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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.09.2011

Wenn die Mutter mit dem Sohn

Antej Rávic Strubel: "Sturz der Tage in die Nacht", S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011, 438 Seiten

Antje Rávic Strubel (Temistokles)
Antje Rávic Strubel (Temistokles)

Ein junges Mädchen verliebt sich in einen Stasi-Mann und wird von ihm schwanger. Ihr Kind gibt sie zur Adoption frei. 25 Jahre später kommt es zu einer ungewollten Begegnung zwischen Mutter und Sohn - die schließlich zum Inzest führt.

In der Geschichte, die Antje Rávic Strubel in ihrem Roman "Sturz der Tage in die Nacht" erzählt, sind Inez und Erik von Beginn an präsent. Hingegen schleichen sich Rainer Feldberg und Felix Ton eher in das Handlungsgeschehen hinein. Schnell versuchen sie allerdings, tonangebend zu werden, was daran liegt, dass sie zu Zeiten, als es die DDR noch gab, für den Staatssicherheitsdienst des inzwischen untergegangenen Landes gearbeitet haben. Nicht eben literarisches Neuland, das Antje Rávic Strubel da beschreitet. Allerdings siedelt sie das Handlungsgeschehen auf einer zu Gotland gehörenden schwedischen Insel an – auf neutralem Boden also. Dort arbeitet Inez als Ornithologin und sie lässt sich auf ein Verhältnis mit Erik ein, obwohl der 16 Jahre jünger ist als sie. Das klingt nach einer seltsam anmutenden Geschichte.

Merkwürdige Töne geben auch die jungen Lummen von sich, wenn die Jungvögel – einem Instinkt folgend, sich von einer 60 Meter hohen Felswand in die Tiefe stürzen und dabei allein dem Ruf ihrer Eltern vertrauen. Als Inez Erik dieses Schauspiel zeigt, weiß er nicht, dass sie seine Mutter ist, und sie ahnt nicht, dass sie ein Liebesverhältnis mit ihren Sohn beginnt. Aus diesem Stoff sind antike Tragödien geformt, aber Rávic Strubel hat auch – und dieses "auch" ist zu betonen – ein Buch über das Meer und den Wind geschrieben. Häufig wird im Roman auf die Klappersteine verwiesen. Die vom Meer ausgewaschenen Steine, sind innen hohl. Im Innern aber ist ein versteinerter Schwamm zurückgeblieben, sodass die Steine klappern, wenn man sie schüttelt. Auch das "Ich", das behauptet zumindest Feldberg, klappert. Es hat Schwachstellen, wie Gedichte, deren Reim nicht stimmt und von denen man sagt, sie würden "klappern". Die Dissonanzen im Rhythmus sind zu hören.

Inez verliebte sich mit 16 in Felix Ton, einen Mitarbeiter der Staatssicherheit, und wurde von ihm schwanger. Ihr Kind gab sie zur Adoption frei. 25 Jahre später, der Roman spielt 2009, kommt es zu einer ungewollten Begegnung zwischen Mutter und Sohn, die schließlich zum Inzest führt.

Rávic Strubel erzählt eine bewegte Geschichte. Sie ist so bewegt ist wie die Ostsee, wenn der Wind mit dem Wasser spielt. Doch trotz großer Wellen, die Ostsee tut nur so, als wäre sie ein Meer. Sie erweckt den Eindruck, als wäre sie größer, als sie in Wirklichkeit ist. Größer, als es wirklich war, hat sich auch das Staatsgebilde gegeben, das einen langen Schatten wirft. Eigentlich ist es verschwunden, aber wie die Meeresbrandung rauscht es noch deutlich hörbar im Hintergrund.

Das Spektakuläre des Inzests hätte der Roman nicht gebraucht. Es hätte genügt zu zeigen, wie die Biografien der handelnden Personen von der Geschichte durcheinander gewirbelt werden, wie der einzelne vom Sturm häufig gerade in jenem Moment erfasst wird, wenn er sich öffnet und also ungeschützt ist, wenn er Vertrauen in eine Sache investiert, von der er glaubt, dass sie Zukunft hat. Diese Offenheit aus Gutgläubigkeit wird in der Geschichte, die Rávic Strubel erzählt, bestraft. Die Geschichte ist nicht milde. Anders als die Figuren in ihrem Roman, die schutzlos bleiben, werden die jungen Lummen, die in finsterer Nacht von einer hohen Felswand springen, erwartet. Ihr Mut wird belohnt, wenn sie sich kopfüber in das Abenteuer Leben stürzen.

Besprochen von Michael Opitz

Antej Rávic Strubel: Sturz der Tage in die Nacht
Roman
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011
438 Seiten, 19,95 Euro

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