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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 26.11.2009

Wenn Geld nicht mehr weiterhilft

Plädoyer für eine andere Familienpolitik

Von Volker Eichener

Ein Mädchen hält  in dem Kinder- und Jugendzentrum "Die Arche" in Berlin die Hand eines Betreuers. (AP)
Ein Mädchen hält in dem Kinder- und Jugendzentrum "Die Arche" in Berlin die Hand eines Betreuers. (AP)

Kinderarmut hat viele Gesichter: Kinder, die kein Zimmer haben, in dem sie Schulaufgaben machen können. Kinder, die sich die Schlafstatt mit Geschwistern teilen müssen.

Kinder, die vom sozialen Leben ausgeschlossen sind, weil Eisdiele, Zoobesuch und Klassenfahrt unerschwinglich für sie sind. Kinder, die so unterernährt sind, dass sie Wachstumsstörungen aufweisen. Kinder, die behindert sind, weil niemand sie zur Krankengymnastik gebracht hat.

Ist Kinderarmut das Ergebnis von Hartz IV? Oder, anders ausgedrückt, ist das Problem behoben, wenn wir nur den Regelsatz erhöhen?

Möglicherweise wird das Bundesverfassungsgericht tatsächlich die Regelsätze für Kinder erhöhen. Ob eine Erhöhung des Sozialgelds allerdings die Kinderarmut beseitigen wird, bleibt zweifelhaft.

Dass sich die politische Debatte überhaupt um die Höhe der Regelsätze dreht, ist Ausfluss der wohl typisch deutschen Haltung, dass sich jedes Problem mit Geld lösen lasse. Allerdings ist Kinderarmut nicht nur eine Frage des Geldes.

Nach einer Studie des ISS wuchsen immerhin 15 Prozent der Kinder, die in armutsbetroffenen Familien lebten, ohne jeden Mangel auf – ein Zeichen, dass auch wenig Geld ausreichen kann, sofern die Eltern sorgsam damit umgehen. Umgekehrt waren auch über 30 Prozent der Kinder aus Familien, deren Einkommen oberhalb des Bundesdurchschnitts lag, Defiziten ausgesetzt.

Soziale Ausgrenzung von Kindern ist also kein rein ökonomisches Problem. Kinderarmut ist in erster Linie Folge von Vernachlässigung. Und Vernachlässigung entsteht, wenn Familien nicht funktionsfähig sind. Zerrüttete Beziehungen, Gewalt, Sucht, Alkohol, psychosoziale Störungen, Überforderung und häufig auch Familienehre heißen die Ursachen.

Den Eltern einfach nur mehr Geld zu geben, stellt die Funktionsfähigkeit der Familien nur selten wieder her. Aus der Familienhilfe ist bekannt: Mehr Geld heißt eben nicht immer bessere Ernährung für das Kind, ein warmer Anorak für den Winter oder eine Stunde Nachhilfe pro Woche – sondern manchmal: mehr Alkohol und ein neuer DVD-Player.

Die Bundeskanzlerin hat jüngst gesagt, es entspreche nicht ihrem Menschenbild, Familien nicht zuzutrauen, mit dem Betreuungsgeld etwas Vernünftiges zu machen. Realität ist, dass Hauptschulen in sozialen Brennpunkten am Montagmorgen erst einmal ein Frühstück machen müssen, weil die Kinder vom Wochenende mit den Eltern derart ausgehungert sind, dass kein Unterricht möglich ist, bevor sie nicht etwas im Magen haben.

Das Beispiel der Schulspeisung zeigt, in welche Richtung effektive Hilfe gehen muss. Kinder brauchen Nahrung, Kleidung und Gesundheitsvorsorge. Kinder brauchen Krippen und Kindergärten, in denen sie die deutsche Sprache, Feinmotorik und Sozialverhalten lernen. Kinder brauchen Schulen, die so ausgestattet sind, dass sie einen Erziehungsauftrag wahrnehmen können – mit Sprachförderung, Ganztagsunterricht, sozialpädagogischen Hilfen, wenn das Kind aufgrund der familiären Belastung das Lernziel nicht erreicht.

Eine eigene Untersuchung hat gezeigt, dass Kinder, die das Pech haben, in Problemstadtteilen aufzuwachsen, doppelt benachteiligt sind. Ausgerechnet die Kinder, die besonders belastet sind, haben praktisch keinen Zugang zu sozialen Ressourcen, die familiäre Defizite kompensieren könnten: keinen Trainer im Sportverein, keinen Musikschullehrer, keinen anderen, der eine Vaterrolle einnehmen könnte. Kinder aus Armutsquartieren haben nur die Streetgang – und die bringt ihnen andere Werte und Verhaltensweisen bei.

Aus Studien wissen wir, dass es Milieueffekte gibt, die aus sozialräumlicher Segregation erwachsen und die die Chancen verringern, sich individuell aus der Armutslage zu befreien. Wenn das so ist, dann hilft es am meisten, die Milieueffekte umzukehren, indem wir soziale Ressourcen in die Problemquartiere bringen. Schulen und Kindergärten in diesen Quartieren brauchen extra Personal. Problemstadteile brauchen Quartiersmanager, die dabei helfen, soziale Netzwerke aufzubauen, die Familien und Kindern Halt geben können. Problemquartiere brauchen Streetworker und Kulturpädagogen, um den Kids eine Alternative zur Streetgang zu bieten.

Das alles ist nicht zum Nulltarif zu haben. Aber es ist die effizienteste Form, die Kinderarmut zu bekämpfen. Kinder sind zwar keine Wähler, aber Kinderarmut ist ein Armutszeugnis für ein reiches Land, das es sich leistet, seine Zukunft zu vergeuden.

Prof. Dr. Volker Eichener, Gründungsrektor der EBZ Business School, University of Applied Sciences, Bochum (Privat)Prof. Dr. Volker Eichener, Gründungsrektor der EBZ Business School, Bochum (Privat)Volker Eichener, 1959 in Wanne-Eickel geboren, studierte Sozialwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum. Seit 1994 zunächst Geschäftsführer, dann geschäftsführender wissenschaftlicher Direktor des InWIS Institut für Wohnungswesen, Immobilienwirtschaft, Stadt- und Regionalentwicklung an der EBZ Business School und an der Ruhr-Universität Bochum. Seit 1999 Professor für Politikwissenschaft an der Fachhochschule Düsseldorf. 2001 bis 2003 Dekan des Fachbereichs Sozialarbeit, 2003 bis 2006 Studiendekan des Fachbereichs Sozial- und Kulturwissenschaften. Ab Dezember 2008 beurlaubt für die Tätigkeit als Gründungsrektor der EBZ Business School – University of Applied Sciences, Bochum.

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