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Wenn sich Kunst und Sport überschneiden

Giovanni Orelli: "Walaceks Traum", Limmat Verlag Zürich 2008, 174 Seiten

Das Paul-Klee-Zentrum in Bern: Auch um den Künstler geht es in dem Buch
Das Paul-Klee-Zentrum in Bern: Auch um den Künstler geht es in dem Buch (AP)

In Giovanni Orellis "Walaceks Traum" geht es um kleine und große Persönlichkeiten. Fiktive Gestalten kommen mit historischen Personen zusammen und sprechen mit ihnen – von Klee bis Russell, vom österreichischen Fußball-Stürmer Sindelar bis Hitler.

"Walaceks Traum" ist ein ungewöhnliches Buch. Ein ungewöhnliches, rätselhaftes, schwieriges und auf seine Weise wunderbares Buch. Es ähnelt mehr einer musikalischen Partitur als einem Roman.

Der italienischsprachige Schweizer Schriftsteller Giovanni Orelli entwirft ein schillerndes Assoziationsgewebe voller Brechungen und geht dabei von einem Bild Paul Klees aus, das 1938 entstanden ist. Am 19. April 1938, genau einen Tag nach dem Schweizer Pokalfinale zwischen Grasshoppers Zürich und Servette Genf in Bern, greift der Maler zur Sportseite der "Nationalzeitung" und benutzt sie als Leinwand für sein Gemälde "Alphabet 1".

Auf dem Zeitungsblatt erscheinen sämtliche Buchstaben des Alphabets und einige Hieroglyphen, die Giovanni Orelli als "Masken" bezeichnet. Sollte es sich um Zeichen einer Sprache handeln, die wir nicht mehr kennen? Die Hieroglyphen, die Entstehungsgeschichte des Bildes, die merkwürdige Überschneidung von Sport und Kunst – denn auf der besagten Seite ist die Mannschaftsaufstellung des Pokalendspiels festgehalten – Paul Klee, die Fußballspieler und etliche historische und fiktionale Gestalten werden zu Elementen der Geschichte, die Giovanni Orelli entspinnt.

Dabei gebiert jede Geschichte noch eine weitere Geschichte und jede weitere Geschichte mündet in eine neue Anekdote. Im Grunde verwendet Orelli dasselbe künstlerische Prinzip, nach dem auch Paul Klee verfahren ist: Er arbeitet mit Überlagerungen und stellt ein Palimpsest her, einen vielschichtigen Text, den man in vielerlei Richtungen deuten kann. Auch bei Paul Klee lässt sich die Schrift auf der Zeitungsseite trotz der neu gestalteten Oberfläche noch dechiffrieren: Zwischen den aufgemalten Zeichen und den Informationen über das Fußballspiel entsteht eine Relation.

Immer wieder gibt es kleine narrative Kapseln, Geschichten-Kerne, an denen man sich entlang hangeln kann. Ein Mann, der uns das gesamte Buch hindurch begleitet, ist der Stürmer Walacek aus dem Titel des Buches. Auf Klees Bild wird ausgerechnet sein Name durch ein "o", das ebenso gut eine Null sein könnte, durchtrennt: in Wala und Cek. Orelli berichtet von Walaceks Herkunft, seinem Werdegang, den Schwierigkeiten bei der Einbürgerung, seiner Spielphase in der Schweizer Nationalmannschaft.

Im selben Atemzug spekuliert der Autor über den Charakter des Zeichens. Steht es für ein Ei, für ein Oval, einen Blumenkranz, für Omega, für eine Null und das Nichts oder für das lange "Ohhh", das Stadionbesuchern bei knapp verpassten Toren entweicht? Es hagelt Mannschaftsaufstellungen der kuriosesten Art: Zum Beispiel eine Mannschaft aus lauter Malern mit Kokoschka und Kandinsky im Sturm und Grosz in der Verteidigung. Oder eine Mannschaft aus Philosophen und eine andere aus Größen der Schweizer Kulturgeschichte, in der Wilhelm Tell und Calvin und Gottfried Keller um die Wette kicken.

Immer wieder geben sich Dichter und Wissenschaftler ein Stelldichein. Dante ist ein häufiger Besucher der imaginären Gesprächsrunde, ebenso wie Leopardi und Ariost. Bertrand Russell ist plötzlich zugegen, der Wiener Psychoanalytiker Dr. Freud, schließlich ein Kollege Walaceks, der österreichische Fußballspieler Matthias Sindelar, der "Mozart des Fußballs", Mitglied der so genannten "Wundermannschaft" und Jude, der nach dem "Anschluss" an das deutsche Reich auf mysteriöse Weise ums Leben kam. In Orellis Buch dreht er immer wieder den Gashahn in seiner Küche auf.

Der Nationalsozialismus, die Haltung der Schweiz und die Lage der jüdischen Flüchtlinge in Europa liegen wir ein basso continuo unter der Erzähltextur. Neben Walacek tritt Klee selbst als Hauptfigur in Aktion, bewertet die Rückschlüsse auf sein Bild und gibt Deutungshinweise. Eine der schönsten Geschichten von Orelli ist die, wie Klees Asche vom Krematorium in Lugano nach Locarno gebracht werden soll. Ein Fahrer namens Cesare Rossi wurde beauftragt, die Urne auf dem Friedhof in Empfang zu nehmen und zu Klees Witwe nach Hause zu bringen.

Erst bei seiner Abfahrt fällt ihm auf, dass er keinen geeigneten Platz für den lose verschlossenen Tonkrug in seinem Lieferwagen hat. Schon bei der ersten Kurve könnte das Gefäß umfallen, fürchtet Rossi und nimmt deshalb kurzerhand eine junge Frau mit, die an der Bushaltestelle wartet. Sie erfüllt die Mission äußerst umsichtig und hält die Urne die gesamte Fahrt hindurch auf ihrem Schoß. Orelli, Jahrgang 1938, sein Leben lang Lehrer in der italienischen Schweiz, Verfasser mehrerer Romane und Gedichtbände, hat unbeirrbar seinen eigenen Weg verfolgt. "Walaceks Traum" entzieht sich den gängigen Kategorien: Es ist der Versuch, auf poetische Weise einen geschichtlichen Raum auszuloten.

Rezensiert von Maike Albath

Giovanni Orelli: Walaceks Traum
Prosa, Aus dem Italienischen übersetzt von Maja Pflug, Limmat Verlag Zürich 2008, 174 Seiten, 21 Euro

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