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Die Reportage / Archiv | Beitrag vom 19.10.2008

Wenn Kinder Kinder kriegen

Teenagerschwangerschaften in Deutschland

Von Isabella Kolar

Kinderwagen (AP)
Kinderwagen (AP)

"Ungewollt schwanger - das passiert mir nicht". So oder ähnlich denken die meisten Jugendlichen. Doch in jedem Jahr kommen in Deutschland etwa 12.000 Frauen zwischen 10 und 18 Jahren in diese Situation. 40 Prozent der schwangeren minderjährigen Teenager entscheiden sich für das Kind, 60 Prozent entscheiden sich für einen Abbruch.

Mutter: "Ich habe meine Bedenken gehabt, ob sie es allein schafft. Und da bin ich ja noch zum Glück und zum Glück hat sie ja noch die andere Oma, die haben ihr dann auch noch geholfen und das ging dann auch. Also bis jetzt haben wir es eigentlich gut hingekriegt."

Vater: "Auch wenn’s auch nicht so mein Dinge ist, so verhüten, solche komischen Dinger da drüber zu ziehen, aber na ja, muss ja nicht noch eins kommen, zwei reichen erst mal."

Tochter: "Na ja, ich habe mir schon gedacht, ich bin viel zu jung dafür, aber in dem Sinn war's mir eigentlich egal. Mir ist es eigentlich heute noch egal und wenn ich zwölf gewesen wäre, ich hätte es trotzdem ausgetragen, na ja, meine Mutti hilft mir schon, zumindestens hat sie es mir angeboten und dann macht sie's auch."

Maria lacht und schaut liebevoll auf ihre kleine Tochter: Jasmin ist erst 15 Monate alt, aber sie steht mitten in der Küche und schreit in ihrem himmelblauen Strampler schon wie eine ganz Große, bis das runde Gesicht unter den hellbraunen Locken rot anläuft. Erfurt Ost, die Konrad Zuse Straße, ein grauer Plattenbau, zweiter Stock, eine helle freundliche Wohnung. Hier wohnen auf 110 Quadratmetern sechs Personen: die 15-jährige Maria mit ihren beiden Kindern und ihrem Freund sowie ihre 32-jährige Mutter und deren Partner. Mit zum gemeinsamen Haushalt gehören vier Baby-Hamster, eine Spinne, eine Schlange, ein grüner Kleinpapagei, Senta, ein Schäferhund-Husky-Mischling und Kira, eine Rottweiler-Hündin. Es ist später Vormittag, die Familie sitzt in der Küche am Fenster um einen großen runden Holztisch, helle Sonnenstrahlen scheinen auf die halbvollen Kaffeetassen. Draußen der Blick auf den nächsten Wohnblock, eine Schnellstraße, ein paar Bäume auf einer Wiese. Maria, das hellblond-gefärbte Mädchen mit dem doppelten Piercing in Lippe und Zunge wirkt reif und selbstbewusst für ihr Alter, drückt die Zigarette energisch aus. Sie ist 13, als sie das erste Mal schwanger wird.

Maria: "Mit 13 schwanger zu sein ist zwar nicht gerade toll, aber ich habe mich eigentlich auch gefreut, weil na ja, man sagt zwar, junge Mütter sind zwar schlecht, aber die sind eigentlich die besten Mütter, die es überhaupt gibt. Weil, man ist zwar nicht alt, aber wenn die Kinder jetzt sieben sind, dann ist man trotzdem noch jung und kann man noch alles mitmachen und kann man rutschen gehen und so albern oder wie auch immer alles mitmachen und da braucht man sich auch gar nicht schämen, als wie man jetzt 35 ist, da ist das ja ein bisschen blöd, wenn man mit rutschen geht und so, das kann man ja mit 18 oder 19 immer noch machen. Ja und das ist eigentlich ganz gut, auch wenn andere ein bisschen doof drauf reagieren, ich finde es gut so."

Zärtlich stupst sie ihrer Tochter mit dem Zeigefinger in den Bauch. Die Hauptschule bricht Maria damals ab, obwohl sie die Beste in ihrer siebten Klasse war, wie sie fast wehmütig feststellt. Wieder in die Schule muss sie erst im nächsten Jahr, wenn die Erziehungszeit für den vier Monate alten Janik zu Ende ist. Janik, ihr zweites Kind. Denn: nur drei Monate nach der Geburt von Jasmin ist Maria wieder schwanger.

Janik liegt gut verpackt in einem blau-weißen Strampler auf einer Matte mitten in der Küche, richtet die blauen Augen neugierig auf die bunten Plastikfiguren, die direkt über seinem Kopf baumeln: erwischt er sie mit seinen kleinen Händen ertönt eine Melodie.

Maria: "Wenn man halt schon auf der Straße ist, da gucken sie einen schon dumm an, da kommt so ne Junge mit so einem doppelten Kinderwagen, weil man ja schon zwei hat, na ja und dann kommen halt nicht gerade gute Blicke rüber. Aber ich nehme es gelassen. Na ja an meiner alten Schule eigentlich, da haben sie eigentlich ganz gut drauf reagiert. Der eine wollte sogar, au ja, da kommen sie mal vorbei und dann kann ich die Kleine ja mal füttern und mal wickeln. Auch meine Lehrerin, die hat extra Söckchen für Jasmin gestrickt gehabt und das war eigentlich ganz toll. Die haben sich eigentlich alle mitgefreut, haben alle ganz gut reagiert."

Maria lächelt vorsichtig, streicht ihre blonden Haare hinters Ohr, ihre blauen Augen hat sie mit schwarzem Mascara geschminkt, eine 15-Jährige, die auch für 17 durchgehen würde. Neben ihr am Tisch sitzt Ines Tschilan, die 32-jährige Mutter: das orangene Schlabber-T-Shirt wölbt sich deutlich über ihrem Bauch, sie ist gerade selbst wieder im neunten Monat schwanger von einem neuen Partner. Maria hat keinen Kontakt zu ihrem Vater, er geht als sie sechs Jahre alt ist. Der Blick ihrer Mutter durch die randlose Brille wirkt müde, als sie erzählt, wie sie damals reagiert, als die Tochter die Schwangerschaft beichtet.

Mutter: "Ja, erst war ich entsetzt gewesen, aber dann habe ich gesagt, dass kriegen wir auch noch durch, weil ich habe sie ja damals auch mit 17 bekommen. Gut mit 13 ist ein bisschen jung, aber habe ich gedacht, kriegen wir schon durch, geht schon. Beim zweiten Kind war ich ein bisschen erschrocken, wo sie dann noch mal schwanger war, wo sie dann, Jasmin hat sie dann erst bekommen und drei Monate später kommt sie mir: ich bin wieder schwanger. Da habe ich dann alles in die Wege geleitet, dass sie überhaupt Verhütung und alles macht. Wollten ja auch schon vorher, dass sie Verhütung eh sie überhaupt Jasmin hatte und ich weiß nicht was, wollten die Pille holen und da war sie dann doch schon schwanger und dann braucht sie die Pille ja nicht mehr zu nehmen. Die hatte ja schon seit der ersten Klasse hatten sie ja Sexualunterricht und alles gehabt. Die war schon vorher aufgeklärt, ich brauchte eigentlich nichts zu sagen, sie wusste schon alles vorher."

Die Tochter nickt zustimmend, rutscht auf ihrem Stuhl nach vorne.

Maria: "Ich wurde aufgeklärt schon seit der ersten Klasse, aber das habe ich anscheinend nicht so ernst genommen, aber ich bin auch nicht traurig drüber, dass ich es nicht eingehalten habe, weil eigentlich bin ich ganz glücklich, dass ich auch zwei Kinder habe. Besser als wie in der Stadt rumzulaufen und irgendwelchen Blödsinn anzustellen. Lieber Kinder erziehen als wie irgendwelchen Blödsinn zu machen und auf dem Polizeirevier sitzen."

Die junge Mutter steht auf, geht zu Janik, hebt ihn hoch, beide lachen sich fröhlich an. Soeben kommt der Vater der Kinder, Marias Freund Manfred durch die Küchentür, setzt sich, streckt die Beine aus und seufzt. Der 18-Jährige hat keinen Schulabschluss, ist arbeitslos, mal hier ein Job mal da, er lebt teils bei seiner Mutter, teils bei Maria. Ihren ersten Freund hat sie mit elf, aber das war keine Liebe, mit Kindern ist das was anderes, sagt sie heute altklug. Der Freund redet über sein Familienleben mit der Freundin, stundenweise, tageweise, wie es der Plan erlaubt.

Vater: "Wir haben uns sehr oft mal in den Haaren, weil wir uns da streiten und da streiten. Manchmal bereue ich auch, dass die Kinder da sind und manchmal nicht, hm. An die Zukunft denk ich noch gar nicht, noch nicht."

Verhütet haben sie nicht, "wir haben es auch ein bisschen drauf ankommen lassen", sagt Maria heute, schaut nachdenklich in die Runde. Abtreibung kommt damals für beide nicht in Frage, sagt Freund Manfred, ballt dabei die rechte Hand zur Faust.

Vater. "Ja, wenn's passiert, dann passiert's halt, da lass ich mir von keinem reinreden, weil abtreiben ist auch nicht so mein Fall. Das ist Kindermord. Das habe ich gleich zu ihr gesagt: abgetrieben wird nicht. Hört man ja, was jetzt im Fernsehen alles kommt hier: erst wollen sie Kinder haben, dann schmeißen sie sie in die Kühltruhe oder so ein Scheiß."

Seine Freundin betrachtet liebevoll ihr Baby Janik.

Maria: "Es war ganz klar: ich bekomm's. Also mit Abtreibung kommt mir gar nicht in Frage, aber jetzt, na ja, wenn ich jetzt noch mal schwanger werden sollte, zum dritten Mal, so, dann wär's vielleicht mal eine Frage, abtreiben zu lassen, aber es wird gar nicht dazu kommen noch mal schwanger zu werden, ne. Weil ich die ganze Sache nicht noch mal mitmachen möchte, überhaupt die Geburt und ich bin auch froh, wenn sie endlich anfangen, aufs Töpfchen zu gehen oder endlich alleine essen und so. Ich möchte ja auch irgendwann mal meine Ruhe haben, weil Kinder sind anstrengend."

Die jungen Eltern schauen sich über den Tisch hinweg kritisch an. Manfred, der sportliche junge Mann mit dem kurzen blond gefärbten Stoppelhaarschnitt wendet den Blick ab. Er streicht Jasmin über die kleinen Locken, fast täglich sieht er seine Kleinen. Und philosophiert auch gerne über den Umgang der Gesellschaft mit Kindern.

Vater: "Deutschland hat zu wenig Kinder. Und da kapier ich nicht, warum die meisten, sagen wir mal die Rentner, sich da aufregen, warum die Jungen jung schon Kinder kriegen. Weil wenn man's in der Stadt sieht, glotzen die Rentner auch immer so: oh, schon zwei Kinder, oh, schon so jung, das geht mir so dermaßen am Arsch vorbei. Weil, wie sagt man dazu, die waren früher auch mal klein und da haben sie eigentlich sich da raus zu halten. Wo ich 15 war, da war ich mit meinem Neffen unterwegs, da hat mich auch so eine ältere Frau angesprochen, wie alt sind sie? Ich sag 15. Ist das ihr Kind? Fing ich an: ne noch nicht. Da hat sie auch blöd geglotzt. Also das, was die alten Leute sich rausnehmen oder sagen zum Beispiel zu jungen Müttern, sie sind unerfahren, die jungen Eltern wissen sogar manchmal mehr als die Alten."

Halb eins, Zeit zum Mittagessen, Maria zieht einen Teller Fertiggulasch mit Kartoffeln für Jasmin aus der Mikrowelle. "Frisch wäre besser", murmelt sie in sich hinein. Löffel für Löffel verschwindet in dem kleinen hungrigen Mund, Jasmin reckt sich im Kinderstuhl, grinst, es schmeckt.

Halbjährlich schaut das Jugendamt jetzt vorbei, Maria bekommt 845 Euro im Monat zum Leben für beide Kinder, Kindergeld, Unterhalt, Elterngeld und Arbeitslosengeld zwei. Die Miete zahlt das Arbeitsamt, der Strom geht extra. Trotzdem, große Sprünge sind da nicht drin, betont die junge Mutter, Essen, Spielzeug, Anziehsachen und Windeln für die Kleinen gehen ins Geld. Bei beiden Schwangerschaften geht Maria zur Beratung zu dem überwiegend von Katholiken gegründete Verein Donum Vitae, nicht gezielt des Glaubens wegen, sondern eher zufällig, sagt sie und lächelt
entschuldigend.

Maria: "Die hat mich beraten, dass ich aufs Arbeitsamt gehen kann als ALG 2 mich zu beantragen und dass ich Kindergeld beantragen kann. Hat mich halt über alles aufgeklärt wie Elterngeld, Unterhalt und so was. Ich habe auch zu ihnen gesagt, ich will's kriegen und das ich das auch durchziehe und das es anscheinend auch keine Probleme macht. Na gut, danach war's halt schon ein bisschen anstrengend, weil es muss ja erst mal angewöhnt werden, dass man für es aufsteht und dass man auch wickeln muss und dass man auch alles Mögliche machen muss, Erziehen ist ja auch nicht leicht. Aber ich habe gesagt: ich mach's, und dann mach ich es auch."

Vor dem obligatorischen Mittagsschlaf entkommt Jasmin ihrer Mutter und rennt samt Spielzeugpferd an Hund, Vogel und Hamstern vorbei ins Kinderzimmer:
Dort steht eine große Wanne mit bunten Plastikbällen, Jasmin taucht erst mal ab, Maria immer hinterher.

Maria: "Na ja, es war schon ein bisschen doof, dass ich halt das und das jetzt nicht mehr machen kann, aber wenn ich jetzt zum Beispiel in die Disco gehen möchte oder so, wenn ich möchte, aber, dann kann ich ja vielleicht auch mal meine Mutti fragen oder sonst jemanden, aber das wird denke ich nicht vorkommen. Aber es ist zwar schon schlimm gewesen, dass ich halt nichts mehr machen kann, dies und das und was ich halt gerne mache, aber ich find's aber auch schön mit Kindern halt zu spielen, das ist viel besser."

Die schwangere Großmutter lehnt an der Tür und schaut ein bisschen stolz auf Tochter und Enkelin.

Mutter: "Also vom Jugendamt wird immer gesagt, dass sie sich besser benimmt als wie die Erwachsenen. Also da wird sie schon ein paar Mal gelobt hier, dass sie reifer ist als die Erwachsenen. Gut, sie kauft ein für die Kleinen, die gibt pünktlich den Kleinen was, wird auch immer trocken gemacht, sie kauft öfters was ein für die Kleinen, also wenn sie in die Stadt geht und will sich was kaufen, kommt sie grundsätzlich für die Zwei bringt sie was mit. Na gut, wir sind ja auch noch da, mein Schatz und ich und da helfen wir auch, wo's geht. Sie hat schon ihre Freiheiten, genug."


Ortswechsel. Das Telefon steht kaum still in der Pro-Familia-Zentrale in der Kalckreuthstraße in Berlin-Schöneberg. Vierter Stock, dunkelgrauer Teppich, großzügige helle Räume, im Wartezimmer ein Schaukelpferd, Mädchen blättern gelangweilt in Modemagazinen, den Blick immer zur Tür, reges Treiben auf den Gängen. An der großen Pinwand im Sekretariat hängen Visitenkarten, Kontaktadressen: ein großes interkulturelles Team von 18 Sozial- und Sexualpädagogen, Ärztinnen und Psychologinnen berät hier junge und ältere, verzweifelte und zielstrebige Frauen in der Schwangerschaft. Einmal in der Woche gibt es eine Jugendsprechstunde und immer sind zwei oder drei minderjährige Schwangere dabei. Heute ist so ein Tag, Petra Winkler, Sexualpädagogin, ist erschöpft, drei Mädchen hat sie beraten, fünf warten noch, sie betritt hektisch das Sekretariat, gebräunt unterm Türkis-Top, energisch spricht sie, schnell und viel.

Winkler: "In der Regel lösen die Panik aus mit ihrer frühen Schwangerschaft in der Erwachsenenwelt, so einfach kann ich das sagen. Panik bei Lehrern, bei Müttern, bei Vätern, bei der Familie, beim Freund. Und dann kann das sein, auch so eine Situation, die ich manchmal auch beschmunzele, hier in der Beratung kommt die ganze Familie an mit dem Mädel. Also ich hatte da schon Mutter, Vater, Freund von dem Mädchen, das Mädchen und dann noch Mutter vom Freund. Die sitzen hier alle im Wartezimmer. Das Mädel verschwindet in dieser Masse der Menschen, die um sie rum agieren. Und das muss man dann, erst mal, sag ich mal, ein bisschen lichten in der Beratung und wieder den Fokus auf das Mädchen, damit die überhaupt mal nachdenken kann. Also aus dieser Paniksituation, Krise in der Familie überhaupt mal einen freien Kopf kriegt, ein bisschen einen freien Kopf kriegt, um zu überlegen: was mach ich denn jetzt?"

Die Pro-Familia-Beraterin hebt die Hände, zuckt mit den Achseln, der Blick geht an die Decke. Die Frau mit den langen blonden Haaren und den strahlend blauen Augen hat jede Woche eine minderjährige Schwangere in ihrer Sprechstunde. Die meisten kommen auf Druck, selten auf eigene Initiative, sagt sie, hauptsächlich 14 bis 17-Jährige, wenige 12- und 13-Jährige. In 90 Prozent der Fälle geht es um ungeplante Schwangerschaften, die meisten leben in festen Beziehungen. Petra Winklers feingliedrige Hände liegen nur kurz auf dem bunten Rock, um gleich wieder gestikulierend hochzuschnellen.

Winkler: "Die müssen ja hier nicht mit einem Ergebnis rausgehen, das finde ich ganz wichtig, ja. Es ist ja nicht sozusagen Anspruch der Beratung, dass wir hier das Gesamtpaket klären, sondern dass wir Teile dessen, was das Mädchen beschäftigt klären. Und eins ist wichtig, wenn sie einen Schwangerschaftsabbruch in Erwägung zieht, sie muss ihn ja nicht durchführen lassen, braucht sie aber die vorgeschriebene Beratung und auch einen Nachweis darüber. Und das ist ja schon mal eine Sache, die dann erledigt ist: die geht hier immer mit einem Beratungspapier raus. Ja, das ist auch gesetzlich so vorgeschrieben, d.h. der Weg ist offen, falls sie das möchte. Sie kann dieses Papier, sag ich den Mädels auch, wegschmeißen, wenn sie's nicht braucht."

Sie springt auf, beugt sich über den Terminkalender, um 11 Uhr 30 kommt das nächste Mädchen, 17 Jahre, 4. Woche. Zwei Drittel der ungewollten Jugendschwangerschaften sind die Folge von Anwendungsfehlern bei Pille und Kondom. Laut einer aktuellen Pro-Familia-Studie für die 1800 junge Schwangere befragt wurden, entscheiden sich 60 Prozent der Mädchen für einen Abbruch, 40 Prozent entscheiden sich, die Schwangerschaft auszutragen. Die
Pro-Familia-Mitarbeiterin geht zum Schreibtisch, greift in die unterste Schublade. Seit 2001 sinkt die Zahl der Jugendschwangerschaften, bei der Gruppe der 15 bis 17jährigen werden derzeit sieben bis acht von tausend pro Jahr schwanger. Petra Winkler steht jetzt am Fenster, sichtet ihre Unterlagen, schaut kritisch.

Winkler: "Wenn die Mädchen hören: Kindergeld 153, Elterngeld 300, Unterhalt sag ich jetzt mal 190 je nachdem, was jetzt berechnet wird, nur mal, das sind ja Zahlen, ja, die in dem Alter immens wirken: die kommen sich ja reich vor, die fühlen erst mal viel Geld käme da auf mich zu, was ja die Mädchen bestätigt, die wenig Perspektive haben, die in einer schwierigen Situation sind, die so eine Leere nach vorne für sich sehen oder auch so eine innere Leere gerade spüren. Für die ist das ja dann noch mehr eine Unterstützung zu wissen: der Staat gibt mir Geld."

Berlin-Charlottenburg, ein hellgelbes Eckgebäude in der Eosanderstraße. Veronique weiß noch nicht, wie viel Geld sie vom Staat bekommen wird. Sie ist siebz17, im fünften Monat schwanger, gestern hat die Berlinerin erfahren, dass ihr Baby ein Junge wird. Das Mädchen mit den orange-braun gefärbten schulterlangen Haaren sitzt mit ihrer Mutter und ihrem neuen Freund Daniel im Wohnzimmer auf blau-kariertem Sofa und albert herum. Schnauzer-Hündin Bonny und die braunschwarzweiße Katze Lizzy sind immer mit dabei. Veronique ist blass, trotz der vielen Sommersprossen. Morgens ist ihr oft schlecht, sagt sie, leidet auch unter Stimmungsschwankungen. Vor dem Fenster führt die Otto-Suhr-Allee vorbei, an der Wand hängt eine Darts-Scheibe, im Regal stehen die Pokale dazu. Eine Schwangerschaftsberatung im Wortsinn hat Vero, wie die Mutter sie nennt, nie bekommen, sie war lediglich beim sozialmedizinischen Dienst der Bezirksamtes Charlottenburg-Wilmersdorf, wo es heißt, Informationen über die staatlichen Hilfen, die ihr zustehen, bekommt sie erst im siebten Monat. Der Vater des Kindes hat sich nach nur dreiwöchiger Beziehung aus dem Staub gemacht, trotzdem hatte Veronique nie Zweifel, dass sie das Kind bekommen wird. Sie lächelt trotzig, die silbrige Zahnspange blitzt hervor.

Veronique: "Also ich habe mir teilweise Gedanken gemacht, super, wie mache ich das jetzt, das Kind wächst ohne Vater auf und so weiter, aber dann war das ja so, dass ich irgendwie einen Hass gegen den Vater entwickelt habe aufgrund der Sachen, die er macht und weil er halt Schluss gemacht hat und dann dachte ich mir so: Okay, was meine Mama schafft, schaffe ich auch, weil meine Mama hat uns ja auch alleine groß gezogen und dann habe ich mir gedacht okay, wenn meine Mama das schafft alleinerziehend zu sein, dann schaffe ich das auch. Also es war halt immer so gewesen, wenn halt irgendjemand kam und gesagt hat, ja Du bist ja noch viel zu jung, Du bist ja noch viel zu unreif, dann war es halt immer so gewesen, dass ich mir dann halt Gedanken gemacht habe, okay stimmt das vielleicht und so weiter, aber irgendwann habe ich mir dann gedacht okay weißt du, die sind der Meinung, dass ich zu unreif und zu jung bin und sie werden schon sehen, was sie davon haben."

16 Uhr, im Hintergrund läuft im Fernsehen eine Hochzeitsshow, die Braut dreht sich stolz im neuerworbenen weißen Kleid vor dem Spiegel, aber Familie Hartwig steht der Kopf im Moment woanders. Die 36-Jährige Manuela Hartwig hat erst mal geweint, als sie von der frühen Schwangerschaft der Tochter erfuhr, etwas Besseres habe sie sich für ihr Kind gewünscht, sagt die zierliche Frau mit dem dunklen Teint und zündet sich nervös eine Zigarette an. Aber mittlerweile freue sich die ganze Familie auf das Kind, auch der neue Partner der Mutter und Veroniques Geschwister.

Mutter: "Ich kenne das aus eigener Erfahrung, ich bin mit 17 schwanger gewesen, 18, das erste Kind, mit 19, das zweite Kind und ich habe viele Jahre mit ihr gesprochen über die Situation wie es ist frühzeitig Kinder zu kriegen ohne abgeschlossene Berufsausbildung, also sie wusste Bescheid."

Ein Baby-Puzzle mit tausend Teilen hat sie ihrer Tochter geschenkt, damit die sich in der Schwangerschaft nicht langweilt. Abtreibung war nie ein Thema, sie hätte sich dann ewig Vorwürfe gemacht, sagt Veronique heute. Junge Mütter in unserer Gesellschaft werden schnell in die asoziale Schublade gesteckt, sagt die Mutter ärgerlich, aber auf das Gerede der Leute gibt sie wenig, ihre linke Hand kraust das graue Haupthaar von Hündin Bonny.

Mutter: "Sie wird es schaffen, sicher gibt es Momente, wo sie sagt, oh, ich möchte nicht mehr, ich habe keine Lust mehr, aber ich denke mal, das kann bei Älteren genauso passieren. Ich weiß, dass ich persönlich, jetzt selber ein Kind nicht mehr möchte, weil ich habe drei, das reicht, aber ich denke mir, sie kann es packen. Sicher mit Schule dann gibt es Momente, wo sie kaputt ist, aber dafür bin ich ja da und deswegen wohnt Veronique auch noch hier und auch erst mal weiter noch hier wohnen bleiben, damit sie notfalls wirklich Unterstützung hat. Aber ich sehe es nicht als Problem, sie ist verantwortungsbewusst, ab und zu, gut, ist sie mal ein bisschen trantütig, aber ich denke, wenn's drauf ankommt, steht sie hundertprozentig dahinter."

Veronique diskutiert in der Diele mit Schwester Kim und dem kleinen Bruder Kevin, geht den Gang entlang in ihr Zimmer: apricotfarbene Tapete, dunkelblauer Teppich, auf dem Holztisch neben dem Bett die leere Bierflasche von Daniel. In der Ecke eine hellgelbe Kinderwiege, ein hellblauer Wickeltisch und ein zusammengeklappter Kinderwagen. Hat die Mutter schon mal gekauft, sagt sie beinahe entschuldigend. Sie schaut nachdenklich aus dem Fenster, der Autoverkehr rauscht vorbei. Sie und ihr damaliger Freund hatten mit Kondom verhütet, vergebens. Bald wird sie 18, sie hat einen guten Realschulabschluss und hat ihre Ausbildung zur Sozialassistentin an einer Privatschule nach einem Jahr wegen der Schwangerschaft unterbrochen. Das haben alle verstanden, sagt Veronique erleichtert, es gab keine befremdeten Reaktionen in ihrer Umgebung oder jetzt mit Babybauch auf der Straße. Sie ist außerdem wild entschlossen, beruflich ihren Weg auch weiter zu machen, zupft demonstrativ an ihrer dünnen rosa Wolljacke.

Veronique: "Also das war für mich jetzt nie irgendwie in Frage gestellt, dass wenn ich jetzt ein Kind kriege, ok, dann bleibe ich faul auf der Haut sitzen oder so und krieg Hartz IV, das reicht ja, das wollte ich nicht. Es war von Anfang an klar für mich, dass auch wenn ich die Ausbildung jetzt nicht zu Ende mache, dass ich dann halt versuche als Kinderkrankenschwester anzufangen oder wenn das auch nicht funktioniert, dann halt irgend etwas anderes, Hauptsache ich verdiene Geld, aber Hartz vier möchte ich nicht kriegen. Ich habe zu meiner Tante gesagt: weiß Du, dann mache ich das so, zeig denen, dass es nicht unbedingt so sein muss, dass wenn man mit 17 ein Kind kriegt, bzw. schwanger wird, dass man dann unbedingt gleich Hartz IV kriegt."

Und bei aller Sorge, allen Warnungen, Veronique freut sich auf ihr Kind, schaut jetzt erwartungsvoll auf die Kinderwiege, die braunen Augen werden wach.

Veronique: "Mittlerweile ist das so, dass ich mir denke, okay, vielleicht wird das ja gar nicht so schlimm, wie alle das sagen. Ich meine, dass es stressig wird ist klar, das ist ein kleines Kind, es kann noch nicht selbständig irgendetwas machen, aber teilweise freue ich mich schon, ja. Vor allen Dingen, weil ich mir immer die Babysachen angucke, da freue ich mich immer, juhu, dann kann ich ihm das anziehen."

Ich muss aufpassen, dass ich das Kind nicht wie eine Barbiepuppe behandele, sagt Vero noch zum Schluss und kichert leise in sich hinein. Wie ein Kind eben, das ein Kind bekommt.

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