Seit 05:07 Uhr Studio 9
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 05:07 Uhr Studio 9
 
 

Lesart / Archiv | Beitrag vom 15.02.2016

Wenn Politikerinnen schreibenWelterfahren, geerdet und ein bisschen cool

Von Arno Orzessek

Julia Klöckner (r) und  Malu Dreyer (picture alliance / dpa / Foto: Fredrik Von Erichsen)
CDU-Oppositionschefin Julia Klöckner (r) am 16.12.2015 im Landtag in Mainz (Rheinland-Pfalz) mit der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD, M). (picture alliance / dpa / Foto: Fredrik Von Erichsen)

Julia Klöckner bezeichnet sich als "geländegängigen Typ". Und Malu Dreyer hört coole Musik. Im Wahlkampfendspurt präsentieren sich die beiden rheinland-pfälzischen Spitzenkandidatinnen auch als Autorinnen.

Man musste kein Wahlkampfexperte sein, um es vorauszusehen: Beide Kandidatinnen geben sich freundlich und zugewandt, gebildet und geerdet, welterfahren, lebensklug und realistisch; kurz: putzmunter und patent.

Aber konkurrieren sie wirklich im selben Bundesland um den Job der Ministerpräsidentin?

Malu Dreyers Rheinland-Pfalz ist unermesslich attraktiv; Julia Klöckners Rheinland-Pfalz dagegen ein ramponiertes Opfer von SPD-Nullen wie Dreyer und deren Vorgänger Kurt Beck; Stichwort: Nürburgring-Desaster.

Immerhin: Den Rheinland-Pfälzern selbst, vulgo: den Wählern und der Wirtschaft, schmieren beide Honig um den Mund. Ansonsten fallen die Unterschiede auf.

CDU-Frontfrau Klöckner lässt sich im Vorwort als "Ausnahmeerscheinung" feiern, als jene Person, die auf Parteitagen mehr als alle anderen von Kameras umlagert wird - "außer die Kanzlerin vielleicht", wie es generös heißt.

Im Gespräch selbst - das ganze Buch ist ein Gespräch mit den Journalisten Volker Resing und Martin Rupps - geht's kalkuliert kontrovers zu. So kann Klöckner klare Kante zeigen - Glaube, Familie, Bio-Ethik, Flüchtlinge ... -, dabei keck wie immer, aber in puncto Narzismus wohltemperiert.

Als hätte sie jemand verdächtigt, erklärt die Ex-Chefin des Rebensaft-Fachblatts Sommelier-Magazins, warum sie keine Widergängerin Karl-Theodor zu Guttenbergs ist - und auch kein "Shitstorm auf Pumps", wie ein Sozi frech behauptet hat.

So weiß man rasch, was Klöckner nicht ist - allein, was ist sie?

Julia Klöckner: "Ich bin eher der geländegängige Typ. Zwischen Gummistiefeln und Pumps, zwischen humorvollen Weinfesten und akribischer Schreibtischarbeit, zwischen Tradition und Moderne."

Dass jetzt aber keiner denkt, Klöckner säße zwischen allen Stühlen!

Klöckner: "Politisch schlägt mein Herz in der Mitte."

Malu Dreyer - geboren als Marie-Luise, was ihr aber nicht chic genug war ... - erzählt als erstes, ihre jungen Mitarbeiter seien bas erstaunt gewesen, sie beim Bob-Dylan-Konzert zu treffen.

Offenbar setzt Dreyers Ghostwriter Hajo Schumacher darauf, dass auch die biederen Leser staunen: Oh, die SPD-Ministerpräsidentin hört coole Mucke live!

Dabei hat Malu nun wirklich mit allem Menschlichen einen Pakt fürs Leben geschlossen.

Das beweisen 300 Seiten voller Seele und Sorge, Bekenntnis und Verständnis, Kompetenz und Fairness, feministischem Engagement und Sportsgeist trotz MS-Erkrankung. Dreyer: eine Frau mit unzähligen guten Eigenschaften.

Und bitte, niemand verachte ihr reinliches Ethos!

Malu Dreyer: "Es gibt Zyniker, die herablassend lächeln über sogenannte Gutmenschen. Ich verabscheue diese Art der Diskriminierung. Wollen wir uns etwa 'Schlechtmenschen' als gesellschaftliches Vorbild nehmen?"

Eine rhetorische Frage. Man müsste sie hartnäckig bejahen, damit Dreyer dämmert: Auch außerhalb ihres sozialdemokratischen Horizonts gibt es diskutable Werte ...

Wie etwa Klöckners christlichen Konservatismus, der weit weniger staatsgläubig, allerdings auch kühler daherkommt als Dreyers gesellschaftliches Wärme-Programm. -

Apropos Rhetorik! Wer zu allem etwas sagen muss, greift verständlicherweise oft und gern auf das beliebteste Service-Angebot unserer Sprache zurück: die Phrase.

Klöckner: "Zum Leben gehören Erfolge und Misserfolge. [...] Politiker sind keine Übermenschen",

räumt Klöckner ein. Dreyer aber verkündet:

"Es gibt noch viel zu tun, zu erleben, zu verbessern."

Ob die Bücher auch jenseits von Rheinland-Pfalz Kassenschlager werden?

Nun, beide haben Lob verdient: Klöckners Werk, weil es so schlank ist, der politisch-biografische Meinungs-Roman Dreyers aber, weil er nicht dicker ist.

Malu Dreyer: Die Zukunft ist meine Freundin: Wie eine menschliche und ehrliche Politik gelingt
Bastei Lübbe, München 2015. 320 Seiten, 22 Euro

Julia Klöckner: Zutrauen! Ideen statt Ideologien - Was mir in der Politik wichtig ist
Herder Verlag, Freiburg 2015. 192 Seiten, 19,99 Euro

Lesart

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur