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Religionen / Archiv | Beitrag vom 09.03.2013

Wer folgt auf Benedikt XVI.?

Die fünf Top-Favoriten für das Konklave

Von Thomas Migge

Die Kuppel des Petersdoms (Lutz R. Nehk)
Die Kuppel des Petersdoms (Lutz R. Nehk)

Wer macht das Rennen? Ein pastoraler Deutsch-Brasilianer, ein intellektueller Kanadier oder der telegene Kulturminister im Vatikan? Die Vorbereitungen für die Wahl eines neuen Papstes laufen auf Hochtouren. Wir stellen die fünf aussichtsreichsten Kandidaten vor.

"Von Balthasar und dann, wie wir ihn damals noch nannten, Don Ratzinger, der dann Papst Johannes Paul II. wurde: das sind die Persönlichkeiten, die ich, unverdienterweise, kennenlernen durfte, von denen ich einen kleinen Teil ihrer Größe erfahren durfte."

Kardinal Angelo Scola (dpa / picture alliance / Fabio Frustaci)Kardinal Angelo Scola (dpa / picture alliance / Fabio Frustaci)Über den Lapsus mit Don Ratzinger, der Johannes Paul II. wurde, wird unter Roms Kardinälen auch Tage nach dem Interview mit Angelo Scola immer noch herzlich gelacht. Normalerweise verspricht sich der Erzbischof von Mailand nicht.

Scola steht der mit über 1000 Gemeinden weltweit größten Diözese vor und gilt als einer der aussichtsreichsten "papabili" - wie man im Vatikanjargon Kandidaten für die Nachfolge eines verstorbenen, oder wie in diesem Fall, zurückgetretenen Papstes nennt.

Scola hat keine besonders guten Beziehungen zur römischen Kurie. Die aber war in Folge verschiedener Skandale in die Schlagzeilen geraten. Auf die Qualitäten des zukünftigen Papstes und die Notwendigkeit einer Reform der römischen Kurie angesprochen, antwortet Scola diplomatisch:

"Im Zentrum eines zukünftigen Pontifikats sollte die Nächstenliebe stehen. Die Nächstenliebe auch innerhalb der Kirche, damit alle Getauften, bis hin zum Papst, die Liebe Jesu erfahren können."

Scola stand in besonders guten Beziehungen zunächst zu Johannes Paul II. und dann zu dessen Nachfolger, der ihn in die für die Kirche enorm wichtige Diözese Mailand versetzte. In Rom heißt es, dass wer die Diözese Mailand gut verwaltet, auch die Weltkirche führen kann. Dass die Weltkirche einen Leader benötigt, der nicht nur intellektuell, sondern auch verwaltungstechnisch auf der Höhe ist, der ein Politiker, ein Diplomat und vor allem durchsetzungsfähig ist, das sehen auch Scola und die meisten der in Rom versammelten wahlberechtigten Kardinäle so.

Der neue Papst, darin scheinen sich alle Würdenträger einig zu sein, muss Führungsqualitäten haben und die römische Kurie, unter Papa Ratzinger zu mächtig geworden, in die Schranken weisen. Dass der Neue auf dem Papstthron auch ein Konservativer sein wird, ist ebenso so sicher: Schließlich wurden alle Kardinäle, die ins Konklave einziehen werden, entweder von Wojtyla oder von Ratzinger ernannt. Bei der Wahl geht es also eigentlich nur um, wie es heißt, Feinheiten im Charakter der "papabili". Scola stellt dabei einen Kandidaten dar, der ganz in die Fußstapfen von Benedikt XVI. treten würde, aber ohne dessen Mangel an politischer Führungsfähigkeit.

Kardinal Marc Ouellet (dpa / picture alliance / Oliver Dietze)Kardinal Marc Ouellet (dpa / picture alliance / Oliver Dietze)Konservativ und intellektuell, er lehrte als Philosoph und Theologe, ist auch der 68-jährige Kanadier Marc Ouellet. Auch er kam schon früh in den Genuss der persönlichen Gunst von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. Ouellet war Erzbischof von Québec in Kanada und zuletzt Kardinalpräfekt der Kongregation für die Bischöfe sowie der Päpstlichen Kommission für Lateinamerika in Rom. Sein besonderes Augenmerk, erklärt er, sei die Jugend, die vor allem, so Ouellet, glaubensskeptische Jugend:

"Den ganzen Sinn meiner Berufung sehe ich darin, jungen Menschen dabei behilflich zu sein, im Leben einen Sinn zu finden, einen religiösen Sinn im Leben. Ich sah, als Bischof in Quèbec, dass die Jugend nicht mehr in die Kirche kommt und keine Kontakte mit ihr pflegt, also entschied ich mich, sie ganz direkt anzusprechen."

Nicht nur im Umgang mit jungen Menschen in Kanada war Ouellet erfolgreich, sondern auch im Umgang mit Bischöfen und Kardinälen in Lateinamerika, lehrte er doch einige Jahre als Professor in Kolumbien. Als "papabile" gilt Ouellet, weil er konservativ ist, das Vertrauen Ratzingers genießt, weil er mit jungen Leuten umgehen kann und aufgrund seiner früheren Tätigkeit in Südamerika die Stimmen süd- und nordamerikanischer Kardinäle auf sich vereinen könnte.

Kardinal Odilo Pedro Scherer (dpa / picture alliance / Sebastiao Moreira)Kardinal Odilo Pedro Scherer (dpa / picture alliance / Sebastiao Moreira)Das gilt auch für Odilo Pedro Scherer. Die Familie des Deutschbrasilianers kam Ende des 19. Jahrhunderts aus dem saarländischen Theley nach Brasilien. Scherer ist Erzbischof von Sao Paolo, der drittgrößten Diözese der Welt. Ein Machertyp und Intellektueller gleichzeitig. Auch er war Hochschulprofessor, bevor er zunächst Weih- und dann Erzbischof der brasilianischen Metropole wurde. Scherer gilt als einer der fähigsten Hirten seiner Kirche, darin seinem Kollegen Scola in Mailand nicht unähnlich. Für den Brasilianer muss der Papst zunächst einmal über pastorale Fähigkeiten verfügen:

"Wir müssen gute Hirten sein: In den Gemeinden, in katholischen Gemeinschaften, auf Seiten der Armen und sonst wie Benachteiligten. Ein Repräsentant Jesu muss ein guter Hirte sein."

Wie Scola und Ouellet fordert auch Scherer "Null Toleranz" im Umgang mit Priestern, die sich des Missbrauchs schuldig gemacht haben. Im Unterschied zu dem Mailänder Scola gehören der Kanadier und der Brasilianer zu jenen Kardinälen, die Einblick in den geheimen Vatileaks-Bericht erhalten wollen, um sich sicher zu sein, dass im Konklave niemand gewählt wird, der, egal wie, mit Verdächtigen unter einer Decke steckte.

Kardinal Gianfranco Ravasi (dpa / picture alliance / Fabio Frustaci)Kardinal Gianfranco Ravasi (dpa / picture alliance / Fabio Frustaci)Komplette Aufklärung in Sachen Missbrauch fordert auch ein anderer "pababile", der aber aus verschiedenen Gründen aus dem Rahmen fällt. Der 71-jährige, aber wesentlich jünger wirkende Gianfranco Ravasi zeichnete sich nie durch sein besonderes Interesse an pastoraler Tätigkeit aus. Er ist ganz Intellektueller und gefällt deshalb Joseph Ratzinger besonders gut, aber gleichzeitig auch ungemein kosmopolitisch, ganz Diplomat, ausgezeichneter Redner und offen für den Diskurs primär mit Nichtgläubigen:

"Es ist wichtig, vor allem heute, wo wir die Möglichkeiten der Informatik nutzen können, wo eine vereinfachte Sprache genutzt wird, dass wir die großen Werte des Lebens, nicht nur die der Religion, so zubereiten, dass sie auch von den Ohren junger Menschen im besonderen und von allen Menschen im allgemeinen aufgenommen werden."

Ravasi ist Bibelexperte, Theologe, Judaist und war zunächst Präfekt der Biblioteca Ambrosiana in Mailand, eine der an Originalhandschriften reichsten Bibliotheken der Welt, bevor er von Benedikt XVI. höchstpersönlich in das Amt des vatikanischen Kulturministers berufen wurde. Was Papa Ratzinger an Kommunikationsfähigkeit fehlte, das hat Ravasi im Überfluss. Er ist telegen, wortgewandt und hat mit der Gründung des "Cortile dei Gentili" eine internationale Kulturinitiative ins Leben gerufen, die Gläubige und Nichtgläubige auf höchstem Niveau zusammenbringt. Ravasi eröffnet den ersten vatikanischen Pavillon auf der nächsten Kunstbiennale in Venedig, fordert bekannte Künstler und Filmemacher dazu auf, sich mit religiösen Themen auseinanderzusetzen.

Ravasi wäre vielleicht der am besten geeignete Mann, um die Kirche mit neuem Elan in die Zukunft zu führen. Doch Ravasis kommunikative Qualitäten und seine Aufgeschlossenheit Nichtgläubigen gegenüber werden von seinen Kardinalsgegnern im Konklave als Anbiederung missverstanden. Ravasi ist ein Konservativer wie sie – aber will sich ganz offen auch unbequemen Fragen stellen: auch im Fernsehen, auch im Internet und sonst wo. Diese Offenheit könnte ihm allerdings im Konklave zum Verhängnis werden.

Vielleicht könnte deshalb Angelo Bagnasco Papst werden. Der 70-jährige Erzbischof von Genua gilt als aussichtsreichster Kompromisskandidat. Der studierte Philosoph und Atheismus-Experte ist Präsident der italienischen Bischofskonferenz. Bagnosco ist ein gewiefter Diplomat, der nicht gleich seine Meinung sagt, sondern eher schweigt und dann entscheidet. Er kritisierte in diesen Tagen, dass Debatten um Probleme in der Kirche in die Öffentlichkeit getragen werden:

"Hier riskiert man in Gefilde abzurutschen, die zu mondän sind, die zu politisch, zu soziologisch sind und die Fakten verzerren."

Bagnasco ist deshalb kein Freund jener US-amerikanischen Kollegen, die problematische Themen offen ansprechen wollen. Er ist damit ein typischer Repräsentant der italienischen Kirche - und die stellt, das sollte man nie vergessen, die größte Gruppe im Konklave.

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