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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 17.02.2014

WerkausgabeEntwurf einer ganz anderen Realität

Christian Geissler: "Wird Zeit, dass wir leben. Geschichte einer exemplarischen Aktion"

Von Helmut Böttiger

Der deutsche Schriftsteller Christian Geissler (picture alliance / dpa)
Der deutsche Schriftsteller Christian Geissler 1981 bei der Besetzung der "Spiegel"-Cafeteria in Hamburg (picture alliance / dpa)

Der Verbrecher-Verlag widmet Christian Geissler eine Werkausgabe, dessen erster Band nun erscheint. Im Mittelpunkt des in den 30er-Jahren spielenden Romans stehen Konflikte innerhalb der Kommunistischen Partei.

Dieser Roman ist zuerst 1976 im Rotbuch-Verlag veröffentlicht worden, in der politisch stark aufgeladenen Periode unmittelbar vor dem "Deutschen Herbst". Christian Geissler spielt gezielt mit diesem zeitgenössischen Hintergrund – der Text selbst allerdings handelt von den 20er- und 30er-Jahren. Der Autor nennt anfangs seinen "Ausgangspunkt": Er sei auf einen Hamburger Polizisten gestoßen, der 1933/34 versucht hat, in Nazideutschland politische Gefangene zu befreien.

Geissler nennt jedoch keine Namen und keine Orte. Denn seine literarische Umformung entwirft eine ganz andere Realität. Sein rhythmusbetonter, eigenwillig stilisierter rhetorischer Duktus unterscheidet sich erheblich von der landläufigen politischen Prosa jener Zeit, in der das richtige Bewusstsein ideal hervorleuchtete. Geisslers Grundlage bildet der Hamburger Slang in verschiedenen sozialen, vor allem proletarischen Abfärbungen.

Daraus entsteht ein nüchternes und karges Kunstgeflecht, eine poetische Verdichtung. Hier geht alles von der Basis aus, hier gibt es keine Romantisierungen und keinerlei landläufige Psychologie und Personenführung. Die Sprache nimmt alle Widersprüche in sich auf und drückt sie aus, sie hat mit dem üblichen Realismus wenig zu tun.    

Konkrete Realität sah anders aus

Im Mittelpunkt stehen Konflikte innerhalb der Kommunistischen Partei: unbedingte Parteidisziplin auf der einen, harscher Eigensinn auf der anderen Seite. Vor allem bei der zentralen Frage, ob man den Nationalsozialisten als friedliche Massenbewegung oder mit Waffengewalt entgegentreten solle, scheiden sich die Geister. Der Roman entwirft dabei eine historisch einmalige Pointe: der Funktionär Schlosser wird von den Nazis verhaftet, und einer Gruppe um Leo Kantfisch gelingt es mit eben jener brachialen Gewalt, die der führende Genosse selbst vorher abgelehnt hat, ihn zu befreien.

In der konkreten Realität sah das Geschehen, auf das sich Geissler bezieht, ganz anders aus, das ist die entscheidende Volte des Textes. Der inhaftierte führende Hamburger KPD-Genosse Fiete Schulze, das Vorbild für Geisslers Figur Schlosser, wurde im Juni 1935 hingerichtet. Die Befreiungsaktion, die der Polizist Bruno Meyer tatsächlich geplant hatte, flog schon vorher durch einen Spitzel auf.

Geisslers "exemplarische Aktion" in seinem Roman ist also so etwas wie eine konkrete Utopie, die sich an den Wirklichkeiten der 30er- wie der 70er-Jahre hart stößt. Darin liegt eine Provokation, die man heute noch spürt. Die Widersprüche, in die sich Geissler verstrickt sah, werden schon dadurch deutlich, dass seine Hauptfigur Bruno Meyer alias Leo Kantfisch, mit dem er lange Gespräche geführt hatte, den Roman vehement ablehnte.

Es ist eine höhere Ironie der Geschichte, dass Geisslers ästhetische Arbeit weit eher überdauert hat als seine politische. Der Verbrecher-Verlag widmet diesem außergewöhnlichen, 2008 gestorbenen Autor nun eine Werkausgabe – "Wird Zeit, dass wir leben" ist deren erster Band.

Christian Geissler: "Wird Zeit, dass wir leben. Geschichte einer exemplarischen Aktion" 
Mit einem Nachwort von Detlef Grumbach
Verbrecher Verlag, Berlin
357 Seiten, 22 Euro

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