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Thema / Archiv | Beitrag vom 17.05.2013

Wenn "Homohasser" in TV-Talks hetzen

Der Theologe David Berger über Schwulenfeindlichkeit im Fensehen

Moderation: Katrin Heise

Der schwule Theologe David Berger (privat)
Der schwule Theologe David Berger (privat)

In jüngster Zeit waren in politischen Talkshows vermehrt homophobe Aussagen zu hören, sagt David Berger vom Schwulenmagazin "Männer". Er fordert mehr Sensibilität von den Machern solcher Sendungen und verlangt, dass "Homohassern" im TV keine Bühne mehr geboten wird.

Katrin Heise: Homophobe Sprüche, Schwule und Lesben diskriminierende Äußerungen, in deutschen Talkshows zum Beispiel – David Berger, Theologe und Chefredakteur des Schwulenmagazins "Männer" hört sie immer wieder und vermisst ein deutliches Einschreiten dagegen. Eine Tatsache, die, wie er meint, bei rassistischen, antisemitischen oder auch sexistischen Äußerungen so überhaupt nicht mehr zu beobachten ist in Deutschland. David Berger, ich grüße Sie, schönen guten Tag!

David Berger: Morgen!

Heise: Wenn ich Sie richtig verstehe, gehen Ihrer Meinung nach die Warnlampen bei homophoben Äußerungen später an als beispielsweise bei antisemitischen oder sexistischen Äußerungen. Ist das wirklich so?

Berger: Das ist zumindest mein Eindruck und der Eindruck sehr vieler Betroffener. Das heißt, wenn man mit homosexuellen Menschen, besonders mit schwulen Männern, redet, was ich natürlich regelmäßig auch berufsmäßig mache, dann ist da ganz viel Unmut über diese Situation und wirklich der Eindruck, dass es da eine Wertigkeit der Diskriminierungen gibt. Und das ist auch etwas, was mir inzwischen Leute, die in den Medien tätig sind, bestätigt haben, es scheint da wirklich unterschiedliche Sensibilitäten zu geben.

Heise: Wobei wir doch gerade jetzt in den letzten Wochen beispielsweise im Zuge der Brüderle-Äußerung, oder als wir diskutiert haben über den Ausdruck Neger in Kinderbüchern, oder auch als es um die Beschneidung ging beispielsweise, da hat man doch im ganzen Kontext auch sehr viel wahrgenommen, von dem man dachte, das haben wir eigentlich schon lange überwunden.

Berger: Ja, aber man muss sagen, das waren zum allergrößten Teil vorsichtige Untertöne, und es gab an diesen Stellen auch immer den klaren Einspruch von Moderatoren, die gesagt haben, bis hier hin und nicht weiter, und das vermisse ich bei dem Thema Homosexualität ganz eindeutig. Da geht es nicht nur um Untertöne, sondern da geht es für mich um regelrecht diskriminierende Aussagen, um Hassaussagen. Das heißt, wenn ein Herr Lohmann zum Beispiel bei "Hart aber fair" sich die Aussage erlaubt, seine homosexuellen Gesprächspartner seien nur deshalb homosexuell, weil sie schlechte Erfahrungen im heterosexuellen Bereich gemacht haben, und er wünscht sich, dass sie doch die klare Reinheit der heterosexuellen Lebensluft endlich mal atmen können, um von ihren krankhaften Zuständen wegzukommen, und es erfolgt kein Einspruch des Moderators, dann muss ich sagen, dann ist für mich eine Grenze überschritten, wo es nicht mehr um freie Meinungsäußerung geht, die natürlich unbedingt zu wahren ist – ich denke mir, darüber müssen wir überhaupt nicht streiten, das ist selbstverständlich –, sondern wir haben einen Punkt erreicht, wo Menschen diskriminiert werden.

Stellen wir uns doch einfach mal vor, wir ersetzen das Wort Homosexueller durch Jude in diesem Zusammenhang: Herr Lohmann wäre, wenn er das gesagt hätte – das heißt, er hätte gesagt: Sie sind nur deshalb noch an den jüdischen Bräuchen hängend, weil sie die schöne arische Lebensweise nicht kennengelernt haben –, ich vermute mal, er wäre hochkant aus dem Studio rausgeflogen, selbst wenn es eine Live-Sendung gewesen wäre.

Heise: Die Redaktionen haben sich jetzt natürlich dagegen verwahrt, also gegen Ihre Vorwürfe, dass homophobe Äußerungen so nicht stehen gelassen werden, dass dagegen eingeschritten wird. Es ist ja auch immer eine Runde zusammengestellt, und dann gibt es natürlich Widerspruch in diesen Talkshows.

Berger: Ja, aber da hat man eben häufig den Eindruck, diese Runden werden so zusammengestellt, dass Remmidemmi entsteht in der Sendung, das heißt, dass man bewusst einen extrem Homophoben in die Sendungen setzt, zumindest war das in der letzten Zeit so, eben von Lohmann über Frau Kelle, Frau Reiche von der CDU bis hin zur unsäglichen Frau Kuby, die eben Homosexualität als Unzucht bezeichnet und als krankhaften Zustand, der geheilt werden muss – das passt ja gut zu unserem heutigen Tag gegen Homophobie –, dass man diese Leute bewusst reinsetzt und dann häufig einen Gegenpart, der ein Betroffener ist, der selber in seinem Leben vielleicht sehr viel Diskriminierung erlebt hat und dann entsprechend reagiert.

Das heißt, der kann natürlich in diesem Augenblick, wo er persönlich betroffen ist, nicht mehr so sachlich häufig reagieren, wie das ein anderer kann. Aber dann entsteht genau die Situation, die man leider auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen immer wieder auch gerne inzwischen haben möchte, dass in der Sendung sehr böse Worte fallen, aber dadurch auch ein Klima erzeugt wird, das wirklich regelrecht homophob ist und den Boden für andere Bösartigkeiten bereitet.

Heise: Welche Äußerungen sind denn ihrer Meinung nach verboten, welche sind noch erlaubt? Die Grenze ist ja oft schwer zu ziehen.

Berger: Genau, also das Wort verboten gefällt mir in dem Zusammenhang auch nicht. Das heißt, ich würde sagen, Bemerkungen, die wirklich die Menschen in Ihrer Identität angreifen, die nicht zu ändern ist, diese Identität, und die auch zu ihnen gehört, haben in einer solchen Sendung nichts zu suchen. Wenn es darum geht, zum Beispiel über Pro und Kontra der Homoehe zu diskutieren, und das in fairer Weise zu machen, ohne diese Menschen anzugreifen, dann sage ich natürlich sofort, darüber müssen wir diskutieren, und das ist auch durchaus wichtig, darüber zu diskutieren, und schön, dass das ausdiskutiert wird. Dann finde ich, sollte das unbedingt möglich sein. Ich würde deswegen ungern von Verboten sprechen, sondern würde sagen, wir brauchen eine erhöhte Sensibilität und müssen vor allem die Betroffenen fragen, was verletzt euch in dieser Situation, womit fühlt ihr euch in eurer ganzen Identität beeinträchtigt, und dann auch schauen, wozu führen bestimmte Äußerungen. Wenn das wirklich diese extrem diskriminierenden Äußerungen sind, die Gewalt produzieren, wie wir das in Frankreich haben …

Heise: Wobei man den direkten Schluss natürlich so nicht ziehen kann.

Berger: Nein, aber es gibt zum Beispiel ein Gutachten von Professor Mengel von der Humboldt-Universität hier in Berlin, der sagt, die Zusammenhänge sind so eindeutig, der Widerstand gegen die Homoehe in Frankreich, der von der katholischen Kirche vor allem initiiert wurde, der dann sehr schnell radikale Muslime und den Front Nationale und Rechtsradikale mit ins Boot geholt hat, und die Äußerungen, die gefallen sind, stehen in einem direkten Zusammenhang mit dem Anstieg homophober Gewalttaten in Frankreich um das Dreifache. Das sind nicht nur ein paar Prozent, sondern wir haben wirklich eine Verdreifachung von homophoben Übergriffen. Es werden Menschen in Paris und anderen Städten zusammengeschlagen, etwas, was Frankreich so bislang überhaupt nicht gekannt hat.

Heise: Und etwas, was Sie hier als Gefahr sehen? Weil das ist ja so – kann man ja davon überhaupt nicht reden.

Berger: Also das nimmt in jedem Land natürlich andere Formen an, und wir haben Gott sei Dank in Deutschland eine Diskussion über die Homoehe, die nicht die Dimensionen wie in Frankreich erreicht hat, wo auch alle politischen Kräfte bemüht sind – fast alle –, weitgehend sachlich zu bleiben, noch bemüht sind. Von daher haben wir Gott sei Dank ein anderes Klima, aber ich denke mir, eben gerade deshalb sollte man den Anfängen wehren. Die, die ich als Homohasser bezeichnen würde, sagen jetzt schon, wir nehmen uns ein gutes Vorbild an Frankreich, Frau Kuby hat diese Initiative ins Leben gerufen, wir lernen von Frankreich und machen etwas Ähnliches, was die in Frankreich gemacht haben.

Heise: Sagt David Berger, er ist zu Gast im "Radiofeuilleton" heute am internationalen Tag gegen Homophobie. Sie haben gesagt, man ist nicht automatisch homophob, wenn man die Homoehe nicht anerkennen möchte, wenn man die ablehnt. Darf man homosexuelles Zusammenleben Ihrer Meinung nach für falsch halten?

Berger: Wie gesagt, es stört mich wieder das "darf" in dem Zusammenhang, weil ich jetzt natürlich nicht der Schiedsrichter bin und nicht ein Richter, der sagt, das darfst du oder das darfst du nicht. Aber ich muss sagen, wenn ich sage – zum Beispiel, ein häufiger Ausspruch, der fällt, der die Frage dann auch beantwortet –, ihr dürft zwar homosexuell veranlagt sein, dürft das aber nicht ausleben, das ist ja die Doktrin, die immer wieder von extrem Konservativen, aber auch von Kirchenmännern vorgestellt wird –, dann spreche ich diesen Menschen ein grundlegendes Recht ab, das, was sie sind, auszuleben, und das, finde ich, ist unstatthaft.

Heise: Aber Sie nennen jetzt wirkliche Extreme, weil in unserem Durchschnitt hier in der Bevölkerung ist das doch überhaupt kein Argument mehr. Sie sprechen in dem Zusammenhang von Homohassern in den Medien – und die würden Sie gerne ausladen aus den Studios, gar nicht mehr einladen, die sollen nicht mehr auftauchen. Dagegen gibt es auch gerade in der Homosexuellenszene andere Meinungen – ich habe eine gelesen von Steve Milverton, einem Blogger, beispielsweise, der sagt: Nein, im Gegenteil, wir müssen doch anerkennen beziehungsweise sehen, was für Meinungen, auch was für extreme Meinungen herrschen, und wir müssen die Gesichter auch kennen.

Berger: Die Frage ist immer, brauche ich dazu die Autorität eines Talkshowsessels. Das heißt, wenn ich jemanden auf einen Talkshowsessel setze, dann entsteht bei der Bevölkerung der Eindruck, er ist wirklich ein Fachmann zu dem Thema, er hat sich damit ausgiebig beschäftigt, ihm wird eine gewisse Autorität verliehen mit diesem Talkshowsessel. Das heißt, Frau Kuby, Herr Lohmann, die können sich in ihren eigenen Foren – und das machen sie auch sehr ausgiebig –, haben die natürlich alle Meinungsfreiheit der Welt. Dort können sie ihre entsprechenden diskriminierenden Aussagen loswerden, nur diesen Leuten die Autorität dieses Talkshowsessels zu verleihen und damit den Eindruck zu erwecken, das, was da gesagt wird, ist eine gesellschaftlich akzeptable Meinung, die wir so auch innerhalb dieser Diskussion sehen wollen und aufnehmen, das finde ich nicht in Ordnung, besonders, wenn man sich die Maßgaben des öffentlich-rechtlichen Fernsehens anschaut, das eben auf Toleranz, auf Respektierung der Menschenwürde hinarbeiten soll.

Heise: Wobei die Runde dann ja meistens genau darauf reagiert, und wenn man eine Meinung nicht stattfinden lässt, hat man das Problem natürlich noch lange nicht bearbeitet.

Berger: Eine Meinung soll man immer stattfinden lassen, damit habe ich auch gar keine Probleme, und deswegen glaube ich auch, dass Herr Milvertons Kommentar an der Sache vorbeigegangen ist. Ich habe nirgendwo gesagt, es soll keine Meinung möglich sein, sondern es geht darum, wo die Meinung verlassen ist, und es direkt um Diffamierungen und Diskriminierungen geht, und die auch noch strategisch eingesetzt werden, wir haben es gesehen, dass die Leute, die diese Meinung vertreten haben, entsprechend dann einen Shitstorm provoziert haben natürlich durch diese Meinung, weil sie treffen auf eine Opfergruppe, die eine langjährige kollektive Leiderfahrung und Diskriminierungserfahrung hat.

Heise: Die CDU-Politikerin Katharina Reicher hat das erfahren und das dann wieder öffentlich gemacht, dass sie beschimpft wurde.

Berger: Und bei Herrn Lohmann war es so ähnlich, das heißt, der hatte die Möglichkeit, nach dem Shitstorm sofort in die nächste Sendung zu kommen und über den Shitstorm zu berichten, und da wieder seine Thesen zu vertreten. Das heißt, es wird geradezu die Wut der betroffenen Menschen, die diskriminiert worden sind, instrumentalisiert für die eigene PR. Und das ist ein Ding der Unmöglichkeit.

Heise: David Berger, Chefredakteur des Schwulenmagazins "Männer" zu Schwulendiskriminierung, unser Thema am heutigen Tag gegen Homophobie. Ich danke Ihnen, Herr Berger!

Berger: Ich danke Ihnen!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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