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Thema / Archiv | Beitrag vom 22.07.2009

Wenn Kinder zu Eltern ihrer Eltern werden

Henning Mielke: Kindern von Suchtkranken brauchen Hilfe aus sozialem Umfeld

Henning Mielke im Gespräch mit Ulrike Timm

Wenn die Eltern zu trinken anfangen, wird für ihre Kinder das Leben schwer. (AP)
Wenn die Eltern zu trinken anfangen, wird für ihre Kinder das Leben schwer. (AP)

Wenn Eltern suchtkrank werden, übernehmen häufig die Kinder deren Aufgaben. "Das ist verkehrte Welt", sagt Henning Mielke vom Verein NACOA, der sich für mehr Aufmerksamkeit für die Nöte dieser Kinder einsetzt. Wichtig sei es, über andere Bezugspersonen wie Hort-Erzieher oder Lehrer die Kinder zu unterstützen. Diese Kinder seien häufig in Gefahr, selber süchtig zu werden.

Ulrike Timm: Und im Studio zu Gast ist jetzt Henning Mielke vom Verein NACOA, der sich um Kinder und Jugendliche suchtkranker Eltern kümmern und vor allem auch auf deren Schicksal aufmerksam machen will. Schönen guten Tag, Herr Mielke!

Henning Mielke: Hallo!

Timm: War das ein typisches Beispiel eben im Beitrag?

Mielke: Ja, das ist ein typisches Beispiel. Also dieses krankhafte Helfen, das Versuchen, die Eltern zu retten, das ist etwas, was die Kindheit dieser Kinder sehr kennzeichnet.

Timm: Und das einzig Berechenbare an so einer Kindheit ist die Unberechenbarkeit?

Mielke: Das ist häufig der Fall. Also Alkoholismus und andere Süchte haben in jeder Familien ein anderes Gesicht. Manchmal sind die Eltern durchaus in der Lage, den äußeren Rahmen sehr gut sicherzustellen, in anderen Familien ist es das schiere Chaos, aber was sicherlich ein Kontinuum ist, ist, dass die Eltern für die Kinder in emotionaler Weise nicht zuverlässig da sein können.

Timm: Der Satz des jungen Mannes, der mich eben am meisten erschüttert und auch ein bisschen durcheinandergebracht hat, ist der: Das macht man dann als Kind. Also die Kinder sind verantwortlich für die Eltern und nicht umgekehrt. Solche Situationen sind dann die Regel?

Mielke: Ja, das ist verkehrte Welt. Es ist wirklich häufig so, dass die Kinder zu den Eltern ihrer Eltern werden.

Timm: Wie kommt das, dass die Fassade so perfekt gelingt, dass weder Nachbarn noch Lehrer noch Ämter dahinterkommen, häufig zumindest?

Mielke: Es ist ja eine existenzielle Geschichte. Wenn in unserer Gesellschaft jemand ein Suchtproblem hat, dann ist das für viele gleichbedeutend mit einem gesellschaftlichen Tod. Insofern gehen die Leute wirklich in die Camouflage, sie versuchen nach außen alles Mögliche vorzuspiegeln, damit niemand draußen auf die Idee kommt, hier gäbe es ein Problem. Und die Kinder machen mit. Die müssen teilweise noch nicht mal gesagt bekommen, dass das so ist, das machen die teilweise wirklich von sich aus, weil sie spüren, dass das notwendig ist.

Timm: Und wann zerbricht die Camouflage, von der Sie sprechen, bei einem Kind, bei einem Jugendlichen, wann geht das zu Bruch?

Mielke: Das kann sehr, sehr lange gehen. Das kann sehr lange gehen. Also bei dem gehörten Beispiel ging es halt wirklich so weit, dass der Jugendliche selber in eine Sucht gegangen ist und eigentlich, als es dann erst für ihn nicht weiterging, als er gesehen hat, sein eigenes Leben ist in Gefahr und er sich Hilfe gesucht hat, da hat er sich die Sachen dann auch angeschaut.

Timm: Herr Mielke, Sie bringen in diesen Verein NACOA, über den wir gleich auch sprechen wollen, Ihre eigenen Erfahrungen mit hinein, Sie sind bei Alkoholiker-Eltern aufgewachsen. Wann haben Sie denn selber begonnen, Ihre Lage zu durchschauen?

Mielke: Das war sehr spät bei mir. Also ich komme aus einer recht bürgerlichen Familie, da fand das alles sehr gesittet und unter der Decke statt, und es wurde vor allem auch vor mir als Kind nie darüber gesprochen. Meine Mutter wollte mich da sicherlich schützen, hat deswegen die Alkoholproblematik des Vaters nie angesprochen, und meine Mutter hatte selber ein Suchtproblem, sie war nämlich tablettenabhängig.

Timm: Und Kinder sind die loyalsten Menschen, die es gibt, sie lieben ihre Eltern, weil sie keine anderen haben auch, sie kennen es nicht anders.

Mielke: So ist es, ja.

Timm: Hat Ihnen denn jemand geholfen?

Mielke: Ohne zu wissen, haben mir viele Menschen geholfen. Also an erster Stelle meine Großmutter, die einfach für mich da war. Da habe ich also ganz viel, was ich in dem doch eher gefühlskalten Klima meiner Kernfamilie nicht bekommen habe, bei ihr bekommen. Und dann, nachdem sie tot war, waren häufig auch Lehrerinnen, Lehrer oder auch eine Horterzieherin ganz wichtig für mich.

Timm: Bei Ihnen ist es gut ausgegangen, Sie sitzen jetzt sehr lebensfroh und auch sehr reflektiert hier im Studio und der Stefan im Beitrag hat die Kurve auch gekriegt. Ist das die Regel oder ist das Glück?

Mielke: Das ist Glück. Ich würde sagen, die wenigsten schaffen den Weg in das Hilfesystem, dass sie selber eine Therapie machen oder dass sie in die Selbsthilfe kommen. Das ist eher die Ausnahme. Die meisten merken irgendwann so zwischen 20 und 30, mit meinem Leben stimmt irgendwas nicht, und ja, bleiben da stecken. Es ist ein großes Glück, wenn man dann erfährt, Mensch, da gibt's spezielle Gruppen, da gibt's auch therapeutische Angebote, die man wahrnehmen kann. Und unser Verein möchte halt gerne die Chancen ein bisschen erhöhen, dass Menschen, die davon betroffen sind, davon erfahren: Es gibt Hilfe.

Timm: Deutschlandradio Kultur, das "Radiofeuilleton". Kinder suchtkranker Eltern haben ein hammerhartes Leben, so heißt es auf der Website von NACOA. Initiator Henning Mielke ist zu Gast hier im Studio. Herr Mielke, was genau macht denn NACOA?

Mielke: Wir machen in erster Linie Öffentlichkeitsarbeit, das, was ich eben sagte, wir möchten gerne die Chancen erhöhen, dass Menschen, die davon betroffen sind, erfahren, es gibt Hilfe - das ist das eine. Das andere ist, die jungen, die kleinen Kinder, die können sich noch nicht selber helfen, da brauchen wir erwachsene Mitstreiter, die uns helfen, diese Kinder zu erreichen. Denn die Familien machen dicht, die sagen, wir haben kein Problem, insofern sind die Kinder häufig wirklich Geiseln der Sucht und für das Hilfesystem sehr schwer erreichbar. Deswegen ist es ganz wichtig, dass wir Lehrer, Lehrerinnen, Erzieher, Erzieherinnen, Menschen, die im Gesundheitsbereich mit Kindern arbeiten oder in der sozialen Arbeit mit Kindern arbeiten, für diese Thematik sensibilisieren.

Timm: Und was heißt NACOA genau überhaupt?

Mielke: Das heißt National Association for Children of Alcoholics, klingt sehr deutsch ...

Timm: Da ist NACOA besser.

Mielke: Es kommt aus den USA. Wir haben dort eine Partnerorganisation, die diese Arbeit bereits seit Mitte der 80er-Jahre macht, und wir haben uns neben dem Ableger NACOA UK in Großbritannien 2004 als dritter Zweig gegründet.

Timm: Sie haben eine Website, die sich an Kinder und Jugendliche direkt wendet. Aber wenden sich die Betroffenen selbst an so einen Verein?

Mielke: Es sind meistens die Menschen, die als Lehrer oder Erzieher mit den Kinder zu tun haben. Die rufen uns am häufigsten an und sagen, Mensch, ich hab da 'nen Fall, oder auch die Jugendämter melden sich und sagen, wir haben hier ein Kind, was können wir denn jetzt machen. Also da ist häufig auch eine ganz große Unsicherheit im Umgang damit, wie kann man dem Kind jetzt helfen und wo gibt's eine Adresse, wo man das Kind auch hinschicken kann.

Timm: Ja, und wie kann man dann helfen? Ich meine, eine Familie ist da, ein Kind liebt seine Eltern, wie immer sie sind, wie kann man da helfen?

Mielke: In erster Linie ist es wichtig, dass in Schule und Kindergarten die Kinder einen sicheren Ort haben, dass einfach Lehrer und Erzieher da sind für sie, dass sie ihnen zuhören, dass die Kinder Vertrauen zu ihnen entwickeln können, und ihnen auch signalisieren, du bist ein wertvoller Mensch, du hast Fähigkeiten, ich nehme dich wahr und ich glaube an dich. Das ist ganz wichtig, denn die Eltern können das häufig in dem Maße nicht tun.

Timm: Das ist unheimlich viel, aber reicht das?

Mielke: Klar, gemessen an einer normalen Familie könnte man meinen, das reicht nicht, aber es sind Faktoren, die den Kindern wirklich helfen, nicht in die Suchtspirale selber abzurutschen.

Timm: Was meinen Sie, welche Chancen haben Kinder aus Suchtfamilien, es trotz alledem zu schaffen und im besten Fall sogar glückliche Menschen zu werden? Wie groß sind die?

Mielke: Also es gibt da so ein paar Zahlen. Man sagt, ein Drittel der Kinder wird später selber suchtkrank, ein Drittel der Kinder heiratet später oder lebt zusammen mit einem anderen suchtkranken Menschen und lebt damit im Grunde genommen das weiter, was es in der Kindheit erlebt hat, und das letzte Drittel, da wird so gesagt, die gehen einigermaßen unbeschadet aus der Situation hervor. Ich bezweifle das immer ein bisschen, ich denke, die leiden unauffälliger, die haben dann psychosomatische Probleme oder sie haben Depressionen oder haben Schwierigkeiten im Arbeitsleben oder mit Beziehungen.

Aber fest steht: Es gibt Kinder mit einer relativ robusten Psyche, die das tatsächlich gut wegstecken können, die haben dann aber in der Regel auch wirklich Menschen in ihrer näheren sozialen Umgebung, die sie unterstützen wie diese genannte Großmutter oder die Erzieherin.

Timm: Henning Mielke, vielen Dank für Ihren Besuch hier im Studio. Ich wünsche Ihnen alles Gute und viel Kraft. Und ich sag noch mal die Website der Initiative: Das ist www.nacoa.de, NACOA mit C, und betroffene Kinder und Jugendliche, die können sich vielleicht auch mal umschauen auf der Website traudich.nacoa.de, "traudich" in einem Wort und NACOA auch da mit C. Vielen Dank!

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