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Fazit / Archiv | Beitrag vom 11.07.2012

Wenn die Mauern fallen

Tanz, Horror und Pirandello beim Festival d'Avignon

Von Ulrich Fischer

Der Palais des Papes in Avignon (AP Archiv)
Der Palais des Papes in Avignon (AP Archiv)

Einen Blick in die Seelenlage unserer französischen Nachbarn gewähren Stücke von Sidi Larbi Cherkaoui, Guillaume Vincent und Stéphane Braunschweig beim Theaterfestival in Avignon.

Das Festival d’Avignon ist das größte Sommerfestival Frankreichs, es gilt als tonangebend in Europa und hat weltweite Ausstrahlung. Die Einladung, in Avignon aufzutreten, bedeutet für jeden Künstler einen Zuwachs an Prestige. Für Besucher ist Avignon während des Festivals so attraktiv, weil neben dem internationalen noch ein Festival der Freien Gruppen über die Bretter geht, die die Welt bedeuten, und viele Straßenkünstler Plätze und Avenuen in der Altstadt beleben. Ein Besuch des Festivals bringt mehr als die übliche touristische Erfahrung, weil Aufführungen einen aufschlussreichen Blick in die aktuelle Seelenlage unserer französischen Nachbarn ermöglichen.

Tanz im Steinbruch

Die meisten Spielstätten liegen in Avignons Altstadt, eine außerhalb in einem alten Steinbruch. Der Carrière de Boulbon ist berühmt geworden, weil hier vor Jahren Peter Brook eine alte indische Sage auf die Bühne gebracht hat. In diesem Jahr präsentiert hier der Choreograph Sidi Larbi Cherkaoui seine neueste Produktion: "Puz/zle". Es geht um das nicht nur bei Kindern beliebte Spiel mit kleinen Teilen, aus denen man ein großes Bild zusammenfügen kann.

Sidi Larbi Cherkaoui erläutert, wie er auf seinen Titel "Puz/zle" gekommen ist:

"Mich haben die alten Steine im Steinbruch von Boulbon inspiriert. Als ich die alten Felsen und den Raum sah, wie alte Steine immer wieder herunterfielen, hatte ich den Eindruck, das wären Stücke eines Puzzles, die man wieder zurücklegen müsste. Das hat mich dazu gebracht, mein Stück "Puz/zle" zu nennen, weil ich mir vorstellte, dass Leute versuchen könnten, die Stücke zurückzubringen an ihren Platz. Das ist natürlich utopisch, das könnten wir nie tun, nie schaffen – das erinnerte mich an Sisyphus. Auf einmal schufen diese beiden Bilder für mich die Essenz von dem, was dann "Puz/zle" wurde. Eine Form, die wir in Tanz, Bewegung, Raum und Zeit zu reflektieren versuchen. Ein Mythos über den Stein, den man einen Hang hinaufwälzt und der immer wieder herunterfällt. Deswegen hatte ich den Impuls, den Raum zu ehren."

Ob allerdings das Puzzle, das Cherkaouis Tanzstück darstellt, ein Ganzes bildet oder sich die Elemente nicht zu einem Bild fügen, das bleibt bis zum Ende die große Frage.

Auf der großen Bühne sind Quader angeordnet – lange, hohe, kurze, viele Würfel. Sie sind leicht. Zunächst bilden sie eine Mauer, gegen die das elfköpfige Ensemble (drei Damen, acht Herren) anrennen. Vergeblich. Dann merken sie, dass die Mauer aus Elementen besteht, zerlegen sie und bauen eine Treppe, auf der sie emporsteigen können.

Aber auf die Tat folgt die Untat. Anstatt gemeinsam emporzusteigen zu neuen Zielen, fängt einer an, den anderen zu hindern. Auf die gemeinsame Tat folgt die Konkurrenz – es geht wild zu wie im Alltag.

Auf die universelle Fabel folgen Szenen, die besonders an Nordafrika denken lassen. Sidi Larbi Cherkaouis Vater stammt aus Marokko – er nimmt ganz offenbar leidenschaftlich Anteil an der Arabellion. Da fallen Mauern, aber man kann die Steine prima nutzen, um neue Gefängnisse zu bauen. Wenn man das Dach weglässt, können die Vielen von den Mauern Steine auf den einzelnen Gefangenen werfen, bis er tot ist. Die Steinigung gehört zu den grausamsten Szenen – Cherkaoui warnt vor dem Rückfall in die Barbarei.

Die deprimierenden Bilder überwiegen in dem knapp zweistündigen Abend, eine humorvolle erzählt von Bildhauern, die ihre Kollegen als Statuen betrachten und ihnen mit Hammer und Meißel zu Leibe rücken. Sowohl die Pas de deux wie die Ensembleauftritte erinnern im Arrangement an Pina Bausch. Das Ensemble ist in blendender Form, jeder Tänzer ein Solist.

Musik begleitet die opulente Produktion, Sänger tragen Lieder aus dem Okzident, vor allem aber aus dem Orient vor. Schade, dass die Verse nicht übersetzt werden.

Am Schluss hat der Zuschauer viele Teile, er muss sie selbst zusammensetzen – die Frage geht wohl auf die Geschichtsphilosophie, auf die Zukunft. Wird es besser? Oder vertun wir unsere Chancen wieder? Oder kann man aus der Vergangenheit nichts für die Zukunft lernen?

Ein tänzerisch ergiebiger, philosophisch tiefsinniger Theaterabend, der unter dem Firmament in der Provence, vor der Kulisse eines alten Steinbruchs seine volle Wirkung entfalten kann. Einhelliger, langer, begeisterter Applaus – voll verdient.

Surreales in der Büßerkapelle

"La nuit tombe …" – "Die Nacht bricht herein …" ist ein treffender Titel für Guillaume Vincents neues Stück, das er auch selbst inszeniert hat. Der hochdramatische Unterton bestätigt sich schnell, die Szenen spielen in einem Hotelzimmer und niemand weiß, wo es sich befindet: In China, in Deutschland, in Frankreich, in den Vereinigten Staaten? Ebenso wenig weiß man, wann die jeweilige Szene spielt. Konsequenterweise sind die Leitfragen: "Wo bin ich?" und: "Wer bin ich?"

Das Bett spielt eine große Rolle, erotische Verwicklungen gibt es immer wieder, häufig ist auch vom Tod die Rede und beides hängt auf rätselhafte Weise eng zusammen. Die zentrale Szene zeigt einen jungen Mann, der seine Freundin quält und demütigt, wobei er mit seinem Handy filmt, wenn er sie schlägt. Warum, fragt man sich – aber das ist eine Grundfrage, die nie beantwortet wird. Filmbilder werden projiziert, es gibt eine Fülle von Effekten aus Horrorfilmen. "La Nuit tombe…" ähnelt überhaupt mehr einem Drehbuch als einem Theaterstück. Fassbinder gibt Guillaume Vincent als eines seiner Vorbilder an, ein anderes Buñuel – aber beide sind viel besser. Origineller. Witziger. Geistreicher.

Vincent bringt nichts wirklich Neues. Obwohl sein Stück kaum länger als eineinhalb Stunden ist, ist es langweilig. Dennoch war der Beifall in der ausverkauften Kapelle der weißen Büßer einhellig und begeistert. Trotzdem, mit diesem Stück ist Guillaume Vincent auf dem Holzweg.

Mord im Klostergarten

Stéphane Braunschweig hat sich in Frankreich vor allem mit Inszenierungen von Brecht und Büchner einen Namen gemacht – Gesellschaftskritik. In letzter Zeit hat er sich mit Pirandello auseinandergesetzt – Erkenntniskritik. Die Premiere von "Sechs Personen suchen einen Autor" ist weithin gelungen.

Braunschweig und sein Ensemble vom Nationaltheater La Colline aus Paris stellen, wie der Text nahelegt, die "richtigen" Schauspieler und die "Personen" einander gegenüber, also die Figuren, die ein Autor sich ausgedacht, aber dann verworfen hat, weil ihm die Handlung zu abgeschmackt erscheint. Jetzt sind die sechs Figuren auf der Suche nach einem Autor, damit er ihre Geschichte zu Ende schreibt und sie endlich tun können, was ihr Schicksal ist: auf der Bühne auftreten.

Nach anfänglichen Bedenken lässt der Regisseur sich auf das Spiel ein, aber die Personen sind entsetzt, wie die Schauspieler ihre Rollen auffassen – es hat so gar nichts mit ihrem Schicksal zu tun. Der Vater sucht die Dienste eines leichten Mädchens, trifft dabei auf seine Stieftochter, ohne sie zu erkennen, und wird von seiner ehemaligen Frau erwischt. Sie schreit – einer der berühmtesten Bühnenschreie des 20. Jahrhunderts.

Als das Stück entstand, 1921, hatte das fast tragische Wucht, heute ist die Wirkung nicht mehr ganz so wuchtig. Dennoch lässt Braunschweig in heutigen Kostümen spielen. Der Gegensatz von Schauspielern und Personen ist amüsant – aber zu stark betont. Die Schauspieler agieren nüchtern, der Vater ist ein alltägliches kleines Sexmonster, mehr nicht. Ein Blowjob, wer kann sich darüber heutzutage noch aufregen? Die "Personen" hingegen spielen im alten Staatstheaterstil mit viel Pathos, der Vater versucht seine Abenteuer als tragische Verstricktheit in einen übermächtigen Trieb darzustellen und zu entschuldigen. Dabei verliert Braunschweig nie aus den Augen, worum es Pirandello geht: Welche Darstellungsweise ist die angemessenere?

Braunschweig ist sein eigener Bühnenbildner – und er hat überzeugende Ideen. Rechts liegt ein ganz gewöhnlicher Konversationsraum, wie er in wohl jedem Theater zu finden ist. Links eine weiße Fläche mit weißer Wand, auf die Filme projiziert werden – und Schatten. An der Rampe sorgen starke Scheinwerfer für die Effekte. Wenn ein Schauspieler weit hinten auftritt, ist sein Schatten klein, je weiter er nach vorn kommt, desto größer wird er. Bei den "Personen" fällt so ins Auge, dass sie größer sind als das Leben, die Kunst sie bedeutender macht – aber es sind halt Schatten nur, zweidimensional, keine Menschen.

Das ist die ausgewogene Auskunft – die Kunst kann größer sein als das Leben, aber nie so voll, so reich.

Für den Schluss hat sich Braunschweig noch einen besonderen Effekt ausgedacht. Ein kleiner Film wird auf die weiße Wand projiziert: Ein Schauspieler öffnet die Tür, er trägt die Maske von Pirandello, zieht eine Pistole und erschießt den Regisseur. Gnadenlos. Dann fällt die weiße Wand mit lautem Knall um und das Publikum sieht hinter der illusionserzeugenden Wand die nackte Bühne.

Ein geistreicher Effekt, der zur Interpretation einlädt – Pirandello hasste das Theater seiner Zeit wegen dessen Mittelmäßigkeit. Es ist wie heute. Nicht nur in Frankreich.

Das überragende Theaterereignis ist bislang in Avignon ausgeblieben – aber es kann ja noch kommen. Das Festival dauert noch bis um 28. Juli.

Informationen des 66. Festival d'Avignon

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