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Wenn der Duft zum Erlebnis wird

Der Parfumdesigner Serge Lutens im Porträt

Von Bettina Kaps

 54 Parfums hat Serge Lutens schon kreiert.
54 Parfums hat Serge Lutens schon kreiert. (Stock.XCHNG)

Er gilt als Avantgardist seiner Zunft: Serge Lutens ist einer der bekanntesten Parfumdesigner unserer Zeit. Er lässt ganz persönliche Düfte kreieren, die so intensiv und außergewöhnlich riechen, dass sie nicht immer leicht zu tragen sind.

"Parfum ist für mich wie Literatur. Es ist eine Sprache, mit der ich eine Persönlichkeit beschreiben will. Wer ein Parfum benutzt, der sucht es aus wie einen Roman: mit der Absicht, darin eine Facette von sich selbst zu finden – sonst würde er diesen Roman schnell weglegen. Das gleiche gilt für Parfum: Wenn man sich darin nicht wiederfindet, ist es uninteressant. Dann riecht es halt, mehr nicht."

Serge Lutens sitzt auf einem niedrigen harten Holzschemel. Der Parfumdesigner, 70 Jahre alt, hat ein asketisches Gesicht. Die grauen Haare sind mit Brillantine aus der Stirn gekämmt. Vor ihm sind seine Düfte aufgereiht, 54 Parfums hat er schon kreiert.

"Als ich vor 20 Jahren anfing, Düfte zu entwerfen, waren die meisten Parfums eine Suppe von Zutaten, die nach irgendetwas rochen. Parfum wurde in Teamarbeit beschlossen. Man stellte sich einen bestimmten Frauen- oder Männertypus vor, in der Absicht, das Produkt einer gesellschaftlichen Zielgruppe zu verkaufen. Der Duft, der dabei herauskam, hatte keine Identität. Für mich aber ist Identität das allerwichtigste: Ein Parfum soll die Persönlichkeit stärken."

Lutens ging immer einen eigenen Weg, spürte seinen Intuitionen nach. Mit 14 Jahren arbeitete er in seiner Heimatstadt, dem nordfranzösischen Lille, als Lehrling in einem Friseursalon. Dort schminkte der junge Serge seine Freunde, später auch Mannequins, fotografierte sie. Die avantgardistischen Bilder erzeugten Aufsehen. Als er 20 Jahre alt war, lud ihn die Luxusillustrierte "Vogue" ein, für sie zu arbeiten. Dann beauftragte ihn das Haus Christian Dior, die Lippenstiftkollektion zu entwerfen. 1980 wurde Lutens Kreativdirektor bei Shiseido. Für den japanischen Kosmetikriesen arbeitet er heute noch.

"Ich habe nie eine Schule besucht, ich habe alles allein gelernt: Fotografie, Film, Schminke, Parfum... Ich habe durch die Schminke gelernt, durch die Fotografie, durch das Parfum. Das waren meine Partner und sie haben mir beigebracht, wie es geht."

Seine Geschichte mit dem Parfum begann mit einem starken Geruchserlebnis. Viele Jahre, bevor er ernsthaft daran dachte, jemals einen Duft zu entwerfen.

"Auf einer Reise nach Marokko habe ich ein Stück Zedernholz aufgesammelt, das war 1968. Ich habe mir gesagt: falls ich einmal ein Parfum mache, wird es so riechen. Ich habe auch ein Stück Bernstein mitgenommen, daraus wurde sehr viel später das Parfum 'Ambre Sultan'. Holz und Amber, diese Fundstücke habe ich sorgfältig in Schachteln aufbewahrt."

Erst ein Vierteljahrhundert später kreierte er "Féminité du Bois", so heißt sein erster Duft. Lutens nimmt das Flacon in die Hand, taucht einen Teststreifen hinein, riecht. Ein würziger Duft nach Zedernholz entfaltet sich. Das Parfum besteht zu 60 Prozent aus holzigen Noten. Das war revolutionär, niemand vor ihm hatte es gewagt, solche Herbheit mit Weiblichkeit zu verbinden. Die Fachwelt war begeistert, Lutens wurde auf einen Schlag als Parfumavantgardist gefeiert. Seither kreiert er mindestens zwei Düfte pro Jahr. Immer riechen sie durchdringend, ja regelrecht betäubend.

Serge Lutens kraust die Stirn. Mit seiner ausdrucksstarken Mimik und den schwarz geschminkten Augenbrauen erinnert er jetzt an einen Schauspieler der Stummfilmzeit. Er ballt die Hand zur Faust: Die moderne Welt mit ihren Duftsprays, Duftkerzen, Duftgels und duftenden Potpourris ist ihm unerträglich.

"Odorisieren und desodorisieren ist heutzutage ein und dasselbe. Wir parfümieren, um zu maskieren. Nichts ist schrecklicher! Dass man ein schlecht gelüftetes Zimmer mit Jasmin parfümiert und eine Toilette mit Lavendel – so etwas hasse ich."

Selbst seinen Überdruss an der Duftüberflutung hat er zu einem Parfum verarbeitet. Lutens zeigt auf ein schlankes Flakon mit glasklarer Flüssigkeit. Er nennt es ein "Anti-Parfum", das seine Träger mit dem Duft von Reinheit umgeben soll.

"Es ist meine Reaktion auf diese überparfümierte Welt, die sogar bewirken kann, dass uns Parfum regelrecht abstößt. Das Parfum heißt L´Eau – also Wasser. Es bricht mit allem, was ich bisher kreiert habe. L´Eau weckt in mir diese Kindheitserinnerung: wie es sich anfühlt, wenn man in ein sauberes Bett schlüpft. Ein Duft, der sich mit einem Erlebnis verbindet, ist wunderbar."

Vom Verkaufsraum dringen leise die Stimmen einzelner Kunden hoch. Serge Lutens lacht lautlos in sich hinein. Keiner seiner Düfte, sagt er, ist je ein Verkaufsschlager geworden. Es hätte ihm auch nicht gefallen.

"Ich ziehe es vor, ein Schlusslicht zu sein, nicht Top Ten, sondern unter den letzten Zehn. Ich will zu einer Welt gehören, die auswählt, die die Regeln umstößt, die erfindet, neue Pfade einschlägt, und nicht zu einer Welt, die sich in Rastern bewegt. Ich ziehe Dinge vor, die ausrasten!"

Mehr zum Thema bei dradio.de:

Duft-Oase der Ruhe - Zu Besuch in einer Parfüm-Manufaktur in Berlin
Länderreport - Stadt der Spürnasen



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