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Feiertag / Archiv | Beitrag vom 19.10.2008

"Wenn die Seele blutet ..."

Trauma und Bibel

Von tiefen seelischen Verletzungen erzählt die Bibel viele Geschichten. Bis dahin, dass Gott sich mit einem an Leib und Seele tief Verwundeten identifiziert: Jesus. Ein traumatisierter Gott? Seit alters her haben Menschen in den biblischen Bildern und Erzählungen Hilfe gefunden bei der Heilung und Vernarbung ihrer eigenen seelischen Wunden.

Sie hatte ihre Gründe. Um zwölf Uhr mittags in glühender Sonne geht sie vor die Stadt zum Brunnen.

Da verlässt kein vernünftiger Mensch den Schutz des schattigen Hauses. Wasser aus dem Brunnen schöpfen – das machen die Frauen des Orients in der Morgen- oder Abendkühle. Dann gibt es am Brunnen immer was zu sehen und zu hören. Nur wer garantiert niemanden treffen will, der schöpft sein Wasser um zwölf Uhr mittags. Wie sie.

Eine einsame Frau sucht die Einsamkeit. Sie meidet jeden menschlichen Kontakt. Selbst aus der Gesellschaft der Frauen hat sie sich zurück gezogen. Sie hatte ihre Gründe. Verletzt wurde sie. Tief in ihrer Seele. Die Seele blutet und die Wunde will nicht heilen.

So geht es vielen Menschen. Verletzungen des Körpers sind schon schlimm. Aber heilen, das tun sie in der Regel schneller und besser als die der Seele. Die Fachleute gebrauchen für die Verwundung der Seele das griechische Wort für Wunde: Trauma. Eine seelische Verletzung, die oft lebenslang wirksam bleibt. Erschreckend viele Menschen haben solche Traumata davongetragen, sind lebenslang traumatisiert.

Oft werden Menschen schon als kleine Kinder traumatisiert. Sie machen Erfahrungen, die sich tief in ihre Kinderseele einbrennen. Vielleicht wird ihnen brutal die Liebe entzogen ... Vielleicht werden sie im Stich gelassen, gedemütigt, fallen in bodenlose Ängste, sehen unermessliches Leid, das nicht mal für Erwachsene zu verkraften ist. Dann eitern diese Seelen oft lebenslang.

Vielleicht musste die traumatisierte Frau am Brunnen zunächst die Einsamkeit suchen. Vielleicht hätte sie sonst nicht überleben können. Aber Menschen, die sich einmal isoliert haben, kommen alleine aus der Selbstisolation nicht heraus. Sie brauchen ein Gegenüber. Einen Gesprächspartner in Augenhöhe. Am besten unter vier Augen. Im geschützten Raum.

Unerwartet um zwölf Uhr mittags am Brunnen kommt es zu dem geschützten Vier-Augen-Gespräch. Ihr Gesprächspartner ist Jesus. Sie kennt ihn noch nicht. Das Gespräch wird zu einer Gelegenheit für einen traumatisierten Menschen, das Leben neu zu lernen. Davon will ich heute erzählen (Johannes 4).

Musik

Eine unerwartete Begegnung um zwölf Uhr mittags. Der fremde Mann spricht eine Bitte aus: "Gib mir zu trinken!" Seine Größe erweist sich darin, dass er sich klein macht. Der Jude Jesus erniedrigt sich vor der samaritanischen Frau. Er wird zum Bettler. Er gibt seine Bedürftigkeit zu: "Ich habe Durst." Mir fehlt was. Ich, den man die Quelle des Lebens nennt, habe nichts zu trinken.

Er verzichtet auf alle Vorrechte, Vorzüge, Vorrangstellungen, die ihm in seiner Gesellschaft als Mann, als Jude, als Heiland und Gottessohn zukommen. Jetzt gibt es kein Gefälle mehr zwischen ihm als Mann und der ihm untergeordneten Frau. Zwischen ihm als rechtgläubigem Juden und ihr als falschgläubiger Samaritanerin. Zwischen der seelisch Verletzten und Jesus, dem Heiler.

"Gib mir zu trinken!" Indem diese Bitte Jesus klein macht, macht sie die Frau groß. Die Bitte erweist sich für sie als Wort, das Macht hat, sie zu befreien. Die Bitte Jesu holt sie aus der Opferrolle heraus. Das ist ein entscheidender Schritt auf dem Weg seelisch verletzter Menschen in die Freiheit und zur Verheilung ihrer Wunden. Raus aus der Opferrolle!

Dass seelisch verletzte Menschen Opfer sind, ist keine Frage. Opfer von Demütigung, von Gewalt, von Liebesentzug. Verhängnisvoll aber ist, wenn sich Traumatisierte nur noch als Opfer wahrnehmen. Wenn ihr Blick nicht mehr frei ist für ihre Handlungsspielräume und Entscheidungsmöglichkeiten, wenn sie sich nur noch als Objekte der Handlungen anderer sehen können. Wenn sie sich auf ihre Opferrolle festlegen.

Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie lustvoll die Opferrolle auch sein kann, wie gut es tut, wenn ich das Mitleid vieler genieße und ich am Ende mich in mein Selbstmitleid verliebe und die Opferrolle vielleicht gar nicht mehr verlassen will und kann. Weil es so schön ist, von allen bedauert zu werden.

Ich erinnere mich an einen Hausbesuch, den ich als junger Pastor machte. Eine Frau schilderte mir unter Tränen bis in alle Einzelheiten, wie brutal ihr Ehemann sie verletzt hatte, als er sie von heute auf morgen für eine Jüngere verlassen hatte. Ihre Schilderung erweckte den Eindruck, als spräche sie von ganz frischen Erfahrungen, die auch mich zu Tränen rührten. Erst zum Schluss bekam ich zu hören, dass die Trennung bereits zwanzig Jahre zurück lag. – Sie konnte und wollte ihre Opferrolle nicht mehr verlassen.

Raus aus der Opferrolle führt die Bitte Jesu an die samaritanische Frau: "Gib mir zu trinken!" Du hast den Krug und das Seil. Ohne dich kann ich nicht trinken. Ich brauche dich. Bei dir liegt die Entscheidung. Du hast Handlungsmöglichkeiten. Ich bin von dir abhängig. Und du bist frei. Du bist die Herrin über das Lebenswasser, weil du den Krug hast. Du bist die Herrin des Geschehens.

Damit bleibt ihr Blick nicht länger verhaftet auf das, was sie nicht kann, wo sie Opfer ist. Sondern ihr Blick wird auf das gerichtet, was sie kann. Darüber werden Menschen groß. Sie werden aufgerichtet zu aufrechtem Gang mit erhobenem Haupt. Jetzt kann die Frau Jesus das Wasser reichen. Jetzt spürt sie die Quelle des Lebens - in sich.

Wenn Traumatisierte sich sagen lassen, was sie sich selber nicht sagen können, dann werden innere Lähmungen aufgebrochen. Lange versiegte Kraftströme rühren sich. Verloren geglaubte Energie fängt an zu fließen. Menschen werden wieder handlungsfähig. Sie bleiben zwar Traumatisierte, aber aus Wunden können Narben werden, mit denen sie leben und agieren können.

Musik

Raus aus der Opferrolle – das ist nur der eine Schritt auf dem mühevollen Weg seelisch Verletzter zurück ins Leben. Nachdem das Gespräch die Frau aufgerichtet hat, kann Jesus ihr auch zumuten, die lange verschwiegene Wahrheit auszusprechen. Die Wahrheit, die sie frei macht.

"Hol deinen Mann!", fordert er sie auf. So nötigt er sie, nicht länger um die Wahrheit wie die Katze um den heißen Brei herum zu reden. "Ich habe keinen Mann," muss sie eingestehen, und damit kommt sie der Verletzung ihres Lebens schon ziemlich nahe. Einem Menschen, der dabei ist, neue Stärke zu entwickeln, mutet Jesus etwas zu. Er wird erstaunlich konfrontativ. "Fünf Männer hast du gehabt", sagt er, "und den du jetzt hast, der ist nicht deiner." So sagt er ihr die schmerzvolle Wahrheit ohne Umschweife auf den Kopf zu.

"Donnerwetter, so ein Flittchen! Sie wechselt die Männer offenbar wie die Wäsche." Das sind meine ersten Gedanken. Und so ist diese biblische Geschichte Jahrhunderte lang ausgelegt worden. Eine Frau mit großer Anziehungskraft ist den Männern unheimlich. Sie macht ihnen Angst. Sie fürchten, eine Frau mit solcher Ausstrahlung könnte Macht über sie gewinnen, ihnen die Selbstbeherrschung rauben, sie zu etwas verführen, was sie bereuen müssten. Darum haben Männer attraktive Frauen oft verteufelt, als Flittchen gebrandmarkt und als Hexen verfolgt und verbrannt.

Aber der konfrontative Satz Jesu hat eine ganz andere Botschaft. In seiner Zeit konnten Frauen nicht heiraten. Frauen wurden geheiratet. Und Frauen wurden entlassen, verlassen, im Stich gelassen, weggeschickt, verstoßen. Bei Sexualität und Eheschließung waren Frauen im Orient zur Passivität verurteilt. Die Initiative lag ganz bei den Männern. Sie hatten die Entscheidungsgewalt. Frauen waren von ihnen abhängig und ihnen ausgeliefert. Im schlimmsten Fall - Opfer von Männerwillkür und Männergewalt.

"Fünf Männer hast du gehabt, und den du jetzt hast, der ist nicht deiner." Damit wertet Jesus die Frau nicht moralisch ab. Er bringt vielmehr die ganze Tragik dieses Menschenlebens zum Ausdruck. Das Schicksal eines traumatisierten Menschen.

Eine Frau, die fünfmal geheiratet wurde, musste eine ungewöhnlich anziehende Frau sein. Mit Mitte vierzig offensichtlich noch genauso attraktiv wie mit zwanzig. Immer im Mittelpunkt des Interesses. Ihr fallen die Herzen nur so zu. Sie muss nichts dafür tun, die Aufmerksamkeit möglicher Lebenspartner auf sich zu ziehen. Es geht wie von selbst, und es geht immer schnell.

Das ist die Tragik vieler ungewöhnlich schöner und anziehender Menschen. Je schneller die Beziehungen zustande kommen, desto weniger dauerhaft sind sie oft. Immer wieder ist diese Frau auf Männer getroffen, die leidenschaftlich fasziniert von ihr waren, aber dann nicht bindungsfähig waren. Fünfmal wurde sie verlassen. Und der sechste Mann nun heiratet sie nicht einmal. Mit solchen Verletzungen traut sie sich nur um zwölf Uhr mittags an den Brunnen.

Und da trifft sie einen Mann, der sie als Opfer anspricht. Jesus billigt ihr die Opferrolle zu. "Du darfst so sein. Du darfst Opfer sein. Opfer von sechs Männern. Und das darf ausgesprochen werden. Die Opferrolle entlastet. Du bist nicht verantwortlich. Deine Situation ist nicht deine Schuld. Niemand hat dir Vorwürfe zu machen. Und darum lass auch alle Schuldgefühle und Selbstvorwürfe!" Lauter Sätze, die sich kein Mensch selber sagen kann. Lauter Sätze, die gehört und angenommen werden wollen.

"Du bist nicht für alles verantwortlich." Das ist ein Freispruch. Ein Spruch, der Freiheit schafft. Das müssen sich Menschen gesagt sein lassen. Und das fällt besonders denen schwer, die sich immer für alles verantwortlich fühlen, die sich jeden Schuh anziehen, sich immer sofort an allem schuldig fühlen. Manche sagen, dass Frauen mehr als Männer dazu neigen. Verletzte, traumatisierte Menschen, ob Frauen oder Männer, brauchen solche Freisprüche. Worte, die sie sich nicht selber sagen können.

Viel Zeit braucht diese Einsicht und noch mehr Zeit, bis sie ausgesprochen werden kann. "Ich bin ein Opfer. Vielleicht ein Opfer der Verhältnisse ..., meiner Prägungen ..., meiner Erziehung ..., meiner Erfahrungen ..., ein Opfer anderer Menschen und ihrer Entscheidungen über mich. Ich bin nicht für alles verantwortlich." Gegen die Macht der Selbstvorwürfe brauchen verletzte Menschen immer wieder diesen entlastenden Zuspruch, der diese Selbsterkenntnis stark macht.

Was traumatisierte Menschen brauchen, ist also diese befreiende Doppelbotschaft. Die eine nicht ohne die andere: 1. du bist ein Opfer, und 2. du bist nicht nur Opfer. 1. du bist nicht für alles verantwortlich, und 2. du hast Handlungs- und Entscheidungsspielräume. Lass dich von deinen lähmenden Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen und von deinen lähmenden Minderwertigkeits- und Ohnmachtsgefühlen befreien!

Nur ganz langsam setzt sich die Freiheit gegen die Lähmung durch. Schritt für Schritt – manchmal auf einem schier endlos scheinenden Weg. Auch diese Frau kann nicht gleich jubeln und aufspringen. Aber am Ende geht sie zurück in die Gesellschaft, die sie bislang so peinlich gemieden hat. Jetzt kann sie sich outen. Jetzt kann sie zu ihrer Verletzung stehen. Jetzt kann sie sie aussprechen. Die Wahrheit, die sie frei macht. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Wunden beginnen zu vernarben. Dass sie zurück ins Leben findet.

Musik

"Ich habe Durst." Mit diesem Eingeständnis eigener Schwachheit und Bedürftigkeit hatte Jesus das Gefälle zu der traumatisierten Frau aufgehoben und Augenhöhe mit ihr gewonnen. "Ich habe Durst." So röchelt Jesus am Ende seines Lebens, als er am Foltergalgen qualvoll erstickt (Johannes 19,28). Hier ist der Satz nicht mehr ein Akt menschlicher Selbsterniedrigung. Hier ist er der Ausdruck für die Selbsterniedrigung Gottes. Der gefolterte Christus erinnert provozierend an diese "verrückte Wahrheit".

Das Sterben Jesu wird in der Bibel so erzählt, dass klar wird: Mit diesem Opfer menschlicher Gewalt identifiziert sich der allmächtige Gott. Denn Gott holt Jesus als einzigen Menschen aus dem Tod und führt ihn in ein neues Leben. Damit rehabilitiert Gott dieses Opfer irdischen Unrechts. Er setzt den Rechtlosen ins Recht. Gott solidarisiert und identifiziert sich mit dem Menschen Jesus. Darin erweist Gott seine Größe, dass er sich klein macht. Die Christenheit glaubt also an einen traumatisierten Gott. So möchte ich überspitzt formulieren.

Was für eine Herausforderung! Das Kreuz als Folterwerkzeug im Zentrum christlicher Religion ist nicht Ausdruck göttlicher Gewalt. Es erzählt vielmehr von einem Gott, der der Realität irdischer Gewalt standhält, indem er auf himmlische Gewalt verzichtet. Das war in der antiken Welt nicht weniger provokativ als heute. Ein traumatisierter Gott ist einer, der aus der Rolle fällt. Aus der Rolle der in vollkommener Schönheit und Stärke strahlenden Göttinnen und Götter. Gegenbild zu den Olympiern damals wie heute: verletzt an Leib und Seele.

Gott trägt mit dem blutüberströmten von Folter entstellten Leib Jesu, die Wunden derer, die auf ihn schauen. Auf vielen Altarbildern ist er so zu sehen. An Leib und Seele verletzte, traumatisierte Menschen können daran erkennen: "Hier ist einer, der weiß, was ich erleide. Der kann mitfühlen und mittragen. Hier ist einer wie ich zum Opfer geworden." Ja, mehr noch, es war seine Initiative, seine Entscheidung, sich zum Opfer machen zu lassen, um den Opfern dieser Welt ganz nahe zu sein. Und darum ist er nicht nur Opfer, sondern auch Fürsprecher und Anwalt der Opfer dieser Welt. Deshalb richtet sich auf ihn die Hoffnung aller an Leib und Seele Verwundeten.

Als Seelsorger kann ich Traumatisierten nur mit dieser Deutung des Todes Jesu kommen. Für mich ist sie die überhaupt einzige Möglichkeit, Verletzten gegenüber von Gott zu sprechen.

Gott begibt sich als Traumatisierter zu den Traumatisierten auf Augenhöhe. So können sie zu der Gewissheit gelangen: "Ich bin ein Opfer. Ich bin nicht für alles verantwortlich. Ich lasse mich von meinen lähmenden Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen befreien" und zugleich: "Ich bin nicht nur Opfer. Ich habe Handlungs- und Entscheidungsspielräume. Ich lasse mich von meinen lähmenden Minderwertigkeits- und Ohnmachtsgefühlen befreien!"

Musik

Christen glauben an einen verletzten Gott. Wer diese Provokation aushält, der kann sich auch der anderen Provokation stellen, von der nun zum Schluss noch zu reden ist. Christen glauben an einen verletzenden Gott.

Gott ist Liebe. Und Liebe gibt es nicht ohne Verletzungen. Wer liebt, wählt und wer wählt, kränkt den, der nicht gewählt wurde. Das Evangelium hat immer auch eine kränkende, verletzende, manchmal sogar traumatisierende Seite.

Da kommt ein rechtschaffener Mensch, Juniorchef eines großen Unternehmens, nichts ahnend von seinem Tagwerk nach Hause und findet die Welt auf den Kopf gestellt. Sein Vater, der Seniorchef, ist verrückt geworden. Er hat ein rauschendes Fest in Gang gesetzt und feiert damit die Rückkehr seines missratenen jüngeren Bruders. Der hatte sich vor einiger Zeit abgesetzt und sein ganzes Vermögen durchgebracht. Und jetzt hat der Vater ihm gerade die Verfügungsgewalt über seinen gesamten Besitz neu übertragen. Die Einladung zu diesem Fest bedeutet für Rechtschaffene die Missachtung ihrer Lebensleistung (Lukas 15,11-32). Eine maßlose Kränkung! Liebe gibt es nicht ohne Verletzungen. Und die Botschaft von der Liebe Gottes hat immer auch diese verletzende Kehrseite.

Liebe ist parteilich. Wenn sie den Kranken gilt, werden Gesunde vernachlässigt. Wenn sie Schurken gilt, werden die Anständigen vor den Kopf gestoßen. Wenn sie sich auf Gottlose richtet, werden Gottesfürchtige zurückgesetzt. In der Regel sind seelisch stabile und erwachsene Menschen in der Lage, solche Erfahrungen auszuhalten. Sie können sie so verarbeiten, dass sie ihr Leben nicht stören, sondern fördern. Verletzungen gehören zum Leben. Schmerzen sind unvermeidbar.

Auch Gotteserfahrungen können schmerzen. Der liebende Gott ist jedenfalls nicht "der liebe Gott". Gott ist nicht der große Unparteiische, der über allem steht, nicht der harmlose Allerweltsgott, das Schmusepüppchen, mit dem Menschen Hoppereiter spielen. Der liebende Gott ist auch der Verletzende. Das Alte und das Neue Testament erzählen viele Geschichten von verletzenden Gotteserfahrungen.

Freilich manchmal erreichen sie unerträgliche Dimensionen. Da kann ich nur noch Fragen stellen, die niemand beantworten kann. Warum verletzt Gott Menschen so über alle Maßen? Warum lässt er zu, dass seine Geschöpfe so sehr verwundet werden an Leib und Seele?

Die Fragen will ich nicht mit Antworten zum Schweigen bringen. Ich will sie umso nachdrücklicher stellen. Das wage ich, weil ich glaube, dass derselbe Gott, der uns verletzende und traumatisierende Erfahrungen zumutet, sie sich selber nicht erspart. Die "verrückte Wahrheit", dass der Traumatisierende der Traumatisierte ist, macht mir dazu Mut.

Die Tränen Gottes gehören dazu, zu der "verrückten Wahrheit". Denn Tränen sind Ausdruck schmerzvoller, liebender Ohnmacht. Davon erzählen jüdische Bibelausleger so (zu 2. Mose 15): Als Israel aus der mörderischen Sklaverei in Ägypten durch das Schilfmeer hindurch befreit wurde, während seine Verfolger mit Mann und Ross im Meer ertranken, brachen die Engel im Himmel in Jubel aus. Gott aber wehrte dem himmlischen Jubel, weil er um die Ägypter und ihre Pferde weinte.

Musik




Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Pfarrerin Petra Schulze, Rundfunkarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland für Deutschlandradio und Deutsche Welle beim Gemeinschaftswerk der evangelischen Publizistik.

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