotergenerationen in seinen Bildern versteckt hat. Aber wenn man sich darauf einlässt, dann kann man ein Stück weit mit auf Reise gehen – durch George Wideners wundersame Welt der Zahlen – verrückt, vertrackt, und ein wenig verwirrend.